Über Hoffnung und den Wiederaufnahmeantrag

Doppelmord-Prozess: Interview mit Anja Darsow

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Ehefrau Anja Darsow sichtet zusammen mit Strafverteidiger Gerhard Strate Unterlagen.

Babenhausen - Der 11. Mai ist für Anja Darsow ein prägnantes Datum. An jenem Tag im Jahr 2010 wurde ihr Mann Andreas wegen Mordverdachts festgenommen. Es war sein letzter Tag in Freiheit. Von Norman Körtge 

Den kommenden Freitag, 11. Mai, haben Anja Darsow und Rechtsanwalt Gerhard Strate nun ausgewählt, um beim Landgericht in Darmstadt den Wiederaufnahmeantrag einzureichen. Der Doppelmord-Fall soll noch einmal aufgerollt werden. Die 41-Jährige, die mit ihren drei Kindern (acht, 15 und 18 Jahre alt) nach wie vor in Babenhausen wohnt, ist von der Unschuld ihres Mannes fest überzeugt.

Frau Darsow, haben Sie ein Bild vor Augen, wie ihr Mann als freier Mensch aus dem Gefängnis kommt?

Ja, das habe ich. Das Tor geht auf, er steht da mit seinem kleinen Köfferchen und er darf raus.

Im vergangenen Jahr durften Sie und Ihre Familie ihn schon einmal mehr oder weniger in Freiheit erleben.

Das war am 15. Geburtstag unserer Tochter. Auch wegen guter Führung hatte er nach acht Jahren das erste Mal für vier Stunden Freigang. Zwei Justizbeamte waren dabei und er trug Fußfesseln. Wir waren in Schwalmstadt essen und dann zwei Stunden spazieren. Für ihn war es ganz toll, diese Weite zu erleben, in die die Ferne schauen zu können.

Hat die Zeit im Gefängnis Ihren Mann verändert?

Ich stelle fest, dass er sehr dankbar ist für kleine Dinge. Zum Beispiel eine Tafel Schokolade. Er freut sich auf Besuche und Gespräche. Und sehr über Freunde, die zu ihm halten.

Ihr Mann sitzt als verurteilter Doppelmörder im Gefängnis. Sie sind von seiner Unschuld fest überzeugt? Hatten Sie irgendwann Zweifel daran?

Natürlich denkt man zuerst: um Gottes Willen. Aber ich wollte von Anfang an alle Unterlagen sehen. Ich wollte mir selbst ein Bild davon machen. Ja, Zweifel gab es. Aber dann überlegt man: Warum soll er das getan haben? Und dann gibt es eben nichts.

Das Gericht hat als Tatmotiv die Ruhestörungen durch die Nachbarsfamilie angeführt. Waren Sie denn irgendwann so weit, dass Sie selbst gesagt haben, so geht das nicht mehr weiter, wir müssen da was machen?

Dieses Motiv des Richters kann ich bis heute nicht verstehen. Wir hatten damals zwei Kinder. Und ich sage immer: Kinder können lauter als ein Düsenjet sein. So viel zum Thema Ruhestörungen. Die Nachbarsfamilie hat sehr isoliert gelebt, in ihrer eigenen Welt, nach außen abgeschottet. Ich mag auch gar nicht so viel dazu sagen, weil ich glaube, dass das pietätlos ist.

Aber es gab Ärger wegen Ruhestörungen.

Wir sind 1999 eingezogen und in den ersten Jahren haben wir vermehrt laute Schreie gehört. Wir haben uns Gedanken gemacht, was da passiert und haben damals auch die Polizei eingeschaltet, dass die nachschauen soll. Das war 2000/2001. Aber das wurde im Laufe der Jahre besser. Sie haben sich wie gesagt isoliert, wollten auch keinen Kontakt. Und dann 2009 diese schreckliche Tat. Es gab in den Jahren nichts, was sich dermaßen aufgeschaukelt hat, dass man sagen konnte: jetzt raste ich aus. Es war ein Hinnehmen. Am Ende wird daraus ein Motiv, weil man Jahre zuvor die Polizei eingeschaltet hatte.

