Kinder- und Jugendförderung lädt in Babenhausen ein zur Eselwanderung

Gezielter Fress-Einsatz im Wald

Smilla, Nelli und Marleen (vorne von links) mit Liebling Beppo.
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Smilla, Nelli und Marleen (vorne von links) mit Liebling Beppo.

„Komm, Bruno!“, ruft Marlon und zieht leicht am Strick von Brunos Halfter. Der große graue Kopf mit den langen Ohren hebt sich kurz, und beugt sich dann wieder unbeeindruckt über saftige Grashalme. „Typisch, stur wie ein Esel“, könnte man sagen, wenn man nicht gerade erklärt worden wäre, dass die Redewendung auf falschen Tatsachen beruht.

Babenhausen – Das Stehenbleiben der verkannten Tiere hat vielmehr mit ihrer einstigen Herkunft, der Wüste, zu tun. Auf dortigem Sand und Geröll könnte ein hastiger Fehltritt den Tod bedeuten, begründet Esel-Mama Marion Nigl – und deswegen bleiben ihre Schützlinge Frodo, Fridolin, Beppo und eben Bruno ganz wie die Vorfahren erst mal vorsichtig stehen. Heute liegt das eher an den lockenden Gräsern entlang des Weges, den sie auf einer Tour mit elf Kindern beschreiten. Der zehnjährige Marlon aus Sickenhofen, mit einem anderen Jungen allein unter Mädchen, ist einer davon.

Ins Leben gerufen hat die Eselwanderung die Kinder- und Jugendförderung Babenhausen. Die Mitarbeiter Petra Sieg und Stefan Huther sind mit den Kindern und Nigl, die die vier Eselherren täglich besucht und füttert, hinaus in den Forst hinter dem Rodgauer Opel-Testgelände gefahren. Dort gab es den etwa 90-minütigen Spaziergang, und dort leben die zahmen Langohren derzeit – eingezäunt in einem rund sieben Hektar großen Waldstück.

Esel in einem Wald. Warum das? Ralf Sehr vom Forstamt Langen klärt auf: „Im Naturschutzgebiet Mooskiefernwald zwischen Dudenhofen und Babenhausen soll die Kiefer-verdrängende amerikanische Traubenkirsche bekämpft werden.“ Ohne Chemie und ohne mechanische Gewalt. Die Esel sind dabei die Hauptakteure, denn sie fressen keine Kiefersprösslinge, dafür aber die sich ausbreitende Kirsche und wilde, wuchernde Brombeerranken: Junge Kiefern bekommen so die Chance, zum großen Baum zu wachsen.

„Eine satt-grüne Pferdewiese wäre sehr ungesund für die Esel“, erzählt Nigl den Kindern auf der Wanderung außerhalb des Eselgeheges. Sie würden fett und könnten Hufrehe, eine Entzündung der Huflederhaut, bekommen. Ihr Magen sei für karge Kost ausgelegt: Steppengräser, krautige Pflanzen, Moos und verholzte Pflanzenteile. Und als Wüstentiere kämen sie mit wenig Wasser aus.

Weder Frodo noch Fridolin, Beppo oder Bruno interessieren sich für die Ausführungen ihrer Pflegerin. Frisches Gras mag zwar nicht gut für sie sein, lecker schmeckt es allemal. „Das ist wie bei Gummibärchen. Die machen auch süchtig“, zeigen Marleen (9) und Smilla (11) völliges Verständnis. Die Freundinnen aus Hanau-Steinheim bilden mit Esel Beppo und Smillas achtjähriger Schwester Nelli die Vorhut der Gruppe.

Nelli führt Beppo schnell in die Wegesmitte, weit genug fort vom Gras. Heute sind er und seine Kumpanen besonders verfressen. „Wahrscheinlich, weil sich das Futter in ihrem Waldstück allmählich dem Ende zuneigt“, meint Nigl. „Bald steht ein Standortwechsel an.“

Die Esel beweiden – sozusagen als Nomaden – eine unerwünscht bewachsene Fläche nach der anderen. Als Nächstes ist ein naturgeschütztes Sandmagerrasenstück auf dem Continental-Gelände in Babenhausen dran. Danach kommen sie in den Mooskiefernwald zurück und leben für einige Zeit auf einem Nachbargrundstück zu ihrem jetzigen. In der kalten Jahreszeit geht‘s dann für die Wärme liebenden Tiere ins Winterquartier von Herrchen Reiner Stürz und dessen Landschaftspflegehof Ober-Ramstadt, der 24 Esel immer wieder an Forstbetriebe ausleiht. Wie Ziegen und Schafe.

„Bei starkem Bewuchs erst mal die Esel“, tut er kund. „Die Waldbeweidung ist eine uralte Tradition.“ Heute müsse jedoch meist eine Ausnahmegenehmigung der Oberen Naturschutzbehörde beantragt werden. „Früher haben die Landwirte alles Vieh in die Wälder getrieben, das fressen musste“, bestätigt Ralf Sehr. „Es wurden sogar extra Wälder angelegt, um Bucheckern und Eicheln zu produzieren, sogenannte Hutewälder.“ Ab 1902 wurde die Waldbeweidung verboten, um die grüne Lunge nicht mehr auszubeuten. Inzwischen hat man erkannt, dass ein gezielter Fress-Einsatz dem Wald helfen kann.

Pauline aus Münster und Melina aus Sickenhofen, beide 9, führen den hellfarbenen Fridolin auf der etwa 1,5 Kilometer langen Strecke. Warum dürfen sie eigentlich nicht reiten? „Dafür sind die kleinen Esel nicht gemacht“, antwortet Nigl. Ein Beispiel sind Bruno und sein dicker unförmiger Bauch. Laut Nigl könnte eine Fehlbelastung in seiner unbekannten Vorgeschichte der Grund dafür sein.

Die Altheimerin, die sich seit drei Jahren um die Esel im Kiefernwald zwischen Dudenhofen und Babenhausen kümmert, betreut außerdem jeden Tag eins bis zwei Stunden die Przewalski-Pferde bei der Babenhäuser Kaserne. Auch zu den Przewalskis gibt es am 10. Juli eine Tour von der Kinder- und Jugendförderung. (zkn)

Fridolin will nicht so wie seine beiden Begleiterinnen.

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