„Musik hat etwas Befreiendes“

Langstadts Organist Dieter Haag ist ein Vollblutmusiker

Langstädter Markenzeichen: Die Bechstein-Orgel und Organist Dieter Haag.
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Langstädter Markenzeichen: Die Bechstein-Orgel und Organist Dieter Haag.

Der beliebte Langstädter Organist Dieter Haag verbindet Bodenständigkeit mit großem Talent.

Langstadt – Er gehört zu Langstadt wie der historische Anger, an dem er in einer renovierten Hofreite wohnt und lebt: Organist Dieter Georg Haag. Direkt nebenan wirkt die hoch aufragende neugotische evangelische Pfarrkirche (1878-80) wie ein starkes Monument des Glaubens, keineswegs wie eine Dorfkirche. Dort spielt der 1957 geborene Musiker Haag besonders gern auf der 1880 geweihten Bechstein-Orgel, alles andere als ein Durchschnittsinstrument. Man hört und sieht es, besonders wenn Haag vorspielt, wie gut Kirchenraum und Orgel harmonieren.

Menschenfreund Haag, der Musikpädagoge, Chorleiter und Arrangeur, lässt besonders zu Corona-Zeiten beim Einstudieren seiner Orgelstücke Kirchenfenster offen, um Anwohner am Klangerlebnis teilhaben zu lassen. „Denn Musik hat, gerade auch in diesen Zeiten, etwas Befreiendes“, sagt er. Sein klassisch-romantisches Musikideal – Haag spielt besonders gern Kompositionen und Kirchenmusik von Bach, Händel, Buxtehude, Mendelssohn und Reger – und seine sehr gut balancierte Spielweise passt vorzüglich zur spätromantischen Disposition der Groß-Umstädter Orgelbau-Dynastie Heinrich Bechsteins. Wie Haag erläutert, ist die Langstädter Orgel Bechsteins zweitgrößter Neubau. 17 Register verteilen sich auf zwei Manuale und Pedal, deren Klangspektrum dem Ideal des ausgehenden 19. Jahrhunderts entsprechend. Charakteristisch sind dafür das laut und kräftig ausgeführte Hauptwerk, das dagegen zart und leise wirkende Oberwerk und das Pedal mit seinem zarten Violinbass.

Die Bechstein-Orgel in der evangelische Kirche Langstadt.

Über 45 Jahre ist der Orgelliebhaber, der eine fundierte Ausbildung an Frankfurts Musikhochschule genoss, mit diesem Instrument zusammengewachsen. Haag präzisiert die Vorzüge des aus 1000 Pfeifen bestehenden Orgelwerks: „Bechstein hat im ersten Manual auch drei Register aus der barocken Tradition vorgesehen, jeder Ton ist mit vier Pfeifen in einer festgelegten Ordnung versehen, das gibt strahlend hellen, festlichen Orgelklang.“

Der typische majestätische und warme, weiche Klang der Orgel sei vor allem bei einheimischen Kirchgängern sehr beliebt. Selten ist, bis auf eine 1990 neu eingebaute Windlade fürs Oberwerk und neue Zinnpfeifen fürs Orgelprospekt, dass die gesamt Orgel mit ihren Holz- und Zinnpfeifen original erhalten ist. „So etwas nennt man Denkmalorgel“, sagt Haag.

Haag ist sich der Bedeutung seiner Kirche bewusst, in der er auch als Prädikant predigt und an der Gottesdienstgestaltung mitwirkt. Dabei ist der Bodenständige offen für vieles. Das zeigte er nicht nur in Kooperation mit Musiklehrerin Anna Grof beim gemeinsamen Kinderoperprojekt: „Während die Lehrerin eine kindgerechte Textfassung zu Mozarts Zauberflöte schrieb, habe ich das passende Liedmaterial zu Prinz Tamino, Vogelfänger Papageno und zur Königin der Nacht ausgewählt und bearbeitet, das unsere Viertklässler dann mit viel Spaß und Talent zum Besten gaben.“

Auch auf auswärtigen Bühnen, auf Konzerten, Liederabenden und Chor-Festivals in Südtirol und San Marino, zeigte Haag schon sein Können. Er machte auch gute Erfahrungen mit Laientheater. Doch dazwischen – in Coronazeiten ist das deutlich weniger geworden – ist er unterwegs als Chorleiter, Klavierlehrer und Gastorganist in Kirchen des Vorderen Odenwalds, auch in Neu-Isenburg und Nieder-Ramstadt. Gern spielt der Vielseitige auf seinem großen Hohner-Akkordeon, mit dem er schon in jungen Jahren glänzte. Über sein Akkordeonspiel hört man in der Gegend beinahe Wunderdinge. Dazu Haag: „Das macht mir viel Spaß, ist aber etwas aus der Mode gekommen.“ Seine Offenheit für verschiedene Arten von Musik hänge mit meiner Kindheit zusammen: „Mein Vater kam als Braumeister viel herum, sodass ich im bayerischen Traunstein ebenso aufwuchs wie im unterfränkischen Arnstein.“

Man kann nicht nur in Langstadt froh sein, dass dieser Vollblutmusiker so lange und intensiv hier wirkt. Zu den Lautsprechern seines Fachs gehört er dabei keineswegs. Er ist einer, der immer auf dem Teppich bleibt, und wird auch deshalb hochgeschätzt. (Reinhold Gries)

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