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Ein Dorf voller Wasserräder

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Mühlen beiderseits der Gersprenz: Die ehemalige Langheintz-Mühle (links) und die Grünewald-Mühle.
Mühlen beiderseits der Gersprenz: Die ehemalige Langheintz-Mühle (links) und die Grünewald-Mühle. © Gries

Vom Mittelalter an waren Mühlen in Mitteleuropa Bestandteil von Dörfern und Städten. Mit dem Vordringen moderner Agrarwirtschaft stellten jedoch immer mehr den Betrieb ein, das Mühlensterben begann – auch in Babenhausen und seinen Dörfern, wo von zwölf Mühlen an Gersprenz, Ohlebach, Lache und Schlierbach keine mehr in Betrieb ist.

Harreshausen – Welcher kleine Ort im flachen Land konnte für sich in Anspruch nehmen, gleich vier Mühlen in seiner Gemarkung zu besitzen? In Harreshausen, dem bis heute schmucken Fachwerkdorf, war das so. Am Ortsende an der Gersprenz liefen schon vor 500 Jahren Mühlräder, ab 1685 die der Langheintz-Mühle, dazu bald danach die der Grünewald-Mühle gegenüber, später noch die einer dritten Mühle, die man heute kaum mehr identifizieren kann. Im 19. Jahrhundert kam noch die „Papiermühle“ im Wald an der hessisch-bayerischen Grenze dazu, deren Ruine zum Ausflugsziel geworden ist.

Das Besondere dieser „Mühlentrilogie“ ist, dass die Mühlen nicht wie im Odenwald hintereinander am Wasserlauf standen, sondern nebeneinander an gleicher Stelle der Gersprenz. Alle gehen sie auf Andreas List zurück, den ehemaligen Zimmermann und Müller des untergegangen Ortes Altdorf. List betrieb die Mühlen auf Weisung seines Landesherrn Graf Philipp Reinhard von Hanau-Lichtenberg in Erbleihe. Es war nicht so, dass dieser Müller den Hals nicht voll genug kriegen konnte. Er hatte jedoch den Wunsch, jeder seiner Söhne solle eine eigene Mühle bekommen.

Wie Mühlenforscher Adolf Sahm belegt, ist die Harreshäuser Mühlengeschichte aber über 500 Jahre alt, also älter als die List-Dynastie. In Babenhausens Gerichtsbüchern wird 1437 von Harreshäuser Mühlenwiesen gesprochen. Wahrscheinlich wurde eine ältere Mühle im 30-jährigen Krieg zerstört und nicht wieder aufgebaut. Vor dem Neubau der Mühle 1685 waren Harreshausens Einwohner an die Stockstädter Mühle „gebannt“, mussten dort ihr Korn mahlen lassen und Frondienste leisten.

Blick in den Hof der ehemaligen Langheintz-Mühle.
Blick in den Hof der ehemaligen Langheintz-Mühle. © Gries

Die Langheintz-Mühle ersetzte also die verschwundene (oder abgerissene) Altdorfer Mühle. Durch Lists Schwiegersohn Johann Adam Langheintz kam der Name in die heutige Zeit. Der Neubau sorgte jedoch bei Familie List für starke finanzielle Belastungen, stand unter keinem guten Stern. Schon im Winter 1686/87 wurden Wehr und Wasserbau stark mitgenommen. Hochwasserschäden führten zu Bittbriefen an den Landesherrn. Auch Mahlgäste wollten sich nicht einstellen, die Leute ließen weiter in Stockstadt mahlen. Erst 1687 nach Erstellung des ersten Erbleihbriefes änderte sich das, die Harreshäuser mussten nun in ihrer Mühle mahlen lassen. Fortan ging es aufwärts, List baute auf der anderen Gersprenzseite 1693 eine zweite Mühle, die nach dem Verkauf an Müller Spengler und Verehelichung von dessen Tochter mit Dietrich Grünewald zur Grünewalds-Mühle wurde. Harreshausen war nun an beide Mühlen gebannt, dazu kam Schaafheim. Jeder Erbleiher erhielt eigene Mahlgänge, aber es entstanden bei den Erben Zwistigkeiten zwischen links und rechts der Gersprenz, verkompliziert durch immer neue Heiraten zwischen den Familien List und Langheintz.

Ende des 18. Jahrhunderts war die erstgebaute Mühle wieder voll im Besitz der Familie Langheintz. Aber trotzdem wurde 1830, nach Ausstellung eines separaten Erbleihbriefs zu einem weiteren Mahlgang, an gleicher Stelle die dritte Mühle eingerichtet, samt späterer Gipsmühle. 1846 dann gingen die Mühlen „auf der Altdorfer Seite“ für eine Ablösesumme von 1077 Gulden ins Eigentum des Müllers über. Die Langheintz-Dynastie dauerte bis ins 20. Jahrhundert und erhielt durch den frühen Tod von Müller Ernst Langheintz und auch dessen Sohn im 2. Weltkrieg eine tragische Note.

So begann Langheintz-Tochter Irmgard eine Müllerlehre – damals sehr ungewöhnlich – doch sie wurde 1945 von betrunkenen amerikanischen Soldaten „auf der Flucht“ vor ihrem Hoftor erschossen. Das Drama war perfekt.

Auch die Nachfahren, bis heute die Familie Larraß, konnten das Ende des Mühlenbetriebs nicht aufhalten. Doch sie machten die Langheintz-Mühle zum idyllischen Wohnrevier und halten die Erinnerung in der historischen Mühlenstube bis heute wach, auch durch Dokumente im Familienbesitz.

Ähnlich ist das auf der anderen Gersprenzseite, wo auch die Grünewald-Mühle zum privaten Wohnparadies geworden ist, das viel Charme ausstrahlt. Deren Entwicklung weist Parallelen auf zur Langheintz-Mühle. Das Mühlenareal ging 1849 ins uneingeschränkte Eigentum der Familie Grünewald über, auch dort schlug der 2. Weltkrieg tiefe Wunden.

Davor war dort die neue Zeit in Form einer Dampfmaschine eingezogen, die unabhängig vom wechselnden Gersprenzwasser kontinuierlichen Betrieb des Mahlwerks erlaubte. Dann kam ein Sauggasmotor, der durch einen Elektromotor ersetzt wurde. 1916 gab es einen großen Brand, dessen Spuren längst verwischt sind. Bis nach 1945 wurde die Lohnmüllerei weiter betrieben, der Mehlhandel rentierte durch Zusammenarbeit mit einem Frankfurter Großhandel.

Als der Mahlbetrieb eingestellt wurde, unterhielt in der Grünewald-Mühle bis 1967 die landwirtschaftliche Genossenschaft Harreshausen eine Saatgutreinigung und Trockenanlage. Auch die dritte Mühle, „Hartmann-Diehl-Mühle“ genannt, ist längst nicht mehr in Betrieb. Streitigkeiten Müller gegen Müller oder Müller gegen die Stadt Babenhausen um Wasser und Wehre scheinen zur Vergangenheit zu gehören. Heute bietet auch das Hofidyll der Grünewalds-Mühle einen Kontrast zu dem, was man dort früher an Hungerjahren, Not- und Kriegszeiten durchmachen musste. (Reinhold Gries)

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