Babenhausen

Corona verstärkt einen Trend bei der Berufswahl

Niko Watkins (15, rechts) spielt gegen eine Mitschülerin am Tischkicker mit elektronischer Tordifferenz-Anzeigentafel, ein Paradebeispiel für die Verknüpfung von Mechanik und Elektronik. Der Schüler kann sich allerdings nicht vorstellen, dass der Beruf des Mechatronikers etwas für ihn ist.
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Niko Watkins (15, rechts) spielt gegen eine Mitschülerin am Tischkicker mit elektronischer Tordifferenz-Anzeigentafel, ein Paradebeispiel für die Verknüpfung von Mechanik und Elektronik. Der Schüler kann sich allerdings nicht vorstellen, dass der Beruf des Mechatronikers etwas für ihn ist.

Der Trend geht weg vom Ausbildungsberuf, und Corona hat die Entwicklung offenbar noch verstärkt. Das wird auf der Job-Info-Börse in Babenhausen deutlich.

Babenhausen – „Wenige wollen eine Ausbildung machen“, bekundet Rektor Robert Kirchner, der als Stufenleiter für die 9. und 10. Klassen der integrierten Gesamtschule zuständig ist. Die Sorge unter Eltern sei groß, dass eine Bindung an ein Unternehmen zu Pandemiezeiten riskant sein könnte, und sie raten ihren Sprösslingen zum sicheren Verbleib im Schulsystem – um später alle Möglichkeiten zu haben.

Die Schüler scheinen dem gewohnten schulischen Alltagstrott gern weiter zu folgen und das Thema Berufswahl in fernere Zukunft zu schieben. Die Folge: „Berufsschulen wie die Landrat-Gruber-Schule in Dieburg können keine Plätze mehr anbieten“, so Kirchner.

Mehr Bewerbungen als Plätze: das sei dort dieses Schuljahr so und werde sich im nächsten vermutlich noch verschärfen. Zusätzlich verstärkt dadurch, dass in den weiterführenden Schulen nur dank Corona versetzte Schüler nun die Anforderungen nicht erfüllen und wiederholen müssen.

Corona in Babenhausen verändert Berufswahl – Einige Teilnehmer ließen sich lediglich berieseln

Umso wichtiger ist die Job-Info-Börse, betont Kirchner und lobt die Flexibilität der 18 Unternehmen und Institutionen, die sich kurzfristig zur Pandemie-bedingt gestrafften Ausgabe eingefunden hatten. Wichtig auch gerade für eine Handvoll angehender Schulabgänger mit Hauptschulabschluss, die sich erfolgreich einen Ausbildungsplatz gesucht hatten und diesen aufgrund betrieblicher Corona-Schwierigkeiten wieder verloren.

Die von März auf Anfang Juni verlegte, um die Hälfte an Anlaufständen verkleinerte Börse bot sogar die Chance, mehr Zeit für intensivere Gespräche zu haben und dadurch leichter Kontakte zu knüpfen. Denn Laufkundschaft unter den Schüler gab es dieses Jahr wegen strenger Corona-Auflagen keine, teilt Schulleiter Rainer Becker mit. Stattdessen wurden die Neuntklässler dem Klassenverband entsprechend in Gruppen von sieben bis zwölf Personen eingeteilt, um jeweils vier, für sie ausgesuchte Unternehmen beziehungsweise Institutionen wie Bundeswehr oder Bildungswerk der Hessischen Wirtschaft kennenzulernen. Diese vorbestimmte Auswahl sorgte zwar am Nachmittag in verschiedenen Sälen der Schule für ausnahmslos gut gefüllte Infostände, der ein oder andere Teilnehmer ließ sich jedoch lediglich berieseln, da sein Interesse auf ganz anderem Gebiet lag.

Lilly Heber zum Beispiel saß bei Job-Börsen-Neuling Naschlabor, dem Süßigkeiten-Onlineshop aus Babenhausen. Eigentlich will die 15-jährige Realschülerin aber Mechatronikerin werden. Ein Girls‘ Day in einer Autowerkstatt hat in ihr diesen konkreten Wunsch geweckt, der sie aus der Masse ihrer Mitschüler hervorhebt.

Berufswahl der Schüler in Babenhausen: „Naja, ich bin handwerklich nicht so begabt“

Bei anderen Mädels sei allerdings durchaus Interesse dagewesen, finden Ausbilderin Annika Rehm und dualer Student Mika Rossa, die drei ab 1. August angebotene Ausbildungsplätze vorstellten; in Sachen Marketing, Lager/Logistik und Groß- und Außenhandel.

Nadine Beez und Lea Gröger, beide angehende Verwaltungsfachangestellte bei der Stadt Babenhausen, stellten städtische Berufsmöglichkeiten vor – erstmals nicht im Rathaus, sondern in der Schule. . Es gab leider nur wenige Nachfragen nach ihren Vorträgen, bedauerten sie anschließend.

Niko Watkins (15) hat ein Faible für Autos. War der Stand von Continental, an dem Vincent Prattingr und Tom Klingenmeier von ihrer Ausbildung zum Mechatroniker erzählten, also genau das Richtige für ihn, wie er es für Lilly gewesen wäre? „Naja, ich bin handwerklich nicht so begabt“, meint er kopfschüttelnd. Und als Mechatroniker bei Conti müsste er Metall schleifen und feilen und sich mit Elektronik beschäftigen. Die Spezialeinheit GSG 9 der Bundespolizei sei da eher was für den sportlichen Jugendlichen, der sich auch eine Karriere als Handballer zutraut.

Schade, denn wir brauchen dringend Facharbeiter, bedauert Continental-Ausbilder Holger Plischke. Eine Hürde für die Praxis: Viele Schüler dieses Jahr hatten noch nicht mal ein Betriebspraktikum – ein weiteres Corona-Problem.

Berufswahl Babenhausen zu Corona-Zeiten: In der Schneierei Kattner erschien niemand

Beim einzigen Freiwilligenteil am Vormittag herrschte kaum Andrang. Sechs Firmen durften extern besucht werden, berichten Florian Assmann, Schulkoordinator für berufliche Orientierung, und der städtische Jugendpfleger Michael Spiehl.

In der Schreinerei Kattner erschien keiner. „Es ist uns ein großes Anliegen, dass die Schüler bei unseren tollen Betrieben in Babenhausen eine Ausbildung machen“, sagt die Vorsitzende des Gewerbevereins Silke Kasamas. „Gerade das Handwerk hat einen riesigen Stellenwert, nur haben das die Schüler leider noch nicht begriffen.“ (zkn)

Zum Impftag gegen Corona in Babenhausen kommen sogar Impfwillige aus Köln. Das Fazit eines außergewöhnlichen Tages.

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