Interview

Dominik Stadler seit 100 Tagen Bürgermeister in Babenhausen

Die Zeichnungen seiner beiden Kinder prägen das Büro von Bürgermeister Dominik Stadler.
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Die Zeichnungen seiner beiden Kinder prägen das Büro von Bürgermeister Dominik Stadler in Babenhausen.

Wie die Zeit vergeht – am 17. Januar hat Dominik Stadler sein Bürgermeister angetreten. Die ersten 100 Tage auf dem Chefsessel im Rathaus sind rum.

Babenhausen - Der 39-Jährige hatte sich im vergangenen November als unabhängiger Kandidat bereits im ersten Wahlgang gegen Amtsinhaber Joachim Knoke (SPD) mit 54,9 Prozent durchgesetzt (Knoke: 36,6 Prozent, Arnd Krug, unabhängig, 8,4 Prozent).Im Interview spricht der in Rödermark aufgewachsene Stadler über die ersten großen Herausforderungen.

100 Tage im Amt haben Sie gemeistert. Wie lautet Ihr erstes Fazit als Bürgermeister?

Gut bis sehr gut. Es ist genau das Richtige für mich. Die Arbeit ist spannend und herausfordern und umfangreich. Es macht sehr viel Spaß. Das liegt auch an den tollen Mitarbeitern. Es ist ein sehr motiviertes Team mit Leuten, die auch mal über die normale Arbeitszeit hinaus zusammen arbeiten wollen.

Was ist für Sie persönlich derzeit die größte Herausforderung?

Da muss ich ganz klar sagen, das ist der Zeitfaktor für die Familie. Das habe ich etwas anders eingeschätzt. Dass es viel wird, war mir bewusst. Dass es so viel ist, aber nicht. Ich habe immer gedacht, dass man durch geschicktes Organisieren etwas verbessern kann. Das läuft nicht so rund, wie ich es mir vorstelle. Aber das ist auch viel der Themen geschuldet, die auf dem Schreibtisch liegen. Das sind viele und die sind groß.

Wird das in einem halben Jahr anders aussehen?

In einem halben Jahr nicht. Aber nach so anderthalb bis zwei Jahren. Dann sind wir hoffentlich an dem Punkt, an dem ich gerne sein möchte.

Und der wäre?

Dass ich mehr die Möglichkeit bekomme, etwas selber zu gestalten und eigene Vorstellungen und Ideen einzubringen. Noch gibt es leider zu viele Themen, die zu lange bekannt oder präsent sind, die, warum auch immer, und das meine ich völlig wertfrei, noch da sind oder noch nicht abgeschlossen sind.

Was steht ganz oben auf der Prioritätenliste?

Die ganz großen Punkte betreffen den Baubereich. Also die Hallen, grundsätzlich alle städtischen Gebäude, der geplante Neubau für die Feuerwehr zwischen Hergershausen und Sickenhofen, die Kaserne und der Neubau der Kita Hergershausen. Dazu kommt das Mobilitäts- und Verkehrskonzept. Und dann ist da noch das allumfassende Thema Gewerbeansiedlungen. Das sind alles sehr große, sehr umfassende Bereich. Da hat man als Nicht-Bürgermeister eine etwas andere Vorstellung von.

Zum Beispiel?

Ich weiß ja selber noch, wie ich im Wahlkampf gesagt habe, dass kann das Baumamt doch selber machen. Da bin ich auch noch dabei. Das kann auch ein Bauamt selber machen, wenn es nichts anderes zu tun hat. So ein Bauleitverfahren wie für die Feuerwehr Hergershausen/Sickenhofen ist sehr komplex. Vor allem, wenn wir bauen möchten, wo es null Baurecht gibt. Das dauert halt dann doch drei bis vier Jahre.

Angst vor den großen Themen haben Sie aber nicht?

Nein, natürlich nicht. Große Themen werden immer da sein, aber große Themen sind auch dafür da, dass man sie irgendwann anfangen muss. Da bin ich jetzt soweit, da muss vielleicht auch mal die Brechstange angesetzt werden, damit es vorangeht.

Thema Kita-Neubau in Hergershausen: Wie ist da der Zeitplan?

Ich hoffe, dass wir in zweieinhalb, spätestens drei Jahren eine vollständig eingerichtete Kita haben. Das ist mein Ziel. Nach Möglichkeit auch schneller. Aber es wird schwierig. Das liegt nicht daran, dass wir das nicht leisten können oder kein Geld da ist, sondern dass wir aufgrund des Auftragsvolumen ein aufwendiges, europaweites Ausschreibungsverfahren haben.

