Aufgestauter See bereitet Gruppenwasserwerk Sorgen

Biber stauen Wasser in Babenhausen

Der von Bibern aufgestaute „Spiegelwies-See“ nahe dem Gruppenwasserwerk bei Hergershausen.
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Der von Bibern aufgestaute „Spiegelwies-See“ nahe dem Gruppenwasserwerk bei Hergershausen.

Wasser. Wasser, Wasser. Ein ausgedehnter See südlich eines Forstwegs, der nördlich der Lache die Flur „In der Spiegelwies“ Richtung Babenhausen begleitet. Wies? Nö. Biber haben die Lache zu einer großen Lache gestaut.

Babenhausen - Mit Sorge betrachtet Wolfram Wittwer, technischer Betriebsleiter des Gruppenwasserwerks Dieburg, die Gewässerbildung vor seiner Haustür bei Hergershausen im zentralen Einzugsgebiet des kommunalen Trinkwasserversorgers.

Die Lache nimmt östlich von Eppertshausen den Hegwaldbach auf, und das ist der sogenannte Vorfluter der Gemeinde – also der Bach, in den das gereinigte Abwasser aus der Kläranlage eingeleitet wird. Zwar werden die südhessischen Kläranlagen für ihre Reinigungswirkung gelobt, ohne die sich vermutlich weder Storch noch Biber wieder angesiedelt hätten, aber aus trinkwasserhygienischer Perspektive ist Wittwer auf solche Vorfluter nicht besonders gut zu sprechen – insbesondere dann nicht, wenn Biber dort ihre Wohnburgen mit umgebendem Stausee anlegen.

Dabei hat er auch die renaturierte Gersprenz auf Babenhäuser Gemarkung im Blick. Die Aufstauungen könnten dazu führen, dass Oberflächenwasser bis ins Grundwasser versickert, aus dem sich das Gruppenwasserwerk bedient, erläutert der oberste Wassermann des kommunalen Zweckverbands-Unternehmens. Und da gehöre das Wasser aus Gersprenz und Lache nun mal nicht hin, weil die Kläranlagen längst nicht alle Spurenstoffe beseitigen. In der Tat: Insbesondere Medikamenten-Rückstände sind in den vergangenen Jahrzehnten mehr und mehr zu einem Problem geworden.

Es ist allerdings ein sehr schwieriges Unterfangen, dem Siedlungsgebaren der Biber Einhalt zu gebieten, denn der flinke Nager mit wasserbautechnischer Begabung genießt höchste Weihen des Naturschutzrechts. Die menschliche Lobby der Biber geht gelegentlich sogar so weit, den protegierten Tieren Material für den Neubau von Dämmen zurechtzulegen. So vermutlich geschehen bei einem der ersten größeren Konfliktfälle im Osten des Landkreises, der als „Lengfelder Seenplatte“ in die Annalen der Feuchtgebiete eingegangen ist. Dort haben Biber direkt vor dem Damm der Odenwaldbahn den Hasselbach so hoch aufgestaut, dass ein Teil des Wassers in die Otzberger Kanalisation zu laufen drohte. Inzwischen sorgt ein Drainagerohr im Damm für einen niedrigeren Wasserstand.

