Die Schaustellerfamilie Petzold aus Hergershausen

Ein Leben für die Kerb

Ein eingespieltes Schausteller-Team: Kurt Petzold (von links) sowie Günther Petzold mit Frau Sandra und Tochter Michelle.
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Ein eingespieltes Schausteller-Team: Kurt Petzold (von links) sowie Günther Petzold mit Frau Sandra und Tochter Michelle.

Auf fast 130 Jahre Schaustellertradition blickt die Hergershäuser Familie Petzold zurück. Seniorchef ist der 91-jährige Kurt Petzold, der immer noch mit dabei ist.

Hergershausen – Seit fast 130 Jahren sorgt die Schaustellerfamilie Petzold dafür, dass bei größeren Festen in der Region die Kinderaugen strahlen und die Herzen der Festplatzbesucher höherschlagen. Mit ihren Fahrgeschäften und Buden beschert die Hergershäuser Familie den Menschen von Groß-Zimmern, Reinheim und Heusenstamm über Schlierbach und Mömbris bis in den Taunus und Spessart hinein seit Jahrzehnten unvergessliche Rummelstunden. „Wir waren vor Corona bei Frühlings- und Kerwefesten sowie Weihnachtsmärkten in einem Umkreis von 80 bis 100 Kilometer vertreten. So kamen wir im Jahr auf rund 18 Veranstaltungen, die wir mit Schiffschaukel, Kinderkarussell, Schießstand, Losbude und so weiter bereicherten“, erzählt Seniorchef Kurt Petzold. Im vergangenen Jahr hatte sich jedoch kein Rad gedreht, sämtliche Volksfeste waren ausgefallen und somit auch etwaige Einnahmen. Die Groß-Zimmerner Kerb Ende August war für die Schaustellerfamilie in diesem Jahr die erste Veranstaltung, gefolgt von der Reinheimer Kerb. „Es ist schön, wieder unterwegs zu sein, und wir hoffen, dass vielleicht noch ein oder zwei Feste im Spätherbst stattfinden werden“, sagt der 91-Jährige, der nach wie vor gerne mit seiner Familie unterwegs ist und aktiv mitarbeitet, vor 15 Jahren aber die Geschäfte in die Hände seines Sohnes Günther gelegt hat.

Ein Leben lang ist Kurt Petzold als Schausteller unterwegs – als 17-Jähriger an der Schiffschaukel.

Bereits Kurt Petzolds Großeltern waren im Schaustellergeschäft tätig. Die ältesten erhaltenen Schilder stammen von 1893. „Ich wurde in die Schaustellerei reingeboren und war von klein auf mit unterwegs. Da meine Mutter von der Schwäbischen Alb stammte, waren wir früher vom 17. März bis in den Mai hinein zunächst in der Region dort sowie im Bodenseeraum auf Frühlingsfesten unterwegs und dann bis in Mitte November im Rhein-Main-Neckar-Bereich auf den Festen vertreten“, berichtet Kurt Petzold, der sich auch noch gut an die sogenannte Raketenbahn erinnern kann, die die Schaustellerfamilie während des Zweiten Weltkrieges ernährte: „Das war damals unser einziges Fahrgeschäft und eine Attraktion. Mein Vater und meine Brüder hatten dafür ein Autokarussell umgebaut.“

Zu Groß-Zimmern hat der Schausteller einen besonderen Bezug, da er hier auch einige Jahre zur Schule gegangen war. Danach hatte der 1929 Geborene eine kaufmännische Lehre in Darmstadt absolviert und seinen Gesellenbrief als Fotolaborant gemacht. Parallel dazu war Kurt Petzold seit 1945 bis 2019 ununterbrochen mit den Fahrgeschäften und Buden unterwegs. „Da meine fünf Brüder alle bereits verheiratet waren und eine feste Anstellung hatten, übernahm ich Anfang der 1960er Jahre von meinem Vater Otto die Leitung“, berichtet der Senior von seinen beruflichen Anfängen in der Branche. Mit 25 Jahren heiratete er seine Margot, ebenfalls aus einer alteingesessenen Schaustellerfamilie stammend. Durch die familiären Verbindungen konnten in der Nachkriegszeit der Fahrgeschäfte- und Budenpark sowie die Festivitäten erweitert werden. Anstatt Traktoren zogen bald leistungsstarke Zugmaschinen die Fahrgeschäfte und Buden zu ihren Bestimmungsorten.

Vor 30 Jahren konzentrierte sich die Schaustellerfamilie dann jedoch auf den südhessischen Bereich mit seinen Nachbarregionen und bucht mittlerweile befreundete Kollegen für ergänzende Leistungen wie Imbiss, Süßwarenbude oder Autoscooter dazu. Eines hat sich jedoch in all den Jahren nie geändert: „Im Gegensatz zu Kollegen campen wir immer bei unseren Fahrgeschäften und Buden und sind über die gesamte Dauer der Feste und Veranstaltungen vor Ort“, betont Günther Petzold, der neben seinem Vater von seiner Frau Sandra, Tochter Michelle und zehn Mitarbeitern inklusive Aushilfen bei der Arbeit tatkräftige Unterstützung erhält. Schließlich ist der Schaustellerfamilie wichtig, präsent zu sein und einwandfreie Attraktionen zu haben.

„Die Tradition verpflichtet. Schließlich sind wir bei den Festen in der Region mindestens seit über 40 Jahren vertreten. Die Menschen in den einzelnen Gemeinden und Städten freuen sich auf uns und wir wollen ihnen schöne Stunden bei uns bieten. In Groß-Zimmern waren wir diesmal zum 65. Mal, in Reinheim, Hergershausen und Schlierbach konnten wir schon 70-jähriges Bestehen feiern“, erzählt Günther Petzold, der mit seinem Team jeden Winter, ebenso wie im vergangenen Corona-Jahr Fahrgeschäfte und Buden repariert, modernisiert und optimiert sowie neu lackiert. Diesen Service bietet er auch für Branchenkollegen an. (Martina Emmerich)

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