„Ich hadere nicht“

Babenhausens Bürgermeister Joachim Knoke im Interview

Mehr Zeit für Spaziergänge: Joachim Knoke mit seiner Frau Tanja und Rauhaardackel Käthe.
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Mehr Zeit für Spaziergänge: Joachim Knoke mit seiner Frau Tanja und Rauhaardackel Käthe.

In vier Tagen endet die Amtszeit des abgewählten Bürgermeisters Joachim Knoke (SPD). Ab Sonntag, 17. Januar, ist offiziell sein Nachfolger Dominik Stadler (unabhängig) Rathauschef. Im Interview zieht Knoke Bilanz, spricht von Lehren und blickt in die Zukunft.

Herr Knoke, der Wahltag am 1. November ist nun gut zwei Monate her. Wie sehr schmerzt Sie die Wahlniederlage noch?

Es geht. Es gehört zum Geschäft dazu, das ist Demokratie. Mir ist damit unglaublich viel Verantwortung von den Schultern genommen worden. Mit der Übergabe der unterschiedlichsten Projekte ist mir noch einmal sehr deutlich geworden, was ich all die Jahre mit mir rumgetragen haben. Es sind nicht nur zwei, drei, vier, es sind ja zig bis hundert Vorhaben, mit denen man unterwegs ist. Das ist auch in Ordnung so. Das ist anspruchsvoll. Tatsächlich piksen tut es bei der Kaserne.

Warum?

Das ist eines meiner Herzensprojekte. Wenn jetzt Termine gemacht werden, zum Beispiel zur Mobilität, dann schlucke ich schon, weil ich merke, das ist nicht mehr meins. Da bin ich so nicht mehr dabei. Das tut weh. Und ich denke, dass wird auch noch eine Weile so bleiben.

Haben Sie Ursachenforschung betrieben, warum es nicht zur Wiederwahl gereicht hat?

Bedingt.

Zu welchen Schlüssen sind Sie gekommen?

Man hat mich fast die komplette Amtszeit, zumindest die letzten fünf der sechs Jahre, an allen Stellen finanziell in keiner Weise so machen lassen, wie ich es wollte. Stattdessen wurde immer nur draufgehauen. Ich war der Meinung, dass die Menschen draußen das so auch wahrnehmen. Dass es im Rathaus keine Pressestelle gibt, ist bekannt. Pressearbeit musste immer nebenbei passieren. Das war politisch so gewollt. Dann wurde, das lässt sich in den sozialen Medien verfolgen, aus unterschiedlichsten Richtungen Stimmung gemacht. Das hat dazu beigetragen, dass in der Öffentlichkeit der Eindruck entstanden ist, Herr Stadler macht das besser. Über 3 000 Bürger haben das offenbar so gesehen. Allerdings scheint es mehr als 5 000 Bürgern auch egal gewesen zu sein, wer in Babenhausen auf diesem Stuhl sitzt. Aber auch das ist ein Teil der Demokratie und ich akzeptiere das.

Hadern Sie damit, dass Sie nicht mehr dagegen gesteuert haben, gerade beim Thema Öffentlichkeitsarbeit, um sich und Verwaltungshandel vielleicht auch besser darzustellen?

Ich habe diesen Job so gut gemacht, wie ich konnte. Ich hadere nicht mit mir. Ich habe das gemacht, was ich für richtig hielt, um die Stadt nach vorne zu bringen. Das habe ich durchgezogen.

Gibt es etwas, dass Sie im Nachgang anderes sehen oder anders entschieden hätten mit dem Wissen von heute?

Ja. Eine fundamentale Fehleinschätzung meinerseits war definitiv die Informationsweitergabe über die Kommunalwahl 2016 hinaus sicherzustellen. Das hatte ich überhaupt nicht auf dem Schirm, weil es schlichtweg innerhalb der SPD-Fraktion niemals möglich gewesen wäre. Es geht darum, die Informationen in den Fraktionen so zu verteilen, dass sie die Kommunalwahl auch überstehen.

Ein konkretes Beispiel?

Speziell geht es mir zum Beispiel darum, was auf dem Gärtnerei-Grünewald-Gelände passieren sollte. Mit den damaligen Fraktionsvorsitzenden war besprochen worden, in welche Richtung das laufen soll. Nach der Wahl wollte die neue Mehrheit davon nichts wissen. Sie haben aus einem Mischgebiet, das Babenhausen und die Altstadt dringend gebraucht hätte, ohne jede Not ein allgemeines Wohngebiet gemacht und damit die Möglichkeit genommen, Gewerbe innerstädtisch anzusiedeln. Jahrelang hieß es, wir brauchen einen Frequenzbringer. Wir hatten dort 6 000 Quadratmeter Chance und machen stattdessen eine Schlafstätte hin. Das ist städtebaulich einmalig dämlich. Es ging nicht mehr um die Sache, es war eine rein politische Entscheidung. Und die wurde darauf geschoben, dass man spät informiert wurde, was schlicht und ergreifend so nicht richtig ist. Alle damaligen Fraktionsvorsitzenden waren informiert.

