Freispruch nach drei Monaten Haft

Messerangriff in Babenhausen entpuppt sich als Notwehr

Verhandlungspause: Rechtsanwalt Klaus-Michael Bott (links) und Dolmetscherin Magdalena Ochsenfeld beraten sich mit dem Angeklagten.
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Verhandlungspause: Rechtsanwalt Klaus-Michael Bott (links) und Dolmetscherin Magdalena Ochsenfeld beraten sich mit dem Angeklagten.

Im Laufe der Verhandlung vor dem Amtsgericht Dieburg stellt sich raus, dass nicht alles so ist, wie es auf den ersten Blick scheint. Es geht um einen vermeintliche Messerangriff in Babenhausen.

Babenhausen - Klonk! Mit lautem Poltern fällt die Fußfessel auf den Boden, als der Wachtmeister sie aufschließt. Dem Angeklagten schießen Tränen in die Augen. Am Ende des ersten Verhandlungstags gegen Istvan R. ist der Haftbefehl gegen ihn aufgehoben. Dem zur ungarisch sprechenden Minderheit in Rumänien gehörenden Mann wurde vorgeworfen, in Babenhausen im betrunkenen Zustand einen Landsmann niedergestochen zu haben, der das nur schwer verletzt überlebte.

Aber im Laufe der Verhandlung vor dem Amtsgericht stellt sich raus, dass nicht alles so ist, wie es auf den ersten Blick scheint.

Anfang der Woche spricht Richter Christian Meisinger den 42-Jährigen vom Verdacht der gefährlichen Körperverletzung frei. Staatsanwalt Ansgar Martinson plädiert zuvor für diesen Freispruch, Verteidiger Klaus-Michael Bott selbstverständlich auch. Ein Gutachten von Rechtsmediziner Axel Schnabel kann keine Schuld belegen. Mit Aussicht auf 25 Euro Entschädigung pro zu Unrecht erlittenem Hafttag in der Justizvollzugsanstalt Weiterstadt darf Istvan R. am Abend nach Hause reisen, heim zu Frau und Sohn nach Rumänien.

Zurück auf Anfang. Wie schon einige Male früher kam Istvan R. im Oktober 2020 für Hilfsarbeiten nach Deutschland. Untergebracht war er in einer Gemeinschaftsunterkunft in der Marienstraße in Babenhausen. Zusammen mit drei Kollegen, ebenfalls aus Rumänien, teilte er sich ein Schlafzimmer mit Sitzgelegenheiten. Und genau dort soll es in der Nacht vom 14. auf den 15. November zu einer Streiterei zwischen ihm und Csaba K. gekommen sein, die blutig für Letzteren endete. „Csaba hat mich häufig geärgert“, erzählt Istvan R. auf Ungarisch, was Dolmetscherin Magdalena Ochsenfeld übersetzt. Irgendwann hatte Csaba K. ein 13 Zentimeter langes Messer, das er immer zum Essen benutzte, im Bauch stecken und musste nach gehörigem Blutverlust zur Notoperation ins Aschaffenburger Klinikum.

Dass das Messer in seinem Bauch landete, ist unumstritten klar. Über das „Wie“ gehen die Aussagen auseinander. Csaba K. erzählte bei seiner Vernehmung auf der Intensivstation, er habe neben Istvan R. auf dessen Bett gesessen und mit ihm getrunken. Spätere Untersuchungen ergaben, dass R. und K. zur fraglichen Zeit um die 2,5 Promille gehabt haben müssen. Streit habe es keinen gegeben, nur Meinungsverschiedenheiten. Irgendwann sei der Angeklagte aufgestanden, habe in der Küche das Messer geholt, sich wieder zu ihm gesetzt und weitergetrunken – und plötzlich ohne Grund zugestochen. Vor Gericht wiederholt Csaba K. dies nicht. Er taucht gar nicht auf. Der als Zeuge geladene Rumäne scheint, kaum aus dem Krankenhaus draußen, fluchtartig in die Heimat abgereist zu sein.

Istvan R. schildert den Tathergang völlig anders. Die Bedrohung mit dem Messer ging von Csaba K. aus, lässt er über Dolmetscherin verlauten. Der habe mit dem Messer solange vor ihm rumgefuchtelt, bis er dessen Hand mit dem Messer festgehalten und samt Inhalt rumgedreht hätte, die Klinge von sich wegzeigend. Im weiteren Gerangel müsse es zu dem Stich gekommen sein, den zunächst noch nicht mal der Verletzte bemerkt habe.

Als Polizei und Rettungswagen eintrafen, herrschte Chaos, teilen verschiedene Polizeibeamte vor Gericht mit. Die Männer, auch die aus den angrenzenden Zimmern waren wach, alle liefen durcheinander, jedoch keiner der Anwesenden sprach genügend Deutsch, um den Sachverhalt wirklich zu erklären. Außerdem die Blutlachen. Das Einzige, was klar schien, war die vermeintliche Schuld des Angeklagten. Er wurde festgenommen.

„Warum haben Sie denn damals noch nichts dagegen gesagt?“, fragt Richter Meisinger. Weil er völlig aufgelöst gewesen sei und die bei der ersten Befragung geholte Dolmetscherin nur Rumänisch gesprochen habe, was er nicht richtig könne, antwortet Istvan R.. Pflichtverteidiger Bott vertraute er sich an, als das Sprachproblem endlich beseitigt war, und Bott beantragte einen möglichst frühen Verhandlungstermin in Dieburg. Die gut dreieinhalb Monate in Haft waren lang für seinen Mandaten, aber kurz fürs deutsche Justizsystem, meint der Anwalt aus Frankfurt. Er ist froh, dass es dann mit nur zwei Verhandlungstagen so fix ging.

Gutachter Schnabel gab an, dass die Geschichte des Angeklagten nicht zu widerlegen und durchaus möglich sei. Nach den von ihm gewonnenen medizinischen Eindrücken könne das Messer nicht tief genug eingedrungen sein, wie es bei einem extra und mit Wucht geführten Stoß der Fall gewesen wäre. Notwehr also. Pathologische Indizien haben Istvan R. somit vor weiterem Schaden bewahrt.  (zkn)

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