500 Jahre Schnitzaltar in der Stadtkirche gewürdigt

Faszinierende Rätsel bleiben

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Gelungener Auftakt zur Feierstunde: Emanuel Fuchs als Graf Philipp III. von Hanau und Mina Munzel als Gräfin Sybille von Baden-Sponheim schilderten mit ihrem Anspiel die Vorgeschichte des Schnitzaltars (im Hintergrund).

Babenhausen - In der nahezu voll besetzten Stadtkirche ist am Pfingstmontag ein über die Grenzen Babenhausen hinaus bekanntes, sakrales Kunstwerk gewürdigt worden: der 500 Jahre alte Schnitzaltar. Von Norman Körtge 

Dass Christine Hartung mit bahnbrechenden Neuigkeiten in ihrem mit vielen Details gespickten Festvortrag in der Stadtkirche aufwarten würde, war nicht zu erwarten gewesen. Aber die Kunsthistorikerin, die 2009 als Studentin der Johannes-Gutenberg-Universität Mainz ihre Magisterarbeit über den Babenhäuser Schnitzaltar schrieb und nun im Jüdischen Museum in Wuppertal arbeitet, versuchte einige der Rätsel um das sakrale Kunstwerk zu lüften. Etwa, wer es vor 500 Jahren erschaffen hat. Waren es die seinerzeit bedeutenden Künstler Hans Backoffen oder Tilman Riemenschneider? Ersteren schloss sie aus – und schließlich auch Riemenschneider. Vielmehr haben verschiedene Künstler an dem Werk gearbeitet, die sich aber an den bekannten Werken Riemenschneiders im main-fränkischen Raum orientiert haben, meinte die Kunsthistorikerin.

Nahaufnahmen der teilweise in mehreren Metern Höhe zu findenden detaillierten Arbeiten am Schnitzaltar: die vollplastische Figur des Heiligen Bonifatius, die Krippenszene in der Predella, die Heilige Katharina auf dem rechten Seitenflügel und ein Vogel hoch oben im Astwerk.

Weniger faszinierend wird der mehr als fünf Meter breite und fast vier Meter hohe Schnitzaltar dadurch allerdings nicht. Ganz im Gegenteil. Der gut 45 Minuten dauernden Vortrag Hartungs entführte in die spannende Welt der Ikonografie – der wissenschaftlichen Interpretation von Kunstwerken. Zum Beispiel bei der Deutung, wen die drei vollplastischen Figuren in der Mitte darstellen. Eine besondere Herausforderung, da Inschriften fehlen. Wie Hartung berichtete, komme der vom Betrachter aus gesehenen linken Figur eine besondere, wichtige Rolle zu. Denn für den zentral stehenden „Papst Gregor dem Großen“ ist es die rechte Seite – und in der Bibel heißt es: „Er sitzt zur Rechten Gottes“. Dass es ein Bischof ist, ist an der Kleidung zu erkennen. Zusätzlich hält er einen Palmenzweig in der Hand. Ein Indiz dafür, dass er einen Märtyrertod starb, wie Hartung erklärte. Mit großer Wahrscheinlichkeit sei es Bonifatius.

Anhand ihrer Untersuchungen und Nachforschungen, ist die Kunsthistorikerin nach wie davon überzeugt, dass der Schnitzaltar um 1518 angefertigt worden sein muss und es einige Indizien dafür gibt, dass die Stifterin des Altars Gräfin Sybille von Baden-Sponheim ist. Sie soll seinerzeit ein Gelübde abgelegt haben, dass wenn sie nach vier Töchtern endlich den auch von ihrem Mann, Graf Philipp III. von Hanau, sehnsüchtig erhofften männlichen Nachfolger gebiert, sie als Dank einen Altar für die Residenzkirche stiften werde. 1514 kam Sohn Philipp IV. zur Welt.

Emanuel Fuchs und Mina Munzel hatten diese Vorgeschichte in einem Anspiel zu Beginn der Feierstunde eindrucksvoll in Szene gesetzt. „Schöner und besser kann man es nicht einleiten“, lobte Klaus Mohrhardt dann auch in seiner Einleitung das schauspielerische Können der beiden. Mohrhardt, der zusammen mit Manfred Lautenschläger maßgeblich die Veranstaltung in der Stadtkirche organisiert und vorbereitet hatte, skizzierte die verschiedenen Standorte des Altars im Laufe der Geschichte. Denn die Reformation, die 1545 auch in Babenhausen Einzug hielt, machte vor dem Altar nicht halt. Vermutlich sei er zugeklappt worden, so eine der Vermutungen. Fest steht, dass er ein paar Jahre auch im Turm verschwand. Dort, wo bei Renovierungsarbeiten in den 1930er Jahren der Torso einer Christophorus-Statur entdeckt wurde. Seit 2014 ist sie im Babenhäuser Territorialmuseum zu sehen (zuvor im Landschaftsmuseum Seligenstadt). Zur Feier des Tages hatte der Heimat- und Geschichtsverein um Vorsitzenden Georg Wittenberger das Exponat zurück in die Stadtkirche gebracht.

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Wer mehr erfahren möchte, dem empfiehlt Klaus Mohrhardt das „Standardwerk zur Stadtkirche“ – den Band 24 der Arbeitshefte des Landesamtes für Denkmalpflege Hessen mit dem Titel „Evangelische Stadtkirche Babenhausen. Die Sanierung 2001-2006“. Erhältlich ist es bei der evangelischen Kirchengemeinde Babenhausen.

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