Theater-Profilkurs des Bachgaugymnasiums

Gleiche Szene – aber immer anders

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Sexuelle Belästigung ist kein Kavaliersdelikt – das thematisierten Henrike Dietershagen und Antonia Chiapperini in der letzten Szene.

Babenhausen - Wer bei Theater oder Film arbeitet, der weiß, dass die Beziehung zwischen Regisseur und Schauspieler oft keine leichte ist. Nicht selten prallen Persönlichkeiten oder unterschiedliche Ansichten über die Darstellung einer Szene aufeinander. Von Michel Just

Der Theaterkurs des Bachgaugymnasiums legte dieses Spannungsverhältnis in seinem neuen Stück nun offen. Wie in den letzten Jahren fand die Theateraufführung des Bachgaugymnasiums parallel zum Schulfest statt, um damit Synergieeffekte zu nutzen. Beim Blick auf den seltsam klingenden Titel „Gretchen 89ff“ schauten jene Zuschauer, die keine Vorkenntnis über das Stück hatten, erstmal verdutzt. Falsch lagen die, die Goethes Protagonistin mit der Wiedervereinigung 1989 in Verbindung brachten und eventuell eine sozialkritische Auseinandersetzung mit den Folgejahren, gekennzeichnet als „ff“, vermuteten. Gemeint war vieleher die Komödie von Lutz Hübner und der Bezug zur sogenannten „Kästchen-Szene“ aus Goethes Faust. Die ist im Reclam-Heft auf Seite 89 und den folgenden zu finden.

In der besagten Szene hat Mephisto für Gretchen ein Schmuckkästchen versteckt. Er will beweisen, dass sich Frauen mit Preziosen leichter einnehmen lassen. Doch der Abschnitt im Goethe-Klassiker ist für Autor Hübner nur ein Aufhänger. Ihm geht es darum aufzuzeigen, wie sich ein Regisseur und eine Schauspielerin beim Einstudieren der Szene in Konflikte verstricken können. „Primär soll das Innenleben am Theater beleuchtet werden“, erklärt Lehrer und Gesamtleiter Michael Gremler. Eher ungewohnt wird die ganze Bandbreite möglicher Neurosen bei Regisseuren und Schauspielern, die sich nicht selten als Theatergötter oder Angstgegner gegenüberstehen, abgebildet.

Die Darstellung löst Hübner recht ungewöhnlich: Die Kästchen-Szene gibt’s zehn Mal hintereinander, allerdings immer in anderer Besetzung und mit höchst unterschiedlichen Typen an Regisseuren und Schauspielerinnen. Mit teils überzeichneten Verhaltensmustern erfolgt ein stets neuer und unterhaltender Aufprall. Mal wird das Gretchen von einer nervenden, hyperaktiven Anfängerin gemimt, dann als Diva, die jedem sagt, wo‘s lang geht. Der Regisseur tritt einmal als „Schmerzensmann“ auf, dem seine hohen Ansprüche selbst die größten Schmerzen bereiten. In der nächsten Einstellung mutiert er zum chaotischen Idealisten: Durch ständige Veränderungen im Text treibt er Gretchen zur Verzweiflung. „Das Original von Hübner beinhaltet zehn Szenen, die wir auf fünf reduziert haben. Jede ist in sich geschlossen und rund zehn Minuten lang“, erläutert Gremler.

Die jungen Mimen stammten diesmal alle aus dem Profilkurs „Theater“ der elften Klasse. Hier ließ sich im abgelaufenen Schuljahr Schauspiel als Wahlpflichtfach nehmen. Auf die übliche, jahrgangsübergreifende Theater-AG wurde verzichtet.

„Eine Theater-AG hat oft den Nachteil, dass sich durch die sehr differenzierenden Stundenpläne kaum alle Teilnehmer gleichzeitig zusammenkriegen lassen“, weiß Gremler. Für das neue Schuljahr steht die Handhabe noch nicht fest. Gibt es keine Theater-AG, müsste es in jedem Jahrgang ein separates Theaterangebot geben – sofern man allen Gymnasiasten die Möglichkeit zum darstellenden Spiel eröffnen will. Für den jüngsten Profilkurs meldeten sich immerhin 26 Schüler an. Damit konnte der Leiter auch beim Bühnenbild oder der technischen Inszenierung aus dem Vollen schöpfen.

In die jeweiligen Rollen der Regisseure schlüpften Josephine Russmann, Emelie Günscht, Betty Supp, Luise Hesse und Antonia Chiapperini. Die verschiedenen Gesichter einer Schauspielerin verkörperten Marlene Haas, Vanessa Krämer, Laura Eisenbeil, Valentina Mehrlein und Henrike Dietershagen. Zu Gefallen wusste besonders Laura Eisenbeil: In der Rolle der herrschsüchtigen Diva erzog sie ihr Umfeld zu Leibeigenen. Betty Supp, die den Regisseur verkörperte, kauerte kleinlaut hinter dem Schreibtisch.

Auch Valentina Mehrlein fiel in ihrer Rolle als übermotivierte Nachwuchsschauspielerin, die mit ihren Vorschlägen zur Nervensäge wird, positiv ins Auge. Etwas Verwunderung entstand dadurch, dass alle Hauptrollen - auch die der männlichen Regisseure – weiblich besetzt waren. Aufgemalte Stoppelbärte trugen zur Verdeutlichung bei. „In der Regel sind die Jungs beim Theaterspielen in der Unterzahl. Wir hatten noch das Pech, dass Luka Kreß, und damit unser einziger männlicher Hauptdarsteller, vor der Aufführung krank wurde“, berichtet Gremler.

Am positiven Gesamteindruck der Aufführung änderte das nichts. Dazu trug vor allem der Schluss bei, der einen aktuellen Bezug lieferte. Darin nähert sich der Regisseur einer jungen Schauspielerin immer wieder unsittlich und kann seine Hände nicht bei sich behalten. Das Publikum erinnerte das sofort an den Fall des Hollywood Regisseurs Harvey Weinstein. „Nein heißt nein“ schallte es zum Schluss als ergreifendes Statement gegen sexuelle Belästigung von der Bühne. Auch ein Schild mit dem Statement „# Me too“, das betroffene Frauen in den USA zum Schritt in die Öffentlichkeit bewegen will, gehörte zur Schlussszene. „Das war wichtig. Gesellschaftskritik sollte in keinem Theater fehlen“, so Gremler über eine entscheidende Grundlage seiner Arbeit.

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