Frei nach Goethe

Ein Osterspaziergang durch Babenhausen

Blick von den Gersprenzwiesen auf das Babenhäuser Wahrzeichen: der Hexenturm an der Stadtmühle.
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Blick von den Gersprenzwiesen auf das Babenhäuser Wahrzeichen: der Hexenturm an der Stadtmühle.

„Hier bin ich Mensch…“ – ein Osterspaziergang in und um Babenhausens Altstadt – frei nach Goethe.

Babenhausen – Wer möchte diese Ostern nicht den Corona-Winter abstreifen und das Aufblühen der Natur feiern? Die frohe Osterbotschaft der Bibel spiegelt sich auch in frühlingshafter Auferstehung der Lebenskräfte im Babenhausener Land sowie beim österlichen Gang durch Babenhausens verkehrsberuhigte Altstadt, eine Station der Deutschen Fachwerkstraße.

Den Osterwanderer erinnern nicht nur hübsche Schilder zu Gebäuden und Plätzen an Johann Wolfgang von Goethes Welttheater in „Faust I“ mit Szenen wie „Studierzimmer“, „Vor dem Tor“, „Garten“, „Hexenküche“ oder „Kerker“. Im alten Residenzstädtchen der Grafen von Hanau-Lichtenberg wirken die Gassen weniger eng als beim grüblerischen Dr. Faust, dessen Monolog „Osterspaziergang“ man vor sich sieht: „Vom Eise befreit sind Strom und Bäche/durch des Frühlings holden belebenden Blick“. Beim achtsamen Gang entlang der gut erhaltenen Stadtmauer, durch schöne Fachwerkgassen hin zu Wasserädern der Gersprenz stellt sich die Frage, ob der Dichter in jungen Jahren nicht selbst hier weilte. Die Weimarer Klassik belegt per Pachtvertrag, dass sein Großvater Friedrich Georg Göthé in Babenhausen Grundbesitzer war. Der Enkel aber erbte nichts davon. Recherchen ergeben das, was man vom Emaille-Schild kennt: „Hier war Goethe (nie).“

Herren- und Amtshäuser säumen die Amtsgasse.

Der Spaziergänger von heute sieht, was der begabte Frankfurter versäumte, auch wenn im 19. Jahrhundert einige der sieben mittelalterlichen Stadttürme niedergelegt wurden. Am „Hanauer Tor“ biegt er vom verkehrsreichen Teil Babenhausens in die Altstadt ab. Im ehemaligen Schloss der Grafen zu Hanau-Lichtenberg (heute Privatbesitz), entstanden aus einer Wasserburg mit Wehrmauern und Geschütztürmen, scheint noch nicht alles in trockenen Tüchern zu sein. Die von 1295 stammende, später verstärkte Stadtmauer ist imposant. Ihre Bruchsteine könnten aus einer Sammlung stammen: Schlierbacher Granit, Trachyt aus Eppertshausen, Hornblende aus Langstadt, Gneis vom Main, Dietesheimer Basalt und Sandstein aus Dreieich. In Grünanlagen davor ist die Zeit angehalten, Vögel zwitschern Frühlingsmelodien, Tauben gurren hoch oben auf den Stadttürmen. Wohnhäuser mit putzigen Fenstern und südlichem Charme ducken sich in die Mauer, in Gärtchen davor residiert das Idyll.

Unversehrt wirken – trotz Bomben des 2. Weltkriegs – auch viele Gassen und Plätze. Selbst der intime Marktplatz mit der Stadtkirche St. Nikolai, Patrizierhäusern und dem alten Restaurant „Schwartzer Löwe“ wirkt ein wenig verschlafen. Das gotische Gotteshaus ist nicht nur dank des Schnitzaltars einen eigenen Besuch wert. Von der Fahrgasse („Bummelgasse“) mit ihren Geschäften geht es in stillere Gefilde.

Das erhaltene Synagogenfenster an der Amtsgasse 16.

Die Amtsgasse bietet eine malerische Parade von Herrenhäusern und Fruchtspeichern. Hier lebten die Junker von Gayling und von Rodenstein als gräfliche Bedienstete, die Herren von Bernsdorf und andere. Auch jüdische Familien hatten hier ihren Wohnsitz. Deshalb wacht in der „Amtsgasse 16“ Besitzerin Petra Lambernd über Reste der 1938 geplünderten Synagoge samt Fensterrosette und Betschule. Dann geht es in die „Blaugasse“, die Gasse der Färber, hin zum Burgmannenhaus (1544) mit Satteldach, Treppengiebeln und Breschturm. Hier tobte der 30-jährige Krieg, sichtbar bis heute. In der „Burg“ wohnte mit den Herren von Babenhausen das älteste Adelsgeschlecht der Stadt. Ähnlich stimmungsvoll wirkt die Gasse „Am Hexenturm“ mit sehr altem Fachwerk. Nun zieht das einst als Foltergefängnis genutzte Turmwahrzeichen die Blicke auf sich. Der Hexen- hieß auch Mühlturm. Denn direkt neben ihm rauscht die mittelalterliche Stadtmühle. Sie wurde als Mahlmühle umgerüstet zur Erzeugung von Ökostrom. Daneben scheinen Gastronomie samt Bürgerzentrum und Freizeitgelände in leblose Hexenstarre gefallen zu sein. Das hinderte zuletzt die Hochwasser der Gersprenz nicht daran, als Wasserfall über die Stauwehre zu brausen.

Wer nach dem Abstecher zu Wehrmauern und Bastionen des Schlosses die Silhouette der Altstadt betrachten möchte, geht von der Stadtmühle hinaus in die weite Ebene Richtung Sickenhofen mit Fernblick zum Odenwald. Von Pferden, Rindern, Ziegen, Schafen und Hühnern belebte Weiden und Felder sorgen für angenehme ländliche Atmosphäre, regiert von der Gersprenz als Lebensader.

Die Zwingermauer mit Geschützturm am Schloss.

Wie man sie renaturiert und gebändigt hat, sieht man an Wehren der Konfurter Mühle, einer der ältesten Gersprenz-Mühlen überhaupt. Beim Betrachten ihrer Kaskaden und Mühlräder kommt einem wieder Goethes „Osterspaziergang“ in den Sinn: „Hier bin ich Mensch, hier darf ich’s sein.“ (Reinhold Gries?

Stadtführungen: E-Mail an hgvbabenhausen@aol.com

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