Keine Umarmungen

Weihnachten in Seniorenheimen: Ein einsames Fest in der Corona-Pandemie

Die Kinder der Kita Wuselkiste von Harreshausen bastelten Sterne und Tannenbäume, die sie in die Heime brachten, freilich auch hier auf Abstand zu den Senioren.
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Die Kinder der Kita Wuselkiste von Harreshausen bastelten Sterne und Tannenbäume, die sie in die Heime brachten, freilich auch hier auf Abstand zu den Senioren.

Weihnachten ist in diesem Jahr keines wie sonst. Aufgrund der Corona-Pandemie wird es in Seniorenheimen besonders einsam.

Babenhausen – „Wir hatten sonst zu Weihnachten immer große Festlichkeiten mit tollen Veranstaltungen“, erzählt Freddy Gnauck, der die Seniorenresidenz K&S nahe dem Michelsbräu-Gelände leitet. Besonders bedauert er, dass ihr Weihnachtsbasar nicht stattfinden kann. Der war stets das Highlight für die Bewohner.

Ein Glühwein- und Bierstand vorm Eingang, Kuchen in der Cafeteria, Handwerksstände in Garten und Erdgeschoss – „an einem Wochenende haben wir ein Stück Weihnachtsmarkt zu uns geholt“, sagt er. Dieses Jahr geht dafür ein Mitarbeiter verkleidet als Nikolaus um und verteilt Päckchen an die über 100 Senioren.

Corona in Pflegeheimen: Steht ein Bewohner unter Quarantäne, werden die Schutzmaßnahmen verschärft

Es ist ein weiterer kleiner Mehraufwand für die seit Corona am Limit arbeitende Belegschaft, den diese aber gern auf sich nehme, versichert Gnauck. Er ist „megastolz“ auf seine Leute – darauf, wie sie seit März all die Regelungen, die Einschränkungen und vor allem die dadurch entstehende Arbeit wegstecken und dennoch lachen können. Da in der Cafeteria zum gemeinsamen Essen nicht genügend Platz mit Abstandhalten ist, sorgen die Bediensteten für Zimmerservice bei den zumeist allein wohnenden älteren Herrschaften.

Steht einer von ihnen unter Quarantäne, bedeutet dies das Anlegen einer kompletten Schutzausrüstung: Brille, Maske und Anzug. An zwei Besuchstagen pro Woche ist eine Person damit beschäftigt, Schnelltests bei ankommenden Angehörigen durchzuführen. An den anderen Tagen bereiten die Pflegekräfte die vom Land Hessen gestellten Tablets vor, sodass nur noch ins Mikro gesprochen und in die Kamera geguckt werden muss. Danach wird desinfiziert.

Ein paar positiv auf Corona Getestete in Quarantäne hat die Residenz – unter den Bewohnern und unterm Personal, berichtet Gnauck. Während des ersten Lockdowns und im Sommer seien sie davon verschont geblieben, obwohl sie kurz vorm ersten Dichtmachen ihren eigenen Fastnachtsumzug im Heim hatten. Mit Babenhäuser Prinzenpaar.

Corona-Krise in Heimen: Statt Umarmungen Gespräche übers Funkgerät

Danach war erstmal Schluss mit lustig. Bewohner konnten nur noch auf einen Spaziergang raus. Später durften sie Besuch im eilig errichteten „geschützten Bereich“ erhalten, einem abgedichteten Raum, der in der Mitte von einer Holzwand mit Plexiglasfenstern geteilt ist. Statt Umarmung Gespräche übers Funkgerät. Im Sommer kam ein draußen aufgebauter Pavillon dazu, und die Besuchstage wuchsen auf fünf an. Das ist in der Pandemie geprägten Weihnachtszeit wieder Geschichte.

Diese Einschränkungen sind fast schwieriger für die sich Sorgen machenden Angehörigen draußen, spricht Gnauck aus Erfahrung. „Die meisten Bewohner wollen unser Schutzkonzept selbst so haben“, bestätigt auch Nicole Damm-Arnold vom Seniorenzentrum Bethesda in Harreshausen. Dort wurde seit Corona das Zusammenleben der drei Wohnbereiche mit je ungefähr 27 Personen entzerrt, jeder kocht inzwischen sein eigenes Süppchen – wie in einer Familie ohne Maske, so Damm-Arnold.

Die drei Bereiche frühstücken getrennt und essen separat zu Mittag und zu Abend. Auch die Adventsfeierlichkeiten hatte jede Gruppe für sich, was gar nicht schlecht ankomme: sind sie im kleineren Kreis doch intensiver. Und öfter. Zum Beispiel das Plätzchenbacken.

Corona trifft Senioren hart: Angehörige dürfen an Weihnachten nicht mitfeiern

„Früher gab es genau eine solche Backaktion, dieses Jahr hatten wir an mehreren Tagen welche“, erzählt Damm-Arnold. Und jede Wohneinheit habe ihren eigenen Adventskalender aus mit Sternen verzierten Stoffsäckchen gebastelt, die ihnen der Sozialdienst dann füllte. Eine andere weihnachtliche Attraktion sei ein gestreifter Kioskwagen, vom Sozialdienst für alle Senioren gebaut und mit Naschereien und Getränken bestückt. Jeden Tag fahre der in einer anderen Wohneinheit umher, immer coronagerecht gereinigt beim Wechsel. Schön für alle – wenn auch Sozialdienst und Betreuer rund um die Uhr beschäftigt seien.

An den Weihnachtsfeiertagen seien Azubis in den Wohneinheiten. Angehörige dürfen dieses Jahr wegen der Pandemie nicht mitfeiern. Da das Seniorenzentrum aber keine festgelegten Besuchstage hat, können sie – nach ausgemachtem Termin – an einem beliebigen Nachmittag zwischen 13 und 17 Uhr für eine Stunde vorbeikommen, zweimal die Woche.

Hoffnung, dass Corona bald seine Schreckensherrschaft aufgibt

Das Thema „Besuche“ hat sich seit März stark gewandelt. Erstmal war die Einrichtung wie überall komplett zu. „Ab Ende April gab"s dann unseren Besucherraum“, erinnert sich Damm-Arnold. In diesem seien Tische und Stühle mit Abstand aufgestellt. Er ist für die mobilen Bewohner von Bethesda gedacht. Sei jemand bettlägerig, würden seine Angehörigen von einem Betreuer zu ihm aufs Zimmer begleitet – nach Desinfektion und allen möglichen Schutzmaßnahmen versteht sich. Nur Schnelltest könnten sie noch keine durchführen, bedauert Damm-Arnold. Aus Zeit- und Personalmangelgründen. Sie wollen jetzt aber trotzdem einen Versuch wagen und damit anfangen.

Im Sommer war alles lockerer. Da durften Besucher nicht nur zu jemandem ins Zimmer, wenn der das Bett nicht verlassen konnte, sondern generell. Infizierte gab es keine. Auch heute nicht. Nur in der dem Heim angegliederten Tagespflege tauchte ein Fall auf.

Alle Beteiligten hoffen inständig, dass Corona irgendwann seine Schreckensherrschaft aufgibt und das Leben so wie alle Jahre zuvor sein kann. (zkn)

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