Mehr als ein verbogenes Stück Eisen

Schwert aus Hügelgrab bei Harreshausen ist im Schloss Fechenbach zu sehen

Im Wald bei Harreshausen hat der Babenhäuser Heimat- und Geschichtsverein eine Schautafel vor einem alten Hügelgrab angebracht. Aus einem der dortigen Gräber stammen die Funde im Dieburger Museum. Foto: Körtge

Auf den ersten Blick glaubt man, ein verbogenes Stück Eisen auszumachen. Doch bei näherem Hinsehen handelt es sich um ein Schwert. Das Artefakt kam in einem von gleich mehreren Hügelgräbern bei Harreshausen zum Vorschein.

Dieburg/Harreshausen – Das war 1965, als in Vorbereitung für ein Neubaugebiet nach Munitionsresten gesucht wurde. Dabei erhielt auch der geschichtsinteressierte Harreshäuser Lehrer Helmut Mahr die offizielle Erlaubnis, mit seinen Schülern nach historischen Hinterlassenschaften zu schauen. Die Gruppe stieß gleich mehrfach auf keltisch-germanische Überreste.

Datiert wird der Grabhügel mit dem verbogenen Schwert auf die Eisenzeit (800 v. Chr. bis zur Zeitenwende). Genauere Angaben führen einen Zeitraum um das Jahr 300 v. Chr. an, der in die Latène-Epoche fällt. Dafür sprechen vor allem der Stil der Eisenfibeln, die ebenfalls gefunden wurden. Sie dienten zum Zusammenhalten von Kleidung. Die Fibeln befanden sich neben dem verbrannten Toten, des weiteren Keramikschalen für Essensbeigaben und ein Schildbuckel.

Im Blickfeld steht aber das um 180 Grad verbogene Schwert des Kriegers. Noch in der Scheide steckend, ist es absichtlich so zugerichtet worden, dass es selbst bei einer Rückformung nahezu unbrauchbar ist. Doch was waren die Gründe? „Wir haben drei Theorien“, sagt Museumspädagogin Hannelore Stuckert. Zum einen befürchtete man damals, dass die Toten zurückkommen und aus Rachegründen die Waffe gegen Lebende einsetzen, mit denen noch eine Rechnung offen war. Als weitere Möglichkeiten kommen kultische Gründe in Frage und dass Waffen nicht in falsche Hände fallen sollten.

Als Kreis- und Stadtmuseum nahm Schloss Fechenbach den Fund einst auf. Rund zehn Grabhügel aus der Keltenzeit liegen bei Harreshausen im Wald. Allerdings sind sie für Unwissende nur schwer auszumachen, da sie sich kaum vom Waldboden abheben. Zudem wachsen Bäume und Büsche darauf. Im Jahre 2016 hat der Babenhäuser Heimat- und Geschichtsverein ein Grab nahe der Schönen Eiche für Besucher kenntlich gemacht. Vor der leichten, 15 Meter breiten, Bodenerhebung brachte er eine Infotafel aus Glas an, die den Querschnitt eines Hügelgrabes mit den damals gängigen Beigaben zeigt. Als „Fenster in die Vergangenheit“ verschmilzt bei richtigem Blickwinkel die Abbildung mit der Landschaft. In Hügelgräbern wurden ein bis mehrere Personen bestattet. Das machte die Hügel manchmal so breit, dass auch die Bezeichnung Hünengräber aufkam, weil man glaubte, dass darin Riesen bestattet sind. Die Hünengräber bei Harreshausen liegen am „Rennweg“ und damit an einer antiken Verbindungsstraße. Zu der gehörte auch ein Dünenzug oberhalb der Gesprenz. Diese Gegebenheit war für Bestattungen ideal, da sie Trockenheit garantierte.

Nach Helmut Mahr ist seit den 1960er-Jahren nicht mehr von offizieller Seite in Harreshausen gegraben worden. Aber von „inoffizieller“: So haben Anwohner immer wieder illegale Aktivitäten privater Schatzsucher festgestellt. „Davon zeugen die Dellen auf den Hügeln. Die Löcher beweisen, dass gebuddelt wurde“, gab vor ein paar Jahren der zuständige Revierförster Günther Heid zu Protokoll. Experten sehen die Chancen aber als gering, heute noch Grabbeigaben zu finden. So traten wohl schon direkt nach den Grablegungen Räuber auf. Schließlich war Metall selten und damit ein Schwert wertvoll.

In der Dieburger Gemarkung gibt es keine Hügelgräber, da der Boden bis zu den Entwässerungsmaßnahmen der Römer sehr feucht war. Lediglich in einem höheren Bereich der Moret ist eine kleinere Grabstelle bekannt. Neben Harreshausen weisen Groß-Umstadt und Groß-Bieberau die größte Zahl an Hügelgräbern in der hiesigen Gegend auf. 
VON MICHAEL JUST

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