Ein Knackpunkt war der Haushalt für das Jahr 2016.

Da war der Haushalt ohne Steuererhöhung nicht genehmigungsfähig und ich habe die gesetzlich verankerte Aufgabe, einen genehmigungsfähigen Haushalt vorzulegen. Und daran ist am Ende auch die Kooperation zwischen den beiden großen Fraktionen, die schon in trockenen Tüchern war, gescheitert.

Neben der Kasernenkonversion: Auf welche Projekte sind Sie noch stolz?

Wir haben die evangelische Kita ‘in Time und in Budget’ abgeliefert. Ich weiß nicht, wann zuletzt in Babenhausen solch ein Großprojekt so abgelaufen ist. Dann haben wir, nachdem Warnungen im Wind verhallt waren, kurzfristig eine Interims-Kita in der Kaserne aus dem Boden gestampft. Wir haben die wiederkehrenden Straßenbeiträge eingeführt und wie ich finden sehr erfolgreich umgesetzt. Wir haben es hinbekommen, diesen Schwachsinn mit der Zweitwohnungssteuer wieder wegzukriegen. Ich habe ein freies WLAN-Netz zu einem Preis aufgebaut, der unschlagbar ist und das Netz erfreut sich großer Beliebtheit. Ganz großartig ist, dass am Boßwenhain was passiert. Da bin ich die fünfte Generation Bürgermeister, die dort versucht hat, diesen baulichen Missstand abzustellen. Herr Stadler wird wohl die Früchte ernten, die Saat haben anderen gesät.

Im Wahlkampf haben Sie sich als Krisenmanager positioniert: Flüchtlingsunterbringung, Bombenentschärfungen, Stürme und nun auch die Corona-Pandemie. Ist das bei den Leuten nicht angekommen?

Offensichtlich war es den Leuten nicht wichtig genug, zur Wahl zu gehen und das zu honorieren. Zu den jeweiligen Zeitpunkten habe ich jeweils viel positives Feedback bekommen, aber das wurde dann auch wieder vergessen.

Was war denn Ihr emotionalster Moment in Ihrer Amtszeit?

In der nasskalten Nacht im November 2015 als die ersten Busse mit Flüchtlingen in die Kaserne kamen. Das hat mich sehr bewegt: die vielen Mütter mit ihren Kindern. Das alles zu organisieren, damit die Kasernenkonversion weiterlaufen kann und trotzdem diese Menschen einen trockenen Platz zum Schlafen haben, das war sehr bewegend. Ein Jahr später beim Hessentag gab es dafür vom Ministerpräsidenten vor der versammelten kommunalen Familie auch ein Lob nach dem Motto, wenn man sehen möchte, wie erfolgreich Erstaufnahme funktioniert, dann muss man mal nach Babenhausen schauen. Das geht dann schon runter wie Öl.

Kommen einem nun erst mit etwas Abstand die ganzen Ereignisse und das Geleistete wieder vor Auge?

Ich führe kein Buch darüber. Der Blick nach hinten lohnt immer dann, wenn er einen motiviert. Aber Erfolge sind auch etwas, was man abhakt und weitermacht. Gerade dann, wenn man so viele Aufgaben noch vor sich sieht. Auf breiter Front ist letztendlich eine deutliche Vorwärtsbewegung geschehen. Und da bin ich schon stolz darauf.

Ziehen Sie aus irgendetwas eine Lehre?

Ich denke, dass die Arbeit, die ich abgeliefert habe, ordentlich war. Aber ja, ich gebe es zu: Selbstmarketing liegt mir nicht. Ich bin kein Mensch, der sich ständig selbst auf die Schulter klopft. Aber das ist offensichtlich gerade in diesem Bereich ein Handicap. Wenn ich die Wahl habe, ein Problem zu lösen oder einen guten Presseartikel zu schreiben über etwas, das fertig ist, dann bin ich eher jemand, der sagt: Her mit dem nächsten Problem.

Was machen Sie in Zukunft beruflich?

Die Corona-Pandemie macht es gerade nicht einfach. Vorstellungsgespräche unter Corona-Bedingungen sind eine besondere Herausforderung für alle. Auch weil Menschen, die Bewerbungen bearbeiten, im Homeoffice sind und eben Unternehmen auf kleiner Flamme fahren, weil sie andere Probleme lösen müssen. Da stehen Neueinstellungen erst einmal hinten an.