Und ihr Mann?

Mein Mann ist ein ruhiger und besonnener Typ, der nie gewaltätig war, der in Stresssituationen nie ausgerastet ist.

Der Angeklagte Andreas Darsow.

Am kommenden Freitag wird Rechtsanwalt Dr. Strate den Wiederaufnahmeantrag beim Landgericht einreichen. Wie ist ihre Stimmung vor diesem Tag?

Aktuell ganz gut. Ich denke, wir sind jetzt soweit. Wir habe viel Arbeit geleistet. Tolle Gutachter haben über die ganze Sache noch einmal neutral drüber geschaut.

Und wie groß ist bei Ihnen die Zuversicht, dass ihr Mann nach einem erneuten Prozess frei kommen könnte?

Der Gedanke ist auf jeden Fall positiv. Aber wir haben natürlich auch viel erlebt, unter anderem, dass die Revision abgelehnt wurde. Schon nach der Verhaftung haben wir gedacht, dass es sich nur um eine kurzfristige Sache handelt, dass sich alles schnell aufklären wird. Aber dann war dann doch alles anders als gedacht. Im Hintergrund ist aber schon die Angst, dass diese letzte Möglichkeit auch nicht klappen könnte. 

Worin begründet sich Ihre Hoffnung?

Wenn der Wiederaufnahme statt gegeben wird, kommt ein neuer Prozess. Und dann wird man sich noch einmal alles anschauen und meinen Mann dann wirklich entlasten. Damit das klar ist: Ich will keinen Mörder aus dem Gefängnis holen. Ich will, dass man sauber den Fall anschaut. Es sind so viele Dinge, die einfach nicht passen.

Wie ist der Kontakt zu dem renommierten Hamburger Anwalt Strate eigentlich zustande gekommen?

Wir waren auf der Suche nach einem Anwalt speziell für Wiederaufnahmeanträge Das kann nämlich nicht jeder. Ich habe sein Büro angeschrieben und den Fall geschildert. Zunächst kam eine Absage, dann hat sich Dr. Strate aber noch einmal persönlich gemeldet und an dem außergewöhnlichen Fall Interesse gezeigt.

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Das war 2013. Seit dem sind auch bereits einige Jahre vergangen.

Am Anfang hat Dr. Strate gesagt: Ich muss viel Geduld mitbringen. Es ist ein sehr komplexer Fall und für ihn eben nur ein „Nebenfall“. Er macht das für uns pro bono. Leisten könnten wir ihn uns sonst nicht.

Aus dem Gutachten betreffend des bei der Tat angeblich benutzten selbst gebauten Schalldämpfers und damit durchgeführten Schussversuchen haben wir bereits berichtet. Eigentlich müsste doch jetzt alles Hand und Fuß haben?

Die Versuche haben gezeigt, dass es nicht so funktioniert haben kann, wie es das Gericht in seiner Urteilsbegründung geschildert hat. Und mit diesem Gutachten werden wir dies beweisen und belegen. Am Ende des Tages entscheiden aber auch nur wieder Menschen, die sich das alles anschauen. Und ich hoffe einfach, dass sie es diesmal sehen.

Im damaligen Prozess hat der Richter die aus Ihrer Sicht entlastenden Dinge nicht gesehen. Hatten Sie damals mit einer Verurteilung gerechnet?

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Ich habe bis zum Ende an den Richter und das Landgericht geglaubt. Ich habe selber Justizangestellte am Amtsgericht in Darmstadt gelernt und hatte viele Einblicke. Ich dachte, man wird es sehen, dass es nicht mein Mann war. Der Richter hat die richtigen Fragen gestellt, hatte auch die richtige Strenge. Aber am Ende des Tages hat alles, was positiv war, keine Rolle mehr gespielt. Es waren dann nur noch zwei Indizien von Bedeutung: die PC-Daten im Firmennetzwerk meines Mannes und die Schmauchspuren auf seiner Bundeswehrhose. Das soll reichen, um einen 25 Jahre wegzusperren?

