Es gibt nichts auf die Nase

Eigene Abteilung? Boxen stößt beim TV Babenhausen auf Interesse

Lloyd Taylor coacht die jugendlichen und erwachsenen Boxer. 
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Lloyd Taylor coacht die jugendlichen und erwachsenen Boxer.

Der TV Babenhausen, bei steigender Tendenz mit 1 800 Mitgliedern größter Verein der Stadt, dürfte nächstes Jahr um eine Abteilung reicher werden.

Babenhausen - Derzeit lässt der TVB mit Schnupperkursen im Boxen noch einen Testballon steigen; nach Einschätzung von Amelie Kley, einer der drei Vorsitzenden, dürfte sich die neue Kampfsport-Art im Turnverein in einigen Wochen jedoch verstetigen.

Diesen Ausblick gab Kley am Samstagnachmittag im Bewegungsraum der Edward-Flanagan-Schule bei der Auftaktveranstaltung gemeinsam mit Lloyd Taylor. Taylor boxte sich früher zum DM-Titel der Junioren, war mehrmals Hessischer und Südwestdeutscher Meister, nahm als Junior zudem an den Europameisterschaften teil. Für den TVB derweil noch wichtiger als einstige Erfolge: Der 53-Jährige ist Inhaber der B-Lizenz des Deutschen Boxsportverbands und in den Augen des Vereins sowohl fachlich als auch menschlich qualifiziert, Jugendlichen wie Erwachsenen den Boxsport näher- und beizubringen. „Wir legen bei unseren Angeboten großen Wert darauf, dass lizenzierte Trainer – und nicht einfach Tante Erna – die Kurse leiten“, formuliert Kley das Anspruchsdenken des Turnvereins.

Babenhausen: TVB offen für Neues

Zur Philosophie des derzeit 14 Sparten starken Vereins gehört auch die Offenheit für Neues. Auch gegenüber dem mitunter als etwas verrucht geltenden Boxen: „Der Kraft- und Kampfsport wird immer mehr gesucht“, weiß Kley. „Das ist ein unheimlicher Trend, dem wir uns nicht verschließen. Mit Kickboxen und Ju-Jutsu – beides läuft bei uns schon seit Jahren und hat einen treuen Kreis – haben wir bereits super Erfahrungen gemacht.“

Nun also Boxen. Ohne Mitgliedschaft können Jugendliche wie Erwachsene zunächst bis Jahresende zu den ersten Einheiten kommen. Zehn- bis 13-Jährige üben ab sofort freitags ab 15 Uhr, 14- bis 17-Jährige mittwochs ab 16 Uhr und Erwachsene donnerstags ab 19.30 Uhr. Je nach Bedarf könnten die Zeiten sogar noch ausgeweitet werden; auch ein Kurs ausschließlich für Frauen ist in der Diskussion.

Trainiert wird durchweg im Bewegungsraum der Flanagan-Schule, wo auch der Start genug Interessenten diversen Alters fand. TVB-Vorsitzende und Trainer schauten ergo optimistisch voraus. Kley skizzierte den grundsätzlichen Ansatz: „Es geht bei unserem neuen Angebot im Boxen nicht darum, sich auf die Nase zu hauen. Vielmehr geht es um das Training an sich, um das Abbauen von Aggressionen.“ So sei das Angebot zunächst einmal als „Fitnessabteilung“ konzipiert. „Ob sich daraus dann auch eine Wettkampfabteilung entwickelt, wird sich zeigen.“

Babenhausen: „Wir trainieren erst mal nur am Boxsack“

Entsprechend wird man im Bewegungsraum so schnell auch keinen Boxring entdecken. „Wir trainieren erst mal nur am Boxsack“, erläuterte Taylor. Überhaupt müsse niemand fürchten, selbst Schläge einzustecken. Erst nach einigen Monaten – und wenn es der Sportler möchte – würde er sich prinzipiell auch als Sparringspartner zur Verfügung stellen, sagte der Coach. Davor stehe jedoch, nach ausgiebigem Aufwärmen in jeder Einheit, eine ausführliche Boxschule: „Ich muss wissen, wie ich richtig stehe, dass meine Führhand als Rechtshänder links ist, welche Schläge es gibt.“ Kopf-, Aufwärts- und Körperhaken, die Gerade zum Kopf oder zum Körper – all das wird am Anfang mit den bloßen Fäusten geübt. Auch später werde niemand ungeschützt Schläge auf den Kopf kassieren: „Wir betreiben Amateurboxen“, betonte Taylor. Dort tragen die Athleten einen Helm.

Die Zweifel an der Integrität des Amateurboxens zumindest auf lokaler Ebene ein wenig zu beseitigen, könnte beim TV Babenhausen ein Nebenprodukt des innovativen Unterfangens werden. Hauptsache indes: einen spannenden Mix aus konditionellen Fertigkeiten, Technik, Taktik und psychischen Qualitäten anbieten. „Wenn man Talent und Willen hat, kann man es in einigen Monaten schon zu was bringen“, stellte Taylor schnelle Fortschritte in Aussicht.

Der Turnverein Babenhausen wiederum hofft auf eine Etablierung des Boxens, gleichwohl die sich Kley zufolge nicht garantieren lässt: „Es gibt Sportarten, die kommen und gehen.“ Beim TVB etwa lief das Klettern nach einem Hoch wieder aus. Andere, zunächst skeptisch beäugte Sportarten, bewiesen wiederum einen langen Atem. Die TVB-Baseballer „Blue Devils“ sind ein gutes Beispiel dafür. Aber auch die durch Fitnessstudio-Konkurrenz von allen Seiten torpedierte Aerobic hat im Turnverein weiter ihren Platz – und das zum deutlich kleineren Mitgliedsbeitrag.

VON JENS DÖRR

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