Initiator ist Achim Knick

Babenhäuser radeln 1000 Kilometer durch Europa

Achim Knick am Grenzübergang nach Luxemburg.
+
Achim Knick aus Hergershausen am Grenzübergang nach Luxemburg.

Angeführt vom Hergershäuser Achim Knick, hat sich eine Radler-Truppe aus Babenhausen auf eine 1000-Kilometer-Europa-Tour durch drei Länder begeben.

Babenhausen – „ Au!“ Der Hintern dotzt, das Gesicht verzieht sich: Nach 80 Kilometern werden Baumwurzeln unterm gewölbten Asphalt zur persönlichen Angelegenheit. Langtouren-Radler Achim Knick weiß davon ein leidiges Lied zu singen, trotz gepolsterter Radlerhose. An den ersten Tagen einer Tour spürt man jede unnötige Naht und gönnt dem Sitzfleisch abends eine Runde schmerzlindernde Salbe, gibt der Hergershäuser Fahrradbegeisterte zu.

Mitte August brach er mit vier Mitradlern aus Babenhausen und Seligenstadt zur zwölftägigen Fahrt auf: Babenhäuser Markplatz, Worms, Germersheim am Rhein, Babenhausens Partnerstadt Bouxviller in Frankreich, entlang am Rhein-Marne-Kanal mit dem Schiffshebewerk Arzwiller, die Saar runter Richtung Mosel, ein Abstecher nach Luxemburg, weiter die Mosel entlang bis zur Mündung in den Rhein, dann zum Main nach Seligenstadt und zurück auf den Marktplatz in Babenhausen. Bei strahlender, oft auch versengender Sonne, bei Wind und bei Regen. 1 004 Kilometer. Puh! Manch einer wird sich fragen: Warum sich denn die ganzen Strapazen antun? Kommt man nicht wesentlich angenehmer und einfacher zum Ziel?

Umgekehrt wird ein Schuh draus, erklärt Knick. Das vermeintlich Strapaziöse, dieses wirklich wahrhaftige Erleben von Wetter und Natur macht das lange Radeln gerade aus. Im Auto verpasse man so etwas vollkommen. Genauso wie spontane Begegnungen mit fremden Menschen. Mit dem Fahrrad hingegen ist er dicht dran an den Leuten auf der Straße, knüpft Kontakte. Manches Mal entstand gar echte Freundschaft. Auf der August-Reise beispielsweise wurden er und seine Mitreisenden auf Wunsch des Bürgermeisters von Bouxviller gemütlich zum Essen eingeladen. Und was noch ist: Er nimmt die Unterschiede verschiedener Gegenden intensiver wahr als vom Auto aus. „Oft spürt man von einem Bundesland ins andere sofort eine Änderung. So sind die Wege im Saarland schmutziger als bei uns“, kritisiert er, um gleich darauf ins Schwärmen auszubrechen: „Frankreich hat viel bessere Radwege als Deutschland.“ Glatter seien sie, weniger Autos kämen in die Quere – und vor allem störten keine Wurzeln.

Allein unterwegs hat er gern mal sein Zelt dabei, acht Kilogramm Zeug passen in jede seiner drei Fahrradtaschen. Auf dieser Tour waren aber nur zwei mit Klamotten und Ersatzschuhen gefüllt, und übernachtet wurde in Hotels. „Sonst fährt keiner mehr mit mir mit“, meint der 60-Jährige schmunzelnd. Eine aus seinem Begleitteam – zwei Frauen und zwei Männer zwischen Anfang 50 und Ende 60 – ist eine ehemalige Schulkameradin, die er bei einem Klassentreffen neugierig gemacht habe. Die anderen sind über andere Wege auf ihn und seinen Hang zu Fahrradreisen gestoßen. Man habe sich vor Start kurz getroffen und kennengelernt. 70 Kilometer sind sie dann zusammen pro Tag geradelt, 15 Kilometer in der Stunde im Schnitt, morgens entspannt um 9 Uhr los, drei Stunden mit Foto-Päuschen, Mittagessen irgendwo, wo‘s gefiel, und im Anschluss nochmal 3,5 Stunden.

