In den Seniorenheimen gibt es noch Vorbehalte gegen die Corona-Impfung

Impf-Skepsis bei Pflegekräften auch in Babenhausen

Spritzen mit Impfstoff liegen auf dem Tisch eines Pflegeheimes bereit für die Impfung. Unter den Pflegekräften ist die Bereitschaft jedoch geringer als unter den Bewohnern und Verwaltungen der Einrichtungen. 
symbol
+
Spritzen mit Impfstoff liegen auf dem Tisch eines Pflegeheimes bereit für die Impfung. Unter den Pflegekräften ist die Bereitschaft jedoch geringer als unter den Bewohnern und Verwaltungen der Einrichtungen. symbol

Der Impfstoff ist da! Hurra! Oder doch nicht? In den Seniorenheimen ist es wie anderswo in der Gesellschaft: Man muss kein „Querdenker“, Corona-Leugner oder genereller Impfgegner sein, um sich erst einmal nicht die Spritze gegen das Coronavirus SARS-CoV-2 setzen lassen zu wollen. Skepsis reicht da völlig – auch oder vielleicht gerade unter dem Pflegepersonal.

Darmstadt-Dieburg- Im Seniorenzentrum Bethesda in Harreshausen waren es nur 20 Prozent der rund 70 Pflegenden, die sich von mobilen Impftrupps haben impfen lassen – gleich zu Anfang am 29. und 30. Dezember, dem ersten von zwei Impf-Wochenenden dort. Zum Vergleich: In der Verwaltung der Einrichtung waren nahezu alle bereit, sagt Nicole Damm-Arnold als Sprecherin der Geschäftsführung. Genau wie beim Küchen-Team, der Wäscherei oder Essen auf Rädern. Und bei den Bewohnern nutzten 80 Prozent die Gunst der Stunde, als Erste dranzukommen.

Der frühe Zeitpunkt, kombiniert mit medizinischem Grundwissen und Hetze in den sozialen Medien, könnte der Grund dafür sein, dass gerade das Pflegepersonal skeptisch blieb und sich als Versuchskaninchen sah. Der Begriff „Zeugungsunfähigkeit“ geisterte bei den Jüngeren durch die Reihen, meint Damm-Arnold. Obwohl junge Pfleger, die impfwillig waren, versuchte hätten, solche Bedenken zu zerstreuen. Nachdem jetzt ein paar Wochen verstrichen sind, würden vier Personen nachziehen wollen und später ins Impfzentrum gehen. Am zweiten Impftermin, der für heute und morgen geplant, haben sie diese Möglichkeit nicht. Da dürfen nur die ran, die schon den ersten Piks erhalten haben.

Im Haus Elisabeth der Römergarten Residenzen in Groß-Zimmern waren am 3. Januar etwa 35 Prozent der Mitarbeiter bereit, sich impfen zu lassen. Allen voran Leiter Thomas Neubecker. Verschwörungstheoretiker gebe es in seinem Haus keine, versichert er. Aber er weiß, dass viele verunsichert sind, weil es so schnell ging mit der Entwicklung des Impfstoffes. Ihm selbst machen die hohen Hürden bei der Zulassung Mut. „Man muss Vertrauen haben.“ Zudem sei es ein Beitrag zur Solidarität.

In Reinheim war am Freitag Impftag. Rolf Theissen, Geschäftsführer der Gersprenz GmbH, die außer Reinheim vier Seniorenheime im Osten des Kreises betreibt, hat ebenfalls den Ärmel hochgekrempelt und eine Spritze kassiert. Ihm gehe es gut, sagt er, ebenso seien bei den anderen Geimpften keine Komplikationen aufgetreten. Ein Drittel aller Pflegekräfte habe sich impfen lassen, genau wie vorher in den Gersprenz-Heimen in Groß-Zimmern und Münster. Überall dasselbe Phänomen: Die Pflegenden waren zögerlich, die übrigen Angestellten und die Bewohner nicht. In Reinheim meldeten sich fast alle dort Lebenden, nämlich 56 von 62, zur Impfung an, zusätzlich elf Tagesgäste, die die Nächte bei ihren Familien verbringen. Selbst Hausärzte, die für die Heimbewohner zuständig sind, ließen sich stechen.

