„Wir hoffen, wir halten durch“

Babenhausens Hotelbetriebe sehen sich durch Langzeit-Lockdown in ihrer Existenz bedroht

Geschäftsführer Tobias Metzler überreicht den Zimmerschlüssel im Landhotel „Zur Bretzel“ an einen der Monteure. Auf dem d Bild ist sein Vater hinter der Theke zu sehen.
+
Geschäftsführer Tobias Metzler überreicht den Zimmerschlüssel im Landhotel „Zur Bretzel“ an einen der Monteure. Auf dem d Bild ist sein Vater hinter der Theke zu sehen.

„Übernachtungsangebote zu touristischen Zwecken sind nicht erlaubt.“ Dieser Satz steht seit November dick und fett auf der Webseite der Hessischen Landesregierung. Corona lässt grüßen. Nur Übernachtungen in der Fremde zu notwendigen Zwecken dürfen sein, also aufgrund unaufschiebbarer beruflicher oder zwingender familiärer Verpflichtungen sowie wegen persönlicher Erfordernisse wie ein Arztbesuch.

Babenhausen – Und Firmen schicken weit weniger Angestellte auf Reisen. Das stellt auch Babenhausens Hotels auf die Zerreißprobe.

Das Hotel Deutscher Hof am Bismarckplatz hat komplett zu: seit dem 18. Dezember und – Stand heute – mit optionaler Verlängerung bis Mitte Februar. Bei im Schnitt vier oder fünf Anfragen, verteilt auf Wochen, mache eine Öffnung mit 63 Zimmern keinen Sinn und produziere nur Kosten, sagt Geschäftsführer Patrick Janns. Auch in der Weihnachtszeit, in der die Bestimmungen gelockert wurden, waren es nicht mehr. 90 Prozent Einbußen bedeute das für sein Haus in der kalten Jahreszeit. Im Sommer sei es etwas besser gelaufen, da waren es nur 60 Prozent weniger als normal. Sie hatten geöffnet und konnten mit den Einnahmen immerhin ihre Unkosten decken – dank Monteuren und Geschäftsreisenden. Touristen blieben eher aus.

„Wir hatten glücklicherweise vor Corona gut gewirtschaftet“, meint Janns. Das habe sich bei den staatlichen Hilfspaketen Ende des Jahres bezahlt gemacht. Denn 75 Prozent des Vergleichsumsatzes von 2019 wurden als Höchstsatz vergeben. Derzeit warte er allerdings noch auf die Auszahlung der Finanzspritzen. Die Unterstützung in den drei Frühjahr-Monaten hätte hingegen nicht mal für einen Monat gereicht. Ängstigen, ob es weitergeht, würde er sich dennoch nicht. Es existiert ein stabilisierender Rettungsanker: acht Apartments, die der Deutsche Hof Mitte 2019 angebaut und vor Pandemiebeginn fertiggestellt hat. „Die sind dauerhaft vermietet“, sagt er.

Diesen Vorteil hat das Hotel Ziegelruh nicht, es ist ein reiner Wellness- und Spa-Betrieb. Seit 2. November hat das Hotel geschlossen – bis auf Weiteres. Für die Zeit um Weihnachten herum habe es zwar Anfragen gegeben, aber es hätte sich nicht gelohnt, alles hochzufahren, um nach ein paar Tagen gleich wieder dichtzumachen. „Geschäftsreisende kommen nicht zu uns, für die sind wir zu teuer“, erklärt Goverdhan Gopal, dessen Familie das Haus erst Ende August von den früheren Besitzern übernommen hat. Der Rückhalt der Familie für dieses Risiko während Corona sind weitere eigene Hotels, die – wie ein Businesshotel in Aschaffenburg – durchgehend geöffnet hatten. Bis zum 30. August liefen Umbauarbeiten im Keller des