1. Startseite
  2. Region
  3. Babenhausen

Die Babenhäuser Stadtmühle an der Gersprenz

Erstellt:

Kommentare

Die Stadtmühle liegt am Rande der Altstadt an der Gersprenz. Aus dem schmucken Innenhof heraus kann der Hexenturm erspäht werden. Das historische Bild aus der Dokumentation von Adolf Sahm zeigt das nach einem Hochwasser beschädigte Mühlrad.
Die Stadtmühle Babenhausen liegt am Rande der Altstadt an der Gersprenz. Aus dem schmucken Innenhof heraus kann der Hexenturm erspäht werden. Das historische Bild aus der Dokumentation von Adolf Sahm zeigt das nach einem Hochwasser beschädigte Mühlrad. © Gries

„Zauberhaft“, denkt der Besucher, wenn er das malerische Stadtmühlen-Ensemble an der Stadtmauer von der Gersprenzbrücke aus erblickt. Oder auch wenn er das idyllische Baudenkmal von Mühlbach und Bleiche aus bestaunt.

Babenhausen - Auf die Frage, warum dieses „Bürgerzentrum“ und das dazugehörige Restaurant ständig verschlossen ist, gibt es viele nicht eindeutige Antworten: Corona, Baumängel, fehlender Brandschutz, dazu die generell ungewisse Zukunft der städtischen Immobilie.

Mehr als über die Gegenwart erfährt man zum städtischen Mühlenareal aus alten Akten, Gerichtsbüchern, Erbleihbriefen, den „Heimburger Rechnungen von Altdorf“ von 1518/19, einer Müllerordnung von 1551 und Bittbriefen der Stadtmüller an die Obrigkeit. Zahlreiche Unterlagen gibt es zu Streitfällen der Babenhäuser Müller mit benachbarten Kollegen oder Einwohnern. Darin geht es um schlecht gemahlenes Mehl, Nichtbeachtung des Mühlenbanns, Erhöhung oder Niedrigerlegung von Mühlwehren sowie Änderungen der Bachläufe und Reinhaltung der Mühlgräben.

Vor allem Mühlenforscher Adolf Sahm hat ganze Forschungsarbeit geleistet zur reichen Geschichte der Stadtmühle. Diese beginnt nicht erst mit einer Urkunde von 1383, wahrscheinlich schon mit der Verleihung der Stadtrechte 1295. Auch die schon 1236 erwähnten Bewohner der Burg mussten ja mit Brotmehl versorgt werden. Im Erbleihbrief des Grafen Philipp II. von Hanau-Lichtenberg von 1482 ist die Existenz der gut frequentierten Mühle nachgewiesen. Um 1518 taucht in den Dokumenten ein Müller namens Hans Keil auf. Nun betrieben die Keils die gräfliche Mühle auf der äußeren Zwingermauer in Erbleihe bis 1793, zunächst mit zwei Wasserrädern. Das Aquarell des Christian Ranis von 1835 zeigt die Mühle dann mit vier Wasserrädern, später kam ein fünftes hinzu.

Die Mühlräder drehen sich heute schon lange nicht mehr, sind längst abmontiert. Im Mühlenhof belegen seitlich abgelegte Mahlsteine – auch Bestandteil einer Stadtrallye – die Vergangenheit. Fundamente der Zwingermauer sind noch am Gersprenzufer zu erkennen, dazu mehrfach das Nixenwappen der Unternehmerfamilie Schöberl, die ab 1923 hier alleine das Sagen hatte und viel zur Erhaltung des Areals getan hat.

Der schmucke Innenhof der Stadtmühle Babenhausen mit Blick auf den Hexenturm.
Der schmucke Innenhof der Stadtmühle Babenhausen mit Blick auf den Hexenturm. © Gries

Nach 1854 war die Stadtmühle reine Lohnmühle. Das Getreide wurde von den Bauern abgeholt, in der Mühle gegen entsprechendes Entgelt gemahlen, dann wurden Mehl und Kleie zurückgebracht. Auch konnte man das Korn direkt in die Mühle bringen und wieder abholen. Das war beliebt, zumal der Mahllohn für einen Doppelzentner Korn 1905 nur 1,65 Mark betrug. Im Lauf der intensiven Nutzung bis hin nach Rodgau und Dietzenbach veränderte sich das Aussehen der heut u-förmigen Anlage erheblich. Die oft umgebauten Fachwerkgebäude stammen aus dem 17. bis 20. Jahrhundert. Auffällig ist dabei das giebelständige neue Wohnhaus mit seiner schönen Eckbetonung durch paarweise angeordnete Fenster und Brüstungsfelder. Dessen Baujahr 1906 gibt ein Wappenstein an. An dieser Seite stand zuvor eine große traufständige Scheune, die einem großen Brand zum Opfer fiel.

Um 1900 erhöhte sich der Wert des Areals durch die Einrichtung eines der ersten Elektrizitätswerke der Rhein-Main-Region. Initiator Friedrich Behret erhielt 1897 die Betriebsgenehmigung. Die alten Wasserräder der Mühle wurden nun ersetzt, sodass es technisch möglich war, gleichzeitig Mühle und Dynamomaschinen zu betreiben. Zu Absicherung wurde ein Dampflokomobil angeschafft, dann die noch betriebene Sägemühle wegen Unrentabilität eingestellt. Tatsache ist, das Babenhausen 1899 die erste Gemeinde im Großherzogtum Hessen-Darmstadt war, die über eine eigene Stromversorgung verfügte. Das lag auch an der großen Kaserne als Abnehmer.

Nach dem Einbau von zwei Turbinen 1906 und 1913 kam es zu weiteren Modernisierungen, auch zur Umstellung von Gleich- auf Drehstrom. 1973 kam es zur Kündigung des Vertrags mit dem privat betriebenen E-Werk durch die Stadt Babenhausen, auch der Mühlenbetrieb wurde aus wirtschaftlichen Gründen eingestellt.

Nach einer Phase der Vernachlässigung ging es in den 1990er Jahren im nun städtischen Areal aufwärts. Nach umfangreichen Sanierungen wurden dort Bürgerzentrum und Trausaal eingerichtet. Auch eine neue Turbine erzeugte wieder Strom. Derzeit ist die Stadtmühle zum Problemfall geworden. Die Gastronomie samt schönem Biergarten ist ebenso im Dornröschenschlaf versunken wie vieles andere. Man hört hinter vorgehaltener Hand, einige der Probleme seien „hausgemacht“. Der Außenstehende, der weiß, dass an diesem Wahrzeichen der Stadt vom Mittelalter an über den 30-jährigen Krieg bis hin zum 19./20. Jahrhundert Kultur- und Sozialgeschichte geschrieben wurde, findet das ebenso bedauerlich wie viele alteingesessene Babenhäuser. (Reinhold Gries)

Auch interessant

Kommentare