Tierquälerei vor Gericht

Ehepaar lässt Pferde fast verhungern

Die Rippen beim abgemagerten Schimmel Diabolo (oben) sind deutlich zu sehen. Ein Jahr später geht es ihm sichtbar besser.
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Die Rippen beim abgemagerten Schimmel Diabolo waren deutlich zu sehen.

Ein Ehepaar sitzt in Dieburg bei Darmstadt vor Gericht. Der Vorwurf: Tierquälerei.

Dieburg/Babenhausen – Tierquälerei kennt viele Facetten. In dieser Woche saß vor dem Amtsgericht in Dieburg ein Ehepaar, das bei Hergershausen eine Pferdepension betreibt. Ein Württemberger Tierschutzverein hatte dort vier Pferde untergestellt, die sich desaströs entwickelten. Die Betreiber geben einem ihrer Söhne die Schuld. Der kontert überraschend..

Staatsanwältin Eda Öztürk-Kayrak wirft dem Ehepaar vor, zwischen Dezember 2018 und März 2019 die ihrer Obhut anvertrauten Pferde kaum gefüttert zu haben: „Sie kamen ihren Verpflichtungen nicht ansatzweise nach.“ Die Staatsanwältin spricht von abzählbaren Rippen, hervorstehenden Hüfthockern und einem unbehandeltem Zahnproblem, das einen Hengst daran gehindert habe, schmerzfrei zu kauen.

Babenhausen bei Darmstadt: „Ihm hat der Tierschutzverein auch das Geld überwiesen“

Rechtsanwältin Sabine Griem hatte ihren Mandanten nicht davon abgeraten, sich einzulassen. Der 63-Jährige sagte aus, er sei Rentner und habe mit der Pferdepension seiner Frau nur peripher zu schaffen. Der Angeklagte will die besagten Tiere nur hin und wieder „im Vorbeifahren“ gesehen haben. Darüber hinaus berichtet er, sein Sohn Jonas (Name geändert) habe die jeweils über 20 Jahre alten Gäule auf der Koppel mit Unterstellplatz gehalten: „Ihm hat der Tierschutzverein auch das Geld überwiesen“. Schließlich habe er sich um die Pferde nicht mehr gekümmert. Seiner Gattin habe Zeit und Überblick gefehlt, um die Lage auf dem entfernt liegenden Gelände ständig zu prüfen. Der Angeklagte erklärt, die Pferde seien 2017 in einen schlechten Futterzustand gebracht worden.

Auf der einen Seite kann sich der Beschuldigte erinnern, wie seine Frau im Dezember 2018 mit dem Tierschutzverein über deren miserable Situation gesprochen habe, seine Rolle beim Erscheinen des Veterinäramts im Februar 2019 entfiel ihm jedoch: „Weiß ich nicht mehr“, so seine Aussage.

Pferde in Babenhausen bei Darmstadt fast verhungert: „Das lief aus dem Ruder“

Eine Passantin hatte den Zustand der Pferde gemeldet. Die Zeugin sagt aus, über Tage habe im Trog kein Futter gelegen, was sich kurz nach ihrer Anzeige geändert habe.

Die Geschäftsführerin der Pension und Ehefrau des Beschuldigten ist sich offenbar bewusst, dass die Pferde nicht gut behandelt wurden: „Das lief aus dem Ruder.“ Auch sie schiebt die Verantwortung auf Sohn Jonas: „Der antwortete nur ‘Ah ja’, als ich ihm sagte, er soll sich kümmern.“ Sie bedauere den Verlauf. Den Tierschutzverein habe man telefonisch informiert, „ich habe mir aber den Namen nicht gemerkt“.

Das bestreitet die Vorsitzende des Vereins entschieden. Die 49-Jährige hatte bei der Polizei die Anzeige gestellt. Sie erzählt, 2017 und 2018 sei alles in Ordnung gewesen: „Wir haben den Zustand der Pferde alle drei Monate kontrolliert.“ Der sei auch bei der Übergabe gut gewesen: „Das können wir dokumentieren“. Hätte man die Information über den schlechten Zustand bekommen, „hätten wir die Pferde sofort abgeholt. Bei kommunizierten Problemen hätten wir auch mehr bezahlt. Wir sind nicht arm.“ Bei der Routinekontrolle im März 2019 sei man entsetzt gewesen: „Zwei Tage später ließen wir die halb toten Tiere abholen.“

Babenhausen bei Darmstadt: „Darunter steht ihre Unterschrift, nicht meine“

Sohn Jonas, der sich angeblich kümmern wollte, erklärt vor Gericht, er habe den Kontakt zum Verein vermittelt und die Pferde hertransportiert. Ansonsten sei er berufstätig, habe im Betrieb nur nach Feierabend geholfen. Auf die Frage von Richterin Yvonne Keller, warum die monatlich 850 Euro auf sein Konto flossen, antwortet der 23-Jährige: „Weil die Konten meiner Eltern gepfändet sind“. Er habe den Betrag auch unter Zeugen monatlich der Mutter übergeben: „An meinen Auszügen lässt sich das ablesen.“ Die Mutter habe die Rechnungen geschrieben: „Darunter steht ihre Unterschrift, nicht meine.“

Es habe durch den heißen Sommer 2018 ein Futterproblem gegeben, „die Heuernte war schlecht“. Der Vater soll konstatiert haben: „Das Drecksfutter reicht für die alten Tiere.“ Man habe nasses und verschimmeltes Heu hereingelegt. Er habe sich deshalb mit einem seiner zwei Brüder geschlagen. Es seit gut möglich, dass es über Tage gar nichts gab. Er habe nichts davon mitbekommen, dass sich die Mutter mit dem Verein in Verbindung setzte: „Mein Vater bestimmt alles. Sie hat nichts zu sagen. Leider.“

Anwältin Griem sieht darin Belastungseifer und klopft am Ende des Verhandlungstages die Option für ein Rechtsgespräch ab, was in der Regel auf den Deal hinausläuft, „Geständnis gegen festgesetzten Strafrahmen“. Richterin Keller sieht den Zug abgefahren. Beim nächsten Termin am 24. Januar könnte es ein Urteil geben. (Stefan Mangold)

Nach einer Horror-Attacke fand eine Frau ihr Pferd auf einer Weide nahe Darmstadt schwer verletzt.

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