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Stadtmühle Babenhausen: Kein Strom mehr aus Wasserkraft – Tausende Fische tot

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Von: Norman Körtge

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Gersprenz-Idylle: Der kleine Fluss rauscht durch die Stadtmühle.
Gersprenz-Idylle: Der kleine Fluss rauscht durch die Stadtmühle. © Körtge

Einst war es ein Zeichen des Fortschritts, nun ist es ein ökologisches und vor allem ein finanzielles Grab: das kleine Elektrizitätswerk in der Stadtmühle Babenhausen.

Babenhausen - 1897 erhielten die Besitzer die Genehmigung zum Errichten eines E-Werkes. Über das Wasserrad wurde ein Generator angetrieben. Babenhausen war damit eine der ersten Gemeinden in der Region, die über eine Stromversorgung verfügte.

Nun, 125 Jahre später, soll die Gersprenz zukünftig durch das historische Gebäude in direkter Nachbarschaft zum markanten Hexenturm rauschen, ohne grünen Strom zu produzieren. Die Gründe: Zum einen muss die Gersprenz für Fische komplett durchgängig hergerichtet werden, zum anderen sind die dafür notwendigen Investitionen beim Betrieb einer Wasserturbine erheblich. Hinzu kommt: Der produzierte Strom steht schon seit Jahren in keinem Verhältnis zu den entstehenden Kosten. Kein Wunder, dass sich der am Dienstagabend tagende Bauausschuss einstimmig der Magistratsvorlage anschloss, die Wasserkraftanlage außer Betrieb zu nehmen. Das letzte Wort hat die Stadtverordnetenversammlung am Montag, 30. Mai.

Babenhausen: Kosten für Umbau an der Stadtmühle belaufen sich auf geschätzte 981 .000 Euro

Die harten Fakten hatte Tiefbau-Fachbereichsleiter Christian Heinemann in der Ausschusssitzung präsentiert. Demnach muss die Stadt auf jeden Fall an der Stadtmühle und dem dazugehörigen Wehr – in Fachkreisen gilt es als eines der größten Hindernisse für Fische auf der Gersprenz – eine „hindernisfreie Umgehungsrinnen“ schaffen. Noch gebe es dafür vom Regierungspräsidium Darmstadt noch keine zwanghafte Anordnung, schilderte Heinemann die Situation.

Stattdessen würde die Behörde „auf Kooperation mit hohen Förderquoten“ setzen. Denn die Kosten dafür belaufen sich auf geschätzte 981 000 Euro. Die derzeitige Förderquote liege bei 68 bis 80 Prozent. Beim Betrieb der Wasserturbine müsste neben der Fischaufstiegs-, auch eine Fischabstiegsmöglichkeit geschaffen werden. Dafür müssten etwa weitere 280 000 Euro investiert werden, die allerdings nicht förderfähig sind.

Das Rad am oberen Ende der Turbine (Vordergrund) treibt über einen Flachriemen den Generator an.
Das Rad am oberen Ende der Turbine (Vordergrund) treibt über einen Flachriemen den Generator an. © Körtge

Stadtmühle Babenhausen: Derzeit wird kein Strom produziert

Diese zweite Summe, so die einhellige Meinung aus dem Fachbereich und dem Magistrat, kann sich die Stadt beim Blick auf die Wirtschaftlichkeit der 2018 in den Besitz der Kommune übergegangenen Wasserkraftanlage sparen. Zwar wurden 2018 39 217 Kilowattstunde (kWh), 2019 83 338 kWh und 2020 61 250 kWh Strom produziert und damit insgesamt eine Einspeisevergütung in Höhe von 16 751 Euro erzielt. Doch dem gegenüber stehen jährliche Ausgabe für Unterhaltungs- und Reparaturkosten von aufsummiert 39 635 Euro. Das macht ein jährliches Minus von mehr als 7 600 Euro. Prognostiziert waren mal viel höhere Strommengen, doch die zurückliegenden Dürrejahre sorgten für niedrige Wasserstände und damit weniger Durchlauf.

Erschwerend hinzu kommt, dass derzeit überhaupt kein Strom produziert wird. Der Grund sei ein Totalschaden der Turbinenwelle einschließlich der Schalenlager. Die Reparaturkosten schätzt die Stadtverwaltung auf mindestens 12 500 Euro. Darüber hinaus müsse die aufgrund ihres Alters sehr störanfällige elektrische Schalt- und Steueranlage in naher Zukunft erneuert werden, was mit weiteren mindestens 10 000 Euro zu Buche schlagen würde. Und dazu kommen eben noch jene 280 000 Euro für die notwendige Fischabstiegsmöglichkeit.

Auf der Steuereinheit sind schematisch der Turbinenaufbau und der Generator dargestellt.
Auf der Steuereinheit sind schematisch der Turbinenaufbau und der Generator dargestellt. © Körtge

Babenhausen: Knapp Fünfstellige Zahl an Fischen an Stadtmühle durch Wasserturbine getötet

Seit Inbetriebnahme der modernen Wasserturbine vor gut einem Vierteljahrhundert sind nach Schätzungen von Experten eine hohe vier- bis knapp fünfstellige Zahl an Fischen in dem doch kleinen Fließgewässer getötet worden. Auch mit dem Bau einer Edelstahl-Ableitvorrichtung würden Fischverluste nicht zu vermeiden sein. Dieser ökologische Aspekt steht im keinem Verhältnis zu der produzierten Strommenge.

„Unter Berücksichtigung alle aufgeführten Punkte muss man den Weiterbetrieb der Wasserkraftanlage als kritisch betrachten“, heißt es abschließend in der Magistratvorlage. Der Rückbau innerhalb des Gewässers soll im Zuge der Bauarbeiten zur „Fischdurchgängigkeit“ erfolgen. In der Stadtmühle selbst soll dieser erst später erfolgen. (Norman Körtge)

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