Denken Sie manchmal daran, dass irgendwo jemand rumläuft, der der Täter war?

Ja. Vor allem, weil das Umfeld des Getöteten nie richtig durchleuchtet wurde. Maklergeschäfte, Verbindungen nach Osteuropa. Er soll sich vorher bedroht gefühlt haben. Wollte sich sogar eine Waffe besorgen. Was ist denn damit? Der hat sich doch bestimmt nicht so wegen der Nachbarn mit Kindern bedroht gefühlt. Da muss in seinem Leben etwas Prägnantes gewesen sein. Ich denke, da ist der Schlüssel zu allem.

Macht einen das nicht verrückt?

Ja.

Was machen Sie dagegen?

Ich denke, laufen und radfahren hat mir ganz viel geholfen. Vielleicht ist es auch ein bisschen weglaufen. Und wenn es ganz schlimm ist, dann drehe ich auch schon einmal die ein oder andere Extrarunde. Ich glaube, das ist gut für meine Seele.

War es für Sie nie eine Option gewesen, aus Babenhausen wegzuziehen? Vor allem wegen ihrer drei Kinder.

Ja natürlich, war da die Überlegung. Aber wir sind hier so sozial integriert, die Kinder sind in den Vereinen. Und wir haben auch keine schlechten Erfahrungen gemacht. Alle die uns kennen, auch die Nachbarn, keiner hat uns irgendwie angegriffen mit dem Thema. Eher positiv nach dem Motto: Das gibt es doch gar nicht. Das Wegziehen war dann keine Option mehr. Ich wollte meinen Kindern ihr Heim und ihre Freunde lassen.

Wie gehen Ihre Kinder damit um? Vor allem Ihr Jüngster, der acht Jahre alt ist und seinen Vater nie in Freiheit erlebt hat?

Nach dem Doppelmord in der Reihenhaussiedlung hatte die Polizei einen Informationskasten aufgestellt, um an Hinweise zu gelangen.

Doch, die erste vier Wochen seines Lebens (lacht). Er ist am 9. April geboren, am 11. Mai ist dann mein Mann verhaftet worden. Aber im Ernst: Es war am Anfang sehr schwierig. Wir haben viele Gespräche geführt. Ich habe die Kinder immer mit einbezogen, erklärt, was ich jetzt tue. Dieses Miteinbeziehen war ein ganz guter Weg.

Alle 14 Tagen darf ihr Mann in Schwalmstadt besucht werden. Wer fährt hin?

Wir fahren abwechselnd. Mal Freunde, mal Familie. Auch seine Mutter. Wenn ich hinfahre, nehme ich immer zwei Kinder mit. Wenn ich mal nicht kann, fahren eben Freunde. Darüber freut er sich natürlich auch.

Im Gefängnis hat ihr Mann eine Ausbildung zum Koch gemacht.

Die Ausbildung empfinde ich persönlich für ihn als er sehr bereichernd. Er hatte früher mit Kochen gar nichts am Hut, vielleicht mal ein gekochtes Ei. Und jetzt hat er ganz toll seine Kochausbildung mit einem guten Abschluss abgeschlossen. Am Ende ging es um Meerrettichsößchen und solche Dinge. Das war für ihn gut, eine gewisse Zeit zu überbrücken.

Gibt es nach all den Jahren noch Dinge, an die Sie sich noch sehr gut erinnern, die für Sie immer noch präsent sind?

Ganz oft denke ich an dieses Türklingeln, als die Polizei das erste Mal da war (Juli 2009, Anmerkung der Redaktion) und meinen Mann verhaftet hat. Wenn es jetzt morgens klingelt, dann zuckt es oft noch bei mir. Das ist so eine Art Schreckmoment. Damals wusste ich noch nicht, was alles danach kommen wird. Aber rückblickend fing mit diesem Klingeln eben alles an. Ich höre auch heute noch ganz klar, wie der Richter sagt, dass er überzeugt ist, dass mein Mann der Mörder ist und er auch die besondere Schwere der Schuld feststellt.

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