Im Neubaugebiet „Am Kirchweg“ fühlen sich Alteingesessene benachteiligt

Ringschluss in Harpertshausen sorgt für Verdruss

Der Ringschluss der Straße „Am Kirchweg“ in Harpertshausen.
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Der Ringschluss der Straße „Am Kirchweg“ in Harpertshausen.

Die Anwohner vom Harpertshäuser „Am Kirchweg“ ärgern sich. Jedenfalls die, die schon ein paar Jahrzehnte in den parallelen zwei Stichstraßen mit diesem Namen wohnen. Seit etwa acht Wochen sind die beiden Straßen mit einem fertig gepflasterten Halbring verbunden, und sieben neue Häuser stehen an dessen Seiten. „Es ist alles viel zu eng“, kritisiert eine langjährig „Am Kirchweg“-Lebende.

Harpertshausen - Ihr Haus liegt an einer der beiden ehemaligen Sackgassenenden, an denen der neue Rundweg beginnt. Als sie es 1998 gekauft habe, erzählt sie, lautete die Info ihres Bauträgers, dass nur vier Häuser in lockerer Bebauung auf der damaligen Wiese hinter ihr geplant seien – und ein Weg für Fußgänger entlang ihrer zur Wiese zeigenden Grundstücksseite, an der sie eine Thujahecke pflanzte. Ein Weg genau da, wo nun ein fremdes Haus steht.

Ihr Nachbar ist Peter Andres. Der Rentner bewohnt das ehemalige Sackgassen-Endgebäude nebenan, das ganz früher, als man rundum noch überall Feld hatte, ein Aussiedlerhof war. Er glaubte ebenfalls an den versprochenen Fußweg und baute statt einer Hecke extra ein Gartentor zu diesem. Das führt nun zum Grundstück seines neuen Nachbarhauses. Ungünstig, wie er findet. Es hätte aber noch dicker kommen können: als 2012 der Bebauungsplan mit den sieben Häusern vorgestellt wurde, waren kaum öffentliche Parkplätze vorgesehen und die Straßen sehr schmal geplant. Die beiden Kurvenstücke des Halbrings sollten nur eine Breite von 3,50 Meter haben, meint der Anwohner. „Da hätte es doch nie ein Lieferwagen rumgeschafft“. Der Mann schaltete einen Anwalt ein, der sich für eine breitere Ringstraße einsetzte und für acht statt der nur drei vorgesehenen öffentlichen Parkplätze. Auf den hauseigenen Stellplätzen vor den neuen Garagen lässt sich längenmäßig höchstens ein Smart parken. Klar, dass so die öffentlichen Parkplätze schnell zu den festen der neuen Bewohner würden.

Und noch etwas scheint auf der Hand zu liegen. Die alten Bewohner befürchten, dass es trotz Kurvenverbreiterung kein Müllauto ins neue Halbrund packt. „Die Säcke und Tonnen werden also alle nach vorne gebracht. An uns vorbei!“, beschwert sich die Frau mit der Thujahecke. „Ja, die Müllabfuhr wird ein spannendes Thema“, meint auch Ortsvorsteher Willi Schäfer. Zur Not müsste das Abfuhrunternehmen eben kleinere Fahrzeuge schicken. In diesem Fall bräuchten die langjährigen Anwohner ihre Tonne ebenfalls nicht mehr zur Altheimer Straße schieben.

Ganz unabhängig vom Müllproblem wünschen sich die Alteingesessenen um Andres ein Mitspracherecht, was die zukünftige Straßenführung im Halbring „Am Kirchweg“ betrifft – sobald dieser vom Bauträger Turnus in städtische Hand übergeht. Und zwar für alle Anwohner – neue wie alte. Christian Heinemann, Leiter des Bauamts, meint, dass man wohl eine Einbahnstraßenregelung ins Auge fasse. „Wenn Einbahnstraße, dann aber erst nach unseren Häusern beginnend“, fordert Andres. Ansonsten würde er erneut klagen. Denn die bisher am „Am Kirchweg“ Wohnenden hätten schriftlich von der Stadt zugesichert bekommen, dass ihnen durch das Mini-Neubaugebiet keine Nachteile entstehen dürften. Und genau das wäre für manche der Fall, wenn sie plötzlich von der anderen Seite ihr Grundstück anfahren müssten – was ohne Umbau nämlich gar nicht ginge.

Die naturschutzrechtliche Ausgleichsfläche: Links die liegenden Baumstämme, mittig der Steinhaufen. Davor ist alles plattgemacht.

Einstellen auf Veränderungen müssen sich nicht nur die Menschen. Die Eidechsen haben seit den sieben Neubauten einen ihnen extra zugewiesenen Lebensraum erhalten – mit angelegtem Steinhaufen und Baumstämmen auf einer rund 250 Quadratmeter großen Fläche hinter zwei der neuen Häuser. „Das Gebiet ist eine naturschutzrechtliche Ausgleichsfläche“, sagt Heinemann. Gedacht als Wohnsitz für geschützte Reptilienarten wie der Zauneidechse. Die Baugesellschaft Turnus erhielt als Besitzer die Auflage, die Fläche eidechsengerecht zu behandeln. Seitdem die Gesellschaft sie an einen der Hausbesitzer, deren Garten an die Ausgleichsfläche grenzt, weiterverkaufte, müsste dieser dafür sorgen, finden die Alteingesessenen. Stattdessen hätten dort Baufahrzeuge Wiese und Gestrüpp plattgemacht, Bagger wurden abgestellt und Baubuden errichtet.

Die Frage ist, wer kontrolliert die Einhaltung der Auflage. Das Ordnungsamt fühle sich nicht zuständig, weil die schützenswerte Fläche in privater Hand sei, berichtet die Frau mit der Thujahecke. Die Untere Umweltbehörde widerspreche dem, und so wandere der Ball von einer Behörde zur anderen – und nichts passiere. Heinemann bestätigt, dass das Ordnungsamt die falsche Adresse sei, und betont, die Stadt übernehme das Ringstraßenstück von Turnus später nur, wenn der zwischen ihr und der Baugesellschaft geschlossene Vertrag über die naturschutzrechtliche Ausgleichsfläche erfüllt sei. Und die Untere Naturschutzbehörde teilt mit, sie selbst sei nur für die Inhaltskontrolle der Vereinbarung zuständig gewesen, die Stadt jedoch könne die Erfüllung des Vertrags gegenüber dem Investor einklagen.

Aber welches Druckmittel hat Turnus gegenüber seinem Käufer? Insbesondere nachdem die Straße städtisch geworden ist? „Aus langjähriger Erfahrung bin ich sicher, dass das mit der Auflage nicht klappt“, sagt Biologe Dirk Diehl, der dem Naturschutzbund Langstadt vorsteht. Diehl war mit der Beaufsichtigung der Echsenplatz-Entstehung beauftragt. Auch die bisherigen Anwohner argwöhnen, dass der neue Hausbesitzer irgendwann seinen kleinen Garten auf die Eidechsenfläche ausdehnt und deren Schutz in Vergessenheit gerät. (zkn)

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