Pfungstädter-Geschäftsführer Stefan Seibold zur Brauerei-Übernahme

Marke „Michelsbräu“ wird verschwinden

Vom Industriebau zum Denkmal, auf dem der Markenname Michelsbräu erhalten bleibt: Das ehemalige Sudhaus an der Fahrstraße.
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Vom Industriebau zum Denkmal, auf dem der Markenname Michelsbräu erhalten bleibt: Das ehemalige Sudhaus an der Fahrstraße.

Die Pfungstädter übernimmt die Michelsbräu. So viel war bereits klar. Unklar waren die damit verbundenen Absichten und Modalitäten geblieben. Jetzt hat Pfungstädter-Geschäftsführer Stefan Seibold für Klarheit gesorgt: Nach einer Übergangszeit wird die Traditionsmarke „Michelsbräu“ vom Markt verschwinden.

Babenhausen - Die Pfungstädter ist im vergangenen Jahr selbst knapp an der Pleite vorbeigeschrammt. Nach der Übernahme durch den Seeheim-Jugenheimer Anlagenbauer Uwe Lauer scheint es aber nun mit Volldampf Richtung Zukunft zu gehen. Dazu gehören unter anderem Pläne für den Neubau einer Brauerei am Rand von Pfungstadt, die mit halbierter Kapazität gegenüber den teilweise veralteten Anlagen im Herzen der von Seibold so titulierten „hessischen Bierhauptstadt“ wirtschaftlicher arbeiten soll. Anvisiert ist eine Kapazität von bis zu 200 000 Hektolitern pro Jahr.

Zu dieser Neuaufstellung gehören flankierende Maßnahmen im Bereich der Vermarktung: „Ein strategischer Ansatz unserer neuen Pfungstädter Brauerei GmbH ist kontinuierliches Wachstum durch Kooperationen und Zukäufe, um unseren Fixkostenanteil weiter zu senken und unsere Marktposition zu stärken“, schreibt Seibold. „Bei der Michelsbräu-Übernahme ging die Initiative von uns aus.“ Die Transaktion soll juristisch zum 1. März vollzogen werden.

Nur noch 8000 Hektoliter

Der Jahresausstoß der 1831 gegründeten Pfungstädter Brauerei – der größten Privatbrauerei Hessens – wird für das Vor-Coronajahr 2019 auf rund 200 000 Hektoliter geschätzt. In besten Zeiten waren es einmal 473 000 Hektoliter. Für den Absatz der seit 2011 in Arnstein gebrauten Michelsbräu-Biere, deren Tradition sogar noch weiter bis in das Jahr 1815 zurückreicht, gibt der Pfungstädter Geschäftsführer Seibold einen Vor-Corona-Ausstoß von gerade noch 8 000 Hektoliter pro Jahr an. In besten Zeiten – den achtziger Jahren des vorigen Jahrhunderts – kam das „Juwel unter den Privat-Brauereien“ (Eigenwerbung) auf mehr als 40 000 Hektoliter pro Jahr. Das Absatz-Potenzial der Pfungstädter wächst durch die Transaktion um weniger als zehn Prozent.

In seinen weiteren Ausführungen wird deutlich, dass es dabei weniger um die Sicherung von Rechten an der Traditionsmarke ging, sondern vor allem um die Übernahme eines Kundenstamms vorzugsweise im Osten des Landkreises Darmstadt-Dieburg, aber auch darüber hinaus. Seibold spricht von 120 neuen Geschäftspartnern – deutlich weniger als die 250, die von Michelsbräu-Senior-Geschäftsführerin Susan Schubert per Anschreiben über den Wechsel unterrichtet worden sind. Die Pfungstädter hat im Osten des Landkreises Darmstadt-Dieburg bereits einen Stamm von 400 Kunden.

Dazu erklärt der Geschäftsführer: „Es geht natürlich um das gesamte Geschäft, die Differenz ergibt sich aus Festkunden und Abholern. Natürlich treten wir in alle Kundenbeziehungen ein und werden als großer Festausstatter alle Kunden bedienen. Seibold hat auch eine Erklärung für die Personalie Reiner Strohfuß: „Als Prokurist der Michelsbräu war Herr Strohfuß von Beginn an in die Gespräche involviert und der Wechsel zur Pfungstädter ein logischer Schritt.“ Außer dieser „Übernahme“ soll es aber keine weiteren geben: Die verbleibenden sechs Mitarbeiter der Michelsbräu werden sich wohl neue Jobs suchen müssen.

Für eine Übergangszeit will die Pfungstädter weiterhin die Marke Michelsbräu vertreiben: Wir haben ab März die in Arnstein gebrauten Biere in unserem Sortiment.“ Aber: „Es ist nicht geplant, in Pfungstadt Michelsbräu zu brauen. Sondern: „Mit 18 verschiedenen Sorten verfügt die Pfungstädter Brauerei über ein sehr breites Sortiment an Bierspezialitäten und auch alkoholfreien Getränken. Dadurch gibt es viele neue Möglichkeiten für die Michelsbräu-Kunden. Die zukünftigen Sortimente werden in den nächsten Wochen mit jedem Kunden besprochen“ – was nichts anderes bedeutet, dass die traditionsreiche Marke bereits in wenigen Monaten vom Markt verschwunden sein dürfte.

Was bleibt: Das denkmalgeschützte Sudhaus an der Fahrstraße mit dem Schriftzug auf der Dachkante. Und die beiden Traditionsgaststätten „Hanauer Tor“ sowie „Landhaus Schwanen“ in Babenhausen, deren Übernahme laut Seibold Teil des Kaufvertrags ist. „Es ist unser strategisches Ziel, durch eigene Immobilien und Anpachtungen den Erhalt unserer einheimischen Gastronomie zu sichern.“  (sr)

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