Schattige Passagen gab es auf der Tour auch.

Nur eine in der Gruppe verzichtete auf elektrische Unterstützung, das sei aber kein Problem für sie gewesen. „Es ist immer so, jeder findet unterwegs seinen Tritt, der nicht überanstrengt“, meint Knick gut gelaunt. Muskelkater bekomme dagegen gewöhnlich keiner. Damit die Handgelenke geschont werden, empfiehlt er Handschuhe mit Gelkissen auf der Handinnenseite. „Oben ist nur ein Netz, und die Finger sind frei.“ Schwitzig sei es im Sommer mit ihnen also nicht. Federungen et cetera pp.: Es gebe so viel unterstützende Technik, um Radeln in jedem Alter möglich zu machen. Das Beste aber: „Nach jeder Tour ist meine Laune besser als vorher“, er lacht. „Deswegen schickt mich meine Frau einmal im Jahr auf größere Velo-Fahrt.“

Der Radfan überlegt. Was Philosophisches steckt auch hinter der Bewegung in Mutter Natur. Dadurch dass man seine Komfortzone aufgebe und sich einlasse auf das unbestimmte Unbekannte, das einen auf seinem Weg ereilen kann, erfahre man Freiheit und merke, wie viel es im Leben gibt, was man sich im Alltag so gar nicht vorstellt. Im täglichen Trott oft eine Sache von fehlender Zeit. Das kennt er noch aus seinem früheren Managerleben: immer im Hamsterrad und „mit 200 Sachen auf der Autobahn“, stets unter Termindruck. „Ich habe erst spät begriffen, worauf es ankommt im Leben“, sagt er heute von sich selbst. Vor fünf, sechs Jahren hatte er seinen Sinnenwandel. Jetzt ist es ihm wichtig, die eigene Persönlichkeit weiterzuentwickeln, flexibel und offen für Neues zu sein und auf seine Mitmenschen zu achten. Auf einer Reiseetappe im August trafen sie eine französische Studentin auf Solo-Radtour, die noch spät abends einen Zeltplatz suchte. „Wir haben ihr ein Zimmer in unserem Hotel spendiert“, erzählt er. Eine gute Tat, die einem selbst guttut.

Entlang des Rhein-Marne-Kanals führte die kleine Europa-Tour, die durch drei Länder ging.

Der Sinneswandel betrifft aber nicht nur seine Radurlaube. Auch daheim hat Knick seinen Lebensstil geändert. Früher hatte er drei Motorräder. Die hat er 2017 verkauft. Nun ist er Besitzer zweier Fahrräder – ein E-Bike sowie ein Mountainbike ohne Antrieb – und einem Anhänger für Einkäufe. „Ich bin in der Natur, tue etwas für meinen Körper und die Umwelt und kriege den Kopf frei“, findet der Gewandelte. Er fährt von Hergershausen nach Urberach, Darmstadt, Aschaffenburg oder Groß-Umstadt. Meist mit dem E-Bike, da es hier weniger um Entspannung als um Erledigungen von Notwendigkeiten gehe. Täglich kämen so schon einmal 80 Kilometer zusammen.

Bei seiner vor Kurzem abgeschlossenen kleinen Europa-Reise hat er in zweien seiner Gruppe auch künftige Mitradler gefunden. Vielleicht schon für nächsten Mai auf einer zweimonatigen Tour ab Straßburg einmal um Frankreich herum. Das sind 3 500 Kilometer.

Im Urlaub in Bozen möchte Knick mit seiner Frau von dort aus eine mehrtägige Radtour an den Gardasee machen – eine kleine Runde, um sie als Noch-Neuling daran zu gewöhnen. Wenn möglich holperfrei. zkn

DAS KÖNNTE SIE AUCH INTERESSIEREN

Mehr zum Thema

Kommentare