Er läuft und läuft und läuft

VW Käfer seit 60 Jahren in Babenhausen unterwegs

Wiedersehen macht Freude: In der GTÜ Kfz-Prüfstelle traf Manfred Stoeckel (Zweiter von rechts) wieder auf jenen Käfer, den er vor 32 Jahren schon einmal untersuchte. Mit auf dem Bild der jetzige Besitzer Matthias Mohrhardt (Zweiter von links), der ehemalige Harpertshäuser Ortsvorsteher Kurt Kratz (links) und Torben Stoeckel (rechts).
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Wiedersehen macht Freude: In der GTÜ Kfz-Prüfstelle traf Manfred Stoeckel (Zweiter von rechts) wieder auf jenen Käfer, den er vor 32 Jahren schon einmal untersuchte. Mit auf dem Bild der jetzige Besitzer Matthias Mohrhardt (Zweiter von links), der ehemalige Harpertshäuser Ortsvorsteher Kurt Kratz (links) und Torben Stoeckel (rechts).

Unverwüstlich – diesen Ruf besitzt der VW Käfer. Einige TÜV-Prüfer kennen Exemplare, die schon zigfach bei ihnen zur Hauptuntersuchung vorgefahren sind. Den Käfer von Matthias Mohrhardt nahm Prüfingenieur Manfred Stoeckel zweimal ab. Das Besondere: Zwischen der ersten Untersuchung und jener vor wenigen Tagen liegen 32 Jahre.

Babenhausen - 1989 war Manfred Stoeckel 38 Jahre alt und für die DEKRA als selbstständiger Prüfer unterwegs, als er das Fahrzeug zum ersten Mal auf seine Verkehrssicherheit untersuchte. Das geschah in der Hinterhofwerkstatt von Heinz Funck in Harpertshausen. Zu jener Zeit war der VW bereits ein Oldtimer, da das Gefährt mit seinem luftgekühlten Vierzylinder-Boxermotor 1959 vom Band lief. 1989 war allerdings noch nicht Matthias Mohrhardt der Besitzer, sondern die Harpertshäuser Familie Hackel. Der Vater von Siegrid Hackel erwarb den Käfer einst für 5 000 Mark auf der IAA. Vom Vater ging er auf die Tochter und später auf den Enkel über. 1991 kaufte Mohrhardt den Wagen für 4 000 Mark. Seitdem hat er ihn nicht mehr hergegeben.

Der 48-jährige Harreshäuser kann sich noch gut daran erinnern, wie er kurz vor seiner Volljährigkeit das gute Stück als sein allererstes Auto erwarb. „Ich wollte nichts Neues und wie mein einer Cousin an alten Kutschen schrauben“, blickt er zurück. Dafür schien der Käfer mit seinen damals schon 32 Jahre auf dem Buckel bestens geeignet. Viel gefahren hat er das Aushängeschild des deutschen Wirtschaftswunders allerdings nicht. Das hängt auch damit zusammen, dass Mohrhardt vor 21 Jahren nach Lorsch zog und den VW aus Platzgründen nicht mitnehmen konnte. Als Zweitwagen steht er mit seinem markant runden Dach bis heute in der elterlichen Garage in Harreshausen. Bei den seltenen Ausfahrten bekommt das Auto kaum mehr als 200 Kilometer im Jahr auf den Tacho gespult. Das hat zu dem guten Zustand beigetragen, genauso wie die Tatsache, dass sowohl Mohrhardt als auch die Hackels einer guten Wartung höchste Priorität einräumten.

Dennoch ist mit dem Oldtimer im schicken Nachkriegs-Beige ein kleines Rätsel verbunden. Die Tachoanzeige verfügt nur über fünf Stellen, womit sich die Frage ergibt, ob die jetzige Kilometerzahl stimmt oder der Zähler schon einmal umgesprungen ist. Hätte er wieder bei Null angefangen, würden die Gesamtkilometer schlagartig von jetzt 87 000 auf 187 000 klettern.