Theissen, der die Impfung für den einzigen Weg hält, aus dem Corona-Chaos herauszukommen, ärgert sich nicht über das Gros der Pflegekräfte, die Zurückhaltung üben. Er sieht die Schuld in mangelnder Aufklärungsarbeit der Politik. Frühzeitige Kampagnen zur Aufklärung für die ersten Impflinge hätten gefehlt, auch jetzt gäbe es keine. Und noch etwas regt ihn auf: die neue Hessische Verordnung, nach der sämtliche Mitarbeiter – geimpft oder nicht – nun zweimal die Woche auf Corona getestet werden sollen. Zum einen betrachtet er die dazu verwendeten Schnelltests als unzuverlässig, und zum anderen bringe das die Einrichtungen in Personalnot. „Die Mitarbeiter, die testen, fehlen mir in der Pflege“, kritisiert er. „Wie wir das stemmen werden, weiß ich noch nicht. Die Politik lässt uns mit dem Problem allein.“ Eine Fachkraft musste er – extra für Tests – einstellen.

Mit einem ganz anderen Problem kämpft zurzeit Freddy Gnauck. Während man woanders auf den Termin für die zweite Spritze wartet, sieht der Leiter der Seniorenresidenz K&S in Babenhausen sehnsüchtig dem ersten entgegen. „Wir haben bislang kein Datum erhalten. Weil nicht genügend Impfstoff da ist.“ Er bekam mitgeteilt, zunächst sollten die zweiten Runden über die Bühne gehen, danach kämen wieder Erstlingsheime an die Reihe. Bei Gnauck ist etwa die Hälfte des Personals impfwillig. „Wir hatten im September einige Infizierte. Ein paar sind gestorben“, erzählt er. Das habe seine Angestellten vielleicht besonders für die Dringlichkeit einer Impfung sensibilisiert.

Dem widerspricht jedoch die Erfahrung, die Gerd Brückmann als Geschäftsführer von Mission Leben in manchen seiner 17 Seniorenheime gemacht hat. Fürs Haus Priska in Dieburg, das er ebenfalls betreut, erwartet er hingegen Anderes. Fast alle Mitarbeiter hätten sich bereit erklärt für die Impfung. Auf den Termin müssen sie allerdings genauso warten wie im K&S.

Dasselbe gilt für das Altenzentrum St. Rochus in Dieburg. Sie hatten als eines der wenigen Heime bislang keinen einzigen Infektionsfall, sagt die stellvertretende Leiterin Sonja Belghith froh. 70 Prozent vom gesamten Personal wollen sich impfen lassen, wenn sie dran sind. Ein paar weniger Prozent bei den Pflegenden – auch hier laut Belghith aus Angst vor dem noch nicht genügend ausgetesteten Mittel. Sie selbst habe ein mulmiges Gefühl, sehe es aber als soziale Verpflichtung.

„Je länger das Geschehen andauert, desto mehr verschwinden die Impfängste“, zeigt sich Brückmann vom Haus Priska überzeugt. Und Sprecherin Damm-Arnold von Bethesda in Harreshausen denkt, viele würden sich weniger sorgen, wenn sie mit einem Geimpften sprechen könnten. Deswegen hat sie sich während ihres Termins filmen lassen und das Video auf Facebook gestellt. Die Resonanz darauf sei riesig gewesen. Eine Impfpflicht für Pflegekräfte lehnt sie ab – genau wie alle anderen. Es gehe um den eigenen Körper, und da stehe die individuelle Entscheidung im Vordergrund. Wenn es auch die Pflegekräfte, die sich aufgrund ihrer Verantwortung privat besonders einschränken, verdient hätten, sich endlich etwas freier bewegen zu können.

Ob die Impfung der Schlüssel zur Freiheit ist? „Wir werden erst nach der zweiten Spritze sehen, ob die versprochene Schutzwirkung von 95 Prozent eintritt“, sagt Brückmann. Genauso, wie lange der Impfschutz anhält, ob geimpfte Personen das Virus weiterverbreiten können und ob bei einer Ansteckung trotz Impfung diese den Krankheitsverlauf erleichtert. Dass es immer nur die Alten schlimm treffe, scheint nicht unbedingt der Fall zu sein: Leiter Gnauck zufolge hatte im K&S in Babenhausen ein über 90-jähriger Infizierter überhaupt keine Symptome, während ein 67-Jähriger zwei Tage ans Bett gefesselt war. (zkn)

DAS KÖNNTE SIE AUCH INTERESSIEREN

Mehr zum Thema

Kommentare