Aber es zieht Sie zurück in die IT-Branche?

Ja. Da gibt es Verbindungen zu kommunalen Dingen. Das Online-Zugangsgesetz und die Digitalisierung benötigen Fachwissen aus IT und Verwaltung. Da bringe ich einen Vorteil mit. In diesem Bereich gibt es wenige Informatiker, die alles aus Verwaltungsperspektiv beleuchten können.

Die Ekom 21 – ein kommunales IT-Dienstleistungsunternehmen – wäre ein schöner Arbeitgeber für Sie?

Ja, das wäre etwas für mich. Da könnte ich sicherlich Dinge bewegen, die auch in meiner Kernkompetenz liegen. Gerade wenn es um Service und 24-Stunden-Bereitschaft oder das Onlinezugangsgesetz geht. Man kann eben nicht bei einer Störung am Samstagmorgen warten bis Montag. Das haben wir gesehen, als unsere Buchungsplattform fürs Schwimmbad abgeschmiert ist und niemanden erreichbar war.

Nach der Wahl ist vor der Wahl: Die Kommunalwahlen stehen an. Sie stehen auf dem letzten SPD-Listenplatz und wollen auf keinen Fall ins Stadtparlament. Warum?

Ich bin ein offiziell abgewählter Bürgermeister. Das heißt für mich: Es reicht. Wenn die Menschen gewollt hätten, dass ich weiter für sie arbeite, dann hätten sie das im November regeln können. Ich stehe auf der Liste, weil meine Mitstreiter, die für mich gekämpft haben, mich darum gebeten haben, mit ihnen nun zu kämpfen. Das mache ich selbstverständlich auch.

Und wenn Sie nach vorne kumuliert werden?

Dann wird jemand anders aus der SPD diesen Platz annehmen. Ich jedenfalls nicht. Da spiele ich mit offenen Karten. Es sind hervorragende neue Leute im Team.

Ambitioniert sind Sie bei einem Mandat für den Kreistag.

Da stecke ich in vielen Projekten drin. Wenn mich die Babenhäuser dort haben wollen, gehe ich gerne hin und gestalte weiter mit.

Was können Sie für Babenhausen dort erreichen?

Das Thema Mobilität – verbunden mit Klimaschutz und Energie – ist eines meiner Kernthemen. Als nativer Malteser-Sanitäter ist mir das Thema der kommunalen Gesundheitsversorgung enorm wichtig. Wenn man sich die aktuelle Entwicklung anschaut, dann muss man ganz klar sagen, es gibt Dinge wie die Gesundheitsversorgung, die gehören in die öffentliche Hand.

Wo wird man Sie zukünftig in Babenhausen antreffen?

Der Turnverein hat sich bereits dahingehend geäußert, dass er sich freuen würde, wenn ich wieder im Vorstand mitarbeiten würde. Ich habe bereits meine Baseball-Schiedsrichter-Ausrüstung aus dem Schrank geholt. Im Bereich Gesundheit und Sport, aber auch im Bereich Kunst und Kultur in Verbindung mit dem historischen Erbe unserer Stadt sehe ich meine ehrenamtlichen Schwerpunkte.

Wie lief bislang die Amtsübergabe mit Dominik Stadler?

Es gab Termine und wir werden noch einige machen müssen, da ich einige krankheitsbedingt absagen musste. Ich werde versuchen, ihm alle offenen Projekte zu übergeben, und er hat auch die klare Ansage: Er darf mich anrufen. Auch nach dem 17. Januar. Ich werde niemanden hängen lassen. Ich habe mich nicht sechs Jahre zum Wohl der Stadt mit teilweise 70 Stunden in der Woche und mehr eingesetzt, um nun alle Brocken fallen zu lassen.

Was werden Sie am meisten vermissen?

Da zitiere ich gerne einen gerade erst gelesen Instagram-Beitrag: „Nichts schweißt so sehr zusammen, wie jeden Tag acht Stunden lang in derselben Scheiße zu stecken.“ Ich werde mein Team, Vorzimmer, Fachbereich I und die Zusammenarbeit mit den Fachbereichsleitern sehr vermissen. Die Krisen haben gezeigt, dass wir uns blind aufeinander verlassen konnten. Es ist ein tolles Team, das ich abgeben muss.

Und Sie werden das Mehr an Freizeit genießen?

Oh ja. Das merke ich jetzt schon. Meine Frau sagt, ich sei in den letzten sechs Jahren nicht so entspannt gewesen wie jetzt. Die enge Taktung des Terminkalenders gab die notwendige Struktur vor, es war aber auch wie ein Korsett. Und das ist nun weg.

Was wünschen Sie Herrn Stadler?

Durchhaltevermögen.

Das Gespräch führte Norman Körtge

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