Auch in Corona-Zeiten aktiv

Projekt für Langzeitarbeitslose in Babenhausen

Wie sie sich die Zukunft des Jobcenters vorstellen, berichten Yanc-Gülbey (links) und Claudia Goes in einer Videokonferenz.
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Wie sie sich die Zukunft des Jobcenters vorstellen, berichten Yanc-Gülbey (links) und Claudia Goes in einer Videokonferenz.

„Ich lebe und arbeite in Babenhausen“ heißt das Regionalprojekt des Jobcenters und des Landkreises, um Langzeitarbeitslose wieder in Lohn und Brot zu bringen. Auch nach der aktuellen Runde gibt es Erfolge zu verzeichnen.

Babenhausen - Michael Frank hat einen gefunden, Olga Popow auch, Lisa Falter und Matthias Butt suchen noch. Die Vier (Namen von der Redaktion geändert) sind Teilnehmer des Regionalprojekts „Ich lebe und arbeite in Babenhausen“, das nun per Online-Veranstaltung zu Ende gegangen ist. Das Ziel des Ganzen: Langzeitarbeitslose wieder in Lohn und Brot bringen – und zwar mit Gemeinschaftstreffen in ihrem Ort.

Im Juli 2020 startete das Projekt mit Info-Veranstaltungen – als erstes dieser Art während Corona –, im September begann Jobcoach Filiz Yanc-Gülbey mit der Gruppenarbeit. „Mit 15 Teilnehmern haben wir angefangen, sieben sind inzwischen in einer Anstellung, zuletzt waren noch sechs dabei“, fasst die Frau vom Kommunalen Jobcenter in Kranichstein ihre Bilanz zusammen. Das Zustandekommen dieser Bilanz lässt sich dagegen nicht so kurz und knapp beschreiben.

„Wir haben unsere Stärken herausgearbeitet“, sagt Frank. Damit ging es los. Der 40-Jährige hatte seine schon fast vergessen, so tief saßen Frust und Hoffnungslosigkeit durch die drei Jahre mit Hartz IV. Dass er als ehemaliger Qualitätsmanager jetzt eine Hausmeisterstelle bei einer Firma in Dietzenbach ergattern konnte, mit der Aussicht, in einem Jahr technischer Betriebsleiter zu sein, erfüllt ihn mit großem Glück.

Nächster Schritt: Selbstreflexion fördern und alte wie neue Fähigkeiten bei sich entdecken. Das war das Wichtige für Butt. Und das Sich-Einbringen in der Gruppe. Der gelernte Fachinformatiker, der Wirtschaftsingenieurwesen an der Hochschule Darmstadt studierte, machte seinen Mitstreitern den Vorschlag, sich gegenseitig die Bewerbungsunterlagen zu checken. Bei ihm scheiterte ein in Aussicht gestellter Praktikumsplatz an der Corona-Pandemie.

Üben, üben, üben! Das hat sich die junge Lisa Falter auf die Fahnen geschrieben, die zeitbasierte Medien an der Hochschule Mainz studiert hat. Ihr größtes Problem ist das Sprechen vor anderen Menschen. Aber mit jedem Rollenspiel, mit jedem simulierten Vorstellungsgespräch im Projekt ging es ein Stückchen besser. Sie sucht nicht mehr nur ihrem Studium entsprechende Jobs. Denn die Gruppenkollegen schreiben ihr auch Bürofähigkeiten zu. Mit Coach Yanc-Gülbey wird sie nach Projektende in Kontakt bleiben.

Und dann ist da Popow. Sie hat dank dem Projekt einen Minijob bei Kumpf-Catering in Babenhausen – zum Geschirrspülen und zur Mithilfe beim Füllen von Lunch-Dosen. Lässt Corona den Betrieb reibungslos arbeiten bedeutet das für Popow die Option auf einen Teilzeit-, vielleicht sogar einen Vollzeitvertrag. „Ich musste nur hingehen und den Chef kennenlernen“, sagt sie. „Frau Yanc-Gülbey hat die Arbeit für mich gefunden. Das Projekt ist meine bisher beste Maßnahme.“

Bei Letzterem stimmen alle Teilnehmer im Rückblick überein: wertschätzend, effektiv, individuell auf die eigenen Bedürfnisse zugeschnitten, unterstützend sind Begriffe, die fallen – und dass es Antworten auf jedes Problem und jede Frage gab, die ihnen beruflich auf den Nägeln brannten. „Im Gegensatz zu früher, als ich außer mal einem Brief überhaupt keinen Kontakt zum Amt hatte“, vergleicht Frank.

„Wir versuchen, wirklich zu helfen“, versichert Claudia Goes, die Leiterin des Arbeitgeberservices beim Landkreis. Auch sie ist der Abschiedsrunde zugeschaltet. Für Goes hat Corona der Behörde noch mal kräftig einen Schub nach vorne gegeben. Sei es beim Homeoffice für Mitarbeiter, bei der Ausstattung mit Technik oder bei der neuen Form der Kommunikation mit den Menschen, um die sich ihre Arbeit dreht. „Auf dem Stand wären wir sonst frühestens in zehn Jahren gewesen“, findet sie. Am 25. November hatte die Babenhäuser Gruppe ihr erstes rein virtuelle Gruppentreffen. Davor waren sie einmal wöchig in personae im Rathaus, dem wegen der erhöhten Nachfrage im zweiten Lockdown aber die Räume ausgingen. Yanc-Gülbey war überrascht, dass es auch online so gut klappte.

„In Zukunft wollen wir sukzessive in die Videoberatung einsteigen“, kündigt Jobcenter-Leiter Roman Gebhardt an. Mit oder ohne Corona. Wir können uns jedenfalls so bei unseren Projekten noch viel besser an das anpassen, was wir in den 23 Kommunen vorfinden, ergänzt Goes. Stünden keine Räume zur Verfügung, treffe man sich online, hätten die Teilnehmer nicht das nötige Equipment, zöge man ein persönliches Zusammensein vor – oder man wähle irgendeine Mischform.

Und wenn alle Stricke rissen: Zweiergespräche lassen sich auch im „Walk & Talk“ führen, dem Reden beim Spazierengehen, wie es während Corona in Babenhausen erfunden wurde.

Im April soll eine neue Gruppe starten. Die alten Teilnehmer kommen in einem halben Jahr wieder zusammen, um nachzuhören, wie es ihnen in der Zwischenzeit ergangen ist. (zkn)

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