Sollte da nicht ein neues, innovatives, kostensparendes Vergabe und Bauverfahren über eine Anwaltskanzlei zum Zuge kommen?

Diesen Beschluss werden wir zurückholen, weil wir festgestellt haben, dass das für uns eine Variante ist, die wir so aus baufachlicher Sicht nicht machen wollen. Es funktioniert nicht, wie wir es uns vorgestellt haben. Wir sind mit der Politik bereits im Gespräch darüber, wie es weitergehen soll.

Was sind die anderen wichtigen Themen?

Kommen muss das Mobilitäts- und Verkehrskonzept, das uns aufzeigen wird, wie wir die beste Entlastung für die B26 bekommen. Und ich werde ein Konzept vorstellen, wie es nach der Kündigung mit dem ASB mit der Kinderbetreuung weitergeht.

Wann kommt das Mobilitäts- und Verkehrskonzept?

Noch vor der Sommerpause soll es vorgestellt und andiskutiert werden.

Mussten Sie schon Ihren Amtsvorgänger Joachim Knoke anrufen? Er hatte angeboten, für Fragen zur Verfügung zu stehen.

Nein, das war bislang nicht notwendig.

Verwaltungsintern haben Sie mit dem Schaffen einer bei der Kinder- und Jugendförderung angesiedelten neuen Stabsstelle erste neue Strukturen geschaffen. Warum?

Es war die Überlegung, dass ich die Kinder- und Jugendförderung eigenständiger machen möchte, um da auch neue Ideen umsetzen zu könne. Die Mitarbeiter dort sind sehr motiviert. Für einen eigenen Fachbereich sind sie noch zu klein. Die Stabstelle war jetzt die Möglichkeit, dass umzusetzen mit dem Bürgermeister als direkten Vorgesetzten. In Zukunft soll hier auch der Bereich Kultur und Kulturprogramm bearbeitet werden.

Haben Sie in Ihrem Büro Änderungen vorgenommen?

Ich haben mehr Pflanzen und ich habe die Vorhänge abgehängt. Sonst nichts. Mehr brauche ich auch nicht. Wenn wir mal ein paar Euro zuviel haben, freue ich mich, wenn wir einen neuen Teppichboden reinlegen (Stadler zeigt auf den fleckigen, hellgrünen Boden). Aber das hat gerade keine Priorität. Es ist sehr funktional.

Wie ist es denn jetzt, wenn man durch die Stadt läuft und man nun die Amtsperson ist?

Man kommt nicht mehr so schnell von A nach B. Früher war es so, dass ich gesagt habe, ich gehe mal schnell in den Supermarkt, wenn noch etwas zu besorgen war. Ich gehe jetzt auch noch in den Supermarkt, aber nicht mehr schnell. Weil man immer irgend jemanden trifft und man dann auch immer was zu reden hat. Die Zeit möchte ich mir dann auch nehmen.

Sie haben bereits den Zeitfaktor fürs Familienleben erwähnt. Wie gehen Ehefrau und ihre beiden Töchter (sieben und fünf Jahre alt) damit um?

Meine Frau geht noch sehr gut damit um. Für sie ist das nicht ganz so problematisch. Mit den Kindern ist es aktuell schwieriger, auch wegen Corona, weil eben nur wenig außerhalb der Familie stattfindet. Denen fällt dann umso mehr auf, dass Papa weniger als früher zuhause ist. Das ist für mich auch ein emotionales Thema. Ich versuche, wenn ich zuhause bin, dass durch eine gesteigerte Qualitätszeit mit meinen Kindern etwas zu kompensieren. Aber diejenige, die am meisten darunter leidet, ist die Frau. Ein Großteil meiner Zeit beansprucht die Arbeit, dann kommen die Kinder und dann halt erst die Frau.

Auf was freuen Sie sich am meisten, wenn die Corona-Infektionszahlen wieder mehr Normalität erlauben?

Am meisten freue ich mich darauf, wenn ich in der Bummelgasse wieder in der Gastronomie Menschen sitzen sehe, die sich einfach freuen, gesellschaftlich etwas Miteinader zu machen. Ich würde auch als Allererstes mit meiner Familie einen Pfannkuchen oder Ähnliches essen gehen. Das fehlt mir.

Wie läuft es in der Corona-Pandemie im Rathaus?

Im Rathaus sind wir sehr aufgestellt. Gerade zu Beginn des Jahres haben wir noch sehr viel angeschafft. Und eine ganz saubere Homeoffice-Lösung gefunden und installiert, um Mitarbeitern das Arbeiten von zuhause anbieten zu können. Darüber hinaus haben wir Pläne für den Fall der Fälle, wenn jemand positiv getestet werden sollte. Corona-Tests haben wir auch in ausreichender Menge, ebenso Masken, Desinfektionsmittel und Plexiglasscheiben.

Der Satzungsbeschluss für die Kaisergärten war schon vor der Normenkontrollklage umstritten. Für Kritik hat der von Ihnen in der letzten Phase mit Eile vorangetriebene Beschluss gesorgt. Wie schauen Sie rückblickend darauf? Alles richtig gemacht?

Ja. Es war das absolut richtig so vorzugehen. Ich würde es wieder so machen, würde aber meine Kommunikation verbessern wollen. Insbesondere mit der Politik. Da würde ich eine ganze Ecke besser kommunizieren und würde mehr darauf drängen, einen zusätzlichen Kasernenausschuss einzuberufen, um darüber zu sprechen. Oder ich würde etwa an Fraktionssitzungen teilnehmen. Aber es war in einer Hochphase von Corona und ich frisch im Amt. Das war alles sehr, sehr schwierig. Aber ich habe das mit allen Führungskräften im Rathaus, auch den Nicht-Bauexperten besprochen, und wir kamen zu dem Schluss, es ist das richtige Vorgehen.

Haben Sie von Ihren Mitarbeitern schon ein Feedback für Ihr Wirken bekommen?

Ich glaube, da ist man sich noch uneinig, wie offen man mit mir darüber sprechen kann. Ich versuche, ein Stück weit vorzuleben, dass man mich immer ansprechen kann. Ich bin meist sehr früh im Rathaus und in den ersten ein, zwei Sunden steht meine Tür offen. Das wird auch genutzt. Und auch bei persönliche Problemen, gerade jetzt in der Corona-Zeit zum Beispiel bei der Kinderbetreuung, versuchen wir Möglichleiten zu finden, dass der Mitarbeiter weiter arbeiten kann und sich keinen Urlaub nehmen muss.

Hat man Sie im Rathaus auch schon ausgebremst?

Man ermahnt mich manchmal, nicht so viele Baustellen gleichzeitig aufzumachen. Das ist auch gut so. Ich habe den Leuten gesagt, dass ich das von ihnen auch erwarte, da ich natürlich in der ein oder anderen Thematik noch nicht so tief drin bin und manchmal auch noch etwas laienhafte Vorstellung von manchen Abläufen habe. Unabhängig davon sage ich dann: Man kann es ja trotzdem anstoßen. Man muss ja irgendwann anfangen.

Das Stadtparlament hat sich konstituiert. Wie blicken Sie auf die auf die Legislaturperiode?

Meine Aufgabe ist, und das möchte ich vorleben, dass inhaltlich und sachlich sauber ausgearbeitete Vorlagen eingebracht werden, um dann der Politik die Möglichkeit zu geben, eine Entscheidung zu treffen. Ich kann nur die Inhalte liefern, die Probleme und die Lösungen darstellen. Die Entscheidung ist dann eine politische. Das Novum mit mir ist jetzt, dass alles von jemanden vorgestellt wird, der keiner Partei angehört. Das ist eine riesengroße Chance für alle Parteien, auch selber Farbe zu bekennen, um zu sagen, was ihnen wichtig ist.

Was sind Ihre erste Erfahrungen damit?

Man ist halt der Überbringer der schlechten Nachrichten. Aber, und das ist meine Aufgabe, Lösungsmöglichkeiten aufzuzeigen. Auch wenn es im Moment keine ganzheitliche Lösung gibt, müssen Lösungen für Teilmöglichkeiten gefunden werden.

Haben Sie ein Beispiel?

Ja, bei den Hallen, die teilweise nur eingeschränkt nutzbar sind. Vielleicht können keine großen Veranstaltungen stattfinden, aber eben Angebote für Kleingruppen. Diese unbequemen Debatten müssen aber geführt werden. Wir haben städtebaulich ein historisches Erbe. Und wenn man etwas Altes hat, was man erhalten möchte, dann kostet das Geld. Nicht nur jetzt, sondern immer wieder. Jeder Fachwerkhausbesitzer kann das bestätigen.

Sie reden von der Diskussion um die Stadtmühle?

Ja, aber da ist ja noch viel mehr. Das Burgmannenhaus, historische Türme und die Stadtmauer.

Wo sehen Sie Babenhausen in sechs Jahren?

An einem weiterentwickelten Punkt. Wir haben einen Plan, wie das Verkehrsproblem gelöst wird und die Kaserne ist großteils entwickelt. Wir sind bei über 20 000 Einwohnern und alle haben den Kinderbetreuungsplatz, den sie brauchen. Corona ist weitgehend verschwunden und Kultur und Freizeitaktivitäten finden wieder statt. (Norman Körtge)

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