Dirk A. Diehl beschäftigt sich mit dem fliegenden Säugetier

Der Fledermaus-Mann

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Der Langstädter Biologe Dirk A. Diehl mit einem Modell eines Großen Mausohrs. Es wird manchmal auch als Riesenfledermaus bezeichnet.

Langstadt - Schon in seiner Diplomarbeit vor vielen Jahren flatterte es mächtig: Dirk A. Diehl schloss sein Biologie-Studium an der TU Darmstadt einst mit einem Werk über das Jagdverhalten der Breitfügelfledermaus ab.

Heute ist der 50-jährige Langstädter freiberuflich als Biologe tätig und nimmt im Natur- und Artenschutz vielfältige Aufgaben wahr. Im Interview mit unserem Mitarbeiter Jens Dörr skizziert er die Lage der teils bedrohten Fledermausarten im Landkreis.

Herr Diehl, was fasziniert Sie persönlich an der Fledermaus – neben dem Umstand, dass sie das einzige Säugetier ist, das fliegen kann?

Ich bin ursprünglich über eine Kopfentscheidung auf die Fledermäuse gekommen. Die Tiere waren in einem Bestandstief und jemand musste sich um ihren Schutz kümmern. Wer aber einmal unvoreingenommen eine Fledermaus betrachtet hat, den lassen die Tiere nicht mehr los. So ging es auch mir.

Seit wann befassen Sie sich näher mit den Fledermaus-Arten? Wie genau setzen Sie sich für die Tiere ein?

Die ersten systematischen Aufzeichnungen über Fledermäuse habe ich 1982 angefertigt. Als Begleiter meines Vaters bei der Kontrolle von Kirchen auf Schleiereulen-Bruten fiel mir auf, dass auf den Kirchenböden gelegentlich Spuren von Fledermäusen anzutreffen waren, aber fast nie auch aktuelle Funde. Da begann ich die Beobachtungen zu notieren.

Wie sieht Ihre Arbeit aus?

Das Gros der Zeit für die Fledermäuse verteilt sich auf die Bereiche Öffentlichkeitsarbeit wie Vorträge, Fledermausexkursionen und –abende, Beratung von Hausbewohnern bei Fledermausfragen und die Versorgung von Fledermausfindlingen. Wichtigen Anteil hat daneben die Erfassung von Fledermäusen. Für uns spielt aber auch der Erfahrungsaustausch und die Weiterbildung unserer Aktiven eine Rolle. Regelmäßige Treffen und spezielle Fortbildungsveranstaltungen sind deshalb fester Bestandteil meiner Arbeit.

Wie viele Arten gibt es deutschlandweit, wie viele in Südhessen?

Für Deutschland sind derzeit 26 heimische Fledermausarten nachgewiesen, die mehr oder weniger regelmäßig in Deutschland auftreten. Für Südhessen gibt es Nachweise von 22 Arten, wobei vier Arten als ausgestorben oder verschollen angesehen werden müssen. Von einer dieser Arten kann ein früheres Vorkommen in Hessen aber nur angenommen werden.

Gelten sämtliche Fledermaus-Arten als gefährdet?

Die Gefährdung der Arten ist unterschiedlich. Einige gelten derzeit auf Bundesebene als ungefährdet, allerdings berücksichtigen die Listen nicht die jüngsten Entwicklungen. Die Rote Liste Deutschlands ist von 2009, die hessische Liste von 1996. Und gerade bei den auf Bundesebene als ungefährdet angesehenen Arten haben sich in den letzten Jahren bedenkliche Trends ergeben; Abendsegler und Wasserfledermaus haben erkennbare Bestandsrückgänge erlitten, auch die Zwergfledermaus hat mit der Fassadendämmung und der damit einhergehenden Zerstörung von Quartieren nicht unerhebliche Probleme. Für unsere Region, für die wir im Fledermausschutz Südhessen ja eigene Daten vorliegen haben, kann keine Fledermaus als ungefährdet betrachtet werden.

Welche Art ist im Landkreis Darmstadt-Dieburg am häufigsten gezählt oder registriert worden? Welche Arten gibt es, deren Fund oder Beobachtung in der Region eine Rarität darstellt?

Im Hinblick auf die flächenhafte Verbreitung von Quartieren und auch der Bestandszahlen ist die Zwergfledermaus die häufigste und am weitesten verbreitete Fledermausart. Kaum ein Dorf verfügt nicht wenigstens über eine Wochenstube der Art. Seltenheiten des Kreises sind Mopsfledermaus und Nordfledermaus.

Was bedroht die Bestände der Fledermaus-Arten am stärksten?

Neben allgemeingültigen Gründen wie etwa dem dramatischen Verlust von Insektenbiomasse als Nahrungstiere der Fledermäuse ist die weitere Bedrohungslage der Tiere abhängig von artspezifischen Verhaltensweisen und Vorlieben. Forstliche Maßnahmen können Waldbewohner bedrohen, Dachboden-Bewohner trifft es bei Aufstockung und Dachbodenausbau, Fassadenbewohner durch Fassadendämmung. Hochfliegende Fledermausarten müssen mit Gefahren wie der Windkraft klarkommen, die niedriger fliegenden Arten mit dem Verkehrsgeschehen. Technische Einrichtungen können sich als Falle erweisen. Selbst ein offenes Gefäß – ein Eimer, eine Vase, ein Blumentopf – kann für Fledermäuse gefährlich werden. Die Tiere bemerken die Öffnung, fliegen hinein und kommen nicht mehr heraus. Das Sozialverhalten der Tiere macht dann aus einem einzelnen Fängling mehr, weil Artgenossen auf die Rufe der gefangenen Fledermaus reagieren. Daneben ist aber auch die Durchlässigkeit der Landschaft nicht mehr überall gegeben; einige Fledermausarten orientieren sich auf ihren Flügen an Strukturen wie Hecken- oder Baumreihen. Fehlen die, können sich diese Arten die Landschaft kaum erschließen.

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Wie kann die Gesellschaft den Tieren helfen?

Viele dieser Probleme können nur durch ein grundsätzliches Umdenken im Umgang mit den Tieren gelöst werden. Die Menschen müssen von sich aus auf den Gedanken kommen, dass bestimmte Dinge ihren Mitgeschöpfen gefährlich werden können und sie von sich aus abstellen. Die Unteren Naturschutzbehörden – so auch die im Kreis Darmstadt-Dieburg – bemühen sich sehr, diesen Gedanken umzusetzen und so müssen regelmäßig bei Abriss- oder Umbauplanungen auch die Belange des Artenschutzes berücksichtigt werden. Aber sie kann eben nur dort aktiv werden, wo ihr entsprechende Fälle mitgeteilt werden. Staatliche Stellen könnten durch konsequente Umsetzung der gesetzlichen Vorgaben in Genehmigungsverfahren einen großen Beitrag für die Erhaltung von Fledermäusen leisten. Ob die Bemühungen zum Schutz der Tiere ausreichen, ist nicht so einfach zu sagen. Als flugaktive Tiere haben Fledermäuse große Aktionsradien. Lokal gute Bedingungen können bei einer Art, die im Laufe des Jahres regelmäßig Flüge über mehrere hundert Kilometer durchführt, schnell durch Probleme an anderer Stelle aufgehoben werden.

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