Mohrhardt kann versichern, dass er den Wagen kaum bewegt hat. Somit wäre ein Umspringen unter der Familie Hackel passiert. Von der sind immerhin drei Familienmitglieder als Vorbesitzer im Fahrzeugbrief eingetragen. Auch wurde der Käfer in diesem Zeitraum nicht als Zweit- sondern als Hauptwagen genutzt. „Und trotzdem: Das Auto ist so gut in Schuss, dass ich glaube, dass die Tachoanzeige noch nicht umgesprungen ist“, sagt Torben Stoeckel. Der Sohnemann von Manfred Stoeckel ist Inhaber der gleichnamigen GTÜ Kfz-Prüfstelle in Babenhausen, wo Mohrhardt seinen Käfer zur jüngsten Untersuchung präsentierte. Auch wenn sein Vater mit 70 Jahren längst in Rente ist, hilft der erfahrene Autoexperte im Betrieb immer noch regelmäßig aus. Das ermöglichte dem Senior nun ein weiteres Mal jenes Auto zu inspizieren, das ihm vor 32 Jahren schon einmal „unter die Hände“ kam.

Hingucker: Die am Käfer befestigten Holzski.

Dass die Presse anwesend war, ist dem ehemaligen und langjährigen Harpertshäuser Ortsvorsteher Kurt Kratz zu verdanken. Er sorgte kurioser Weise schon bei der Abnahme des Käfers im November 1989 dafür, dass ein Lokalreporter berichtete. Der titelte damals „Er rollt und rollt nun schon seit 30 Jahren“. Im Text hob der Schreiber die langlebigen Eigenschaften des Kultautos hervor und wies daraufhin, dass es sich zu einem echten Familienmitglied der Hackels entwickelt hat. Auf dem Zeitungsfoto des Reporters fällt zudem ein kleiner Bub ins Auge. Es ist Torben Stoeckel, den sein Vater an diesem Tag zufälligerweise mitgenommen haben muss. Zum Schmunzeln sind die Zeilen des Reporters, dass Besitzerin Sigried Hackel schon mehrfach 20 000 Mark für den Käfer angeboten wurden. Immer wieder habe sie abgelehnt, da sie sich von ihrem geliebten fahrbaren Untersatz nicht trennen will.

1991 wechselte das Wägelchen dann doch den Besitzer. Mohrhardt machte einen guten Kauf: „Ich hatte noch nie Probleme, das Auto über die Hauptuntersuchung zu kriegen“, sagt er. Das war jetzt nicht anders: „Die Erteilung der Plakette ist absolut berechtigt. Rost stellt bei diesen Modellen das größte Problem dar, ist aber in diesem Fall kaum vorhanden“, lautete das Fazit von Manfred Stoeckel.

In der Vergangenheit musste der aktuelle Besitzer nur einmal tief durchatmen, als ihm ein anderes Fahrzeug in die Seite fuhr. Die Folge war ein neuer Kotflügel. Ansonsten sind bei Mohrhardt nur positive Anekdoten über sein mittlerweile mehr als sechs Jahrzehnte altes Schätzchen vorhanden. Unvergessen blieb ihm das Jahr 2009, als er seinen Käfer als Hochzeitsauto für die eigene Vermählung nutzen wollte. Zuerst weigerte sich die Braut in spe, mit ihrem Kleid auf dem Beifahrersitz Platz zu nehmen, da dort schon das Stroh herauslugte. Das Problem wurde gelöst, indem es vor dem Ja-Wort eine neue Polsterung gab. Äußerst auffällig sind die Skier am Heck des Käfers. Die hat Mohrhardt schon vor langer Zeit als Gag befestigt. 365 Tage im Jahr fährt er damit spazieren. „Vor allem im Sommer vor dem Eis-Café kommt das gut an“, sagt er lachend. (Michael Just)

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