Stadt Babenhausen warnt vor unterhöhltem Erdreich

Aus der Babenhäuser Stadtverwaltung kommt derweil folgende Mitteilung zum Thema Biber: „Die Nager bauen entlang unserer Bäche und Gewässer auch Nebenbaue als Schlafquartiere für ihre nächtlichen Verpflegungstouren. Dabei nehmen sie allerdings keine Rücksicht auf Verteilerkästen oder sonstige Bauwerke.“ Also auch auf diese Weise entstehen Konfliktzonen zwischen Natur und Zivilisation. Sie sind im Stadtgebiet nun gelegentlich durch rot-weiße Flatterbänder abgegrenzt. „Oftmals befindet sich hinter diesen unterhöhltes Erdreich, das jederzeit einbrechen kann.“ Landwirte werden zur Geduld ermahnt. Denn auch wenn durch Biberdämme Wiesen und landwirtschaftliche Flächen überflutet werden, müssen alle „erdbaulichen Eingriffe zur Schadensbehebung oder Anstaudrainagen mit dem Regierungspräsidium und dem Landratsamt abgestimmt werden.“ Die Mitteilung schließt dennoch mit einem naturschützerischen Jauchzer: „Wir können trotzdem froh sein, denn die Ansiedelung des Bibers spricht doch für eine gesunde Flora und Fauna in unserer Stadt und ihren Stadtteilen.“ (sr)

Für solche Konflikte zwischen naturgegebenem Bibertun und umgebender Zivilisation gibt es beim Regierungspräsidium Darmstadt einen „Biberbeauftragten“, der auch als „Wildtierkonfliktmanager“ fungiert: Ulrich Götz-Heimberger. Er war an dem Kompromiss für die Lengfelder Seenplatte ebenso beteiligt wie jetzt an einem Kompromiss-Lösungsangebot für den Richer Bach, den Biber im Bereich einer Brücke am Grenzweg zwischen dem Groß-Umstädter Stadtteil Richen und Altheim mit einem mehr als zwei Meter hohen Damm aufgestaut haben. In der Folge sind weite Ackerflächen auf Groß-Umstädter Gebiet geflutet worden.

„Uns ist diese Problematik bekannt“, berichtet Reiner Michaelis als Pressesprecher der Stadt unter Bezug auf Rainer Sauerwein, Bereichsleiter Naturschutz und Liegenschaften in der Groß-Umstädter Stadtverwaltung. Der hat schon vor einiger Zeit die Suche nach Kompromisslösungen angestoßen, wie auch Silke Reimund, die als Beschäftige des Gruppenwasserwerks an die Arbeitsgemeinschaft Gewässerschutz und Landwirtschaft (AGGL) abgeordnet ist und sich als Mittlerin der Interessen von Landwirten, Naturschutz und Wassergewinnung sieht.

Ein Drainagerohr im Biberdamm am Grenzweg zwischen Richen und Altheim.

Der Kompromiss ist orange und hat einen Durchmesser von etwa 20 Zentimetern – ein mächtiges Drainagerohr, das seit diesem Mittwoch, durch den Damm führt und den Pegel der „Richer Seenplatte“ begrenzen soll.

Noch viel schwieriger wird wohl eine Lösung für die Spiegelwies bei Hergershausen. Wittwer hat deswegen schon die Untere Wasserbehörde kontaktiert, und Mitarbeiter Uwe Avemarie hat sich ein Bild vor Ort gemacht: „20 mal größer als in Lengfeld“ schätzt er die Wasserfläche auf der Spiegelwies.

Wittwer wünscht sich zeitnah einen Kompromiss, um ein Versickern des gestauten Wassers in den Trinkwasserspeicher Grundwasser zu verhindern. „An zwei relevanten Stellen hatte die Untere Wasserbehörde Unterstützung zugesagt. Nachdem die Maßnahmen schriftlich beantragt wurden, wurden diese Zusagen wieder zurückgenommen“, teilt er mit. Das will Avemarie so nicht stehen lassen. „Ja, es hat diese Kontakte gegeben“, bestätigt er, „aber von Wittwer haben wir bislang nur einen diffusen Hinweis auf ‚Auffälligkeiten‘ in einer Vormessstelle bekommen. Wir brauche aber genauere Daten, um aktiv werden zu können.“ Und selbst dann scheinen ihm die Eingriffs-Möglichkeiten der Behörde beschränkt: „An diesen Biberdamm ist kaum heranzukommen. Und wegen der Dimension muss das mindestens auf der Ebene des Regierungspräsidiums geregelt werden“, sagt er, „besser noch direkt vom Hessischen Umweltministerium.“  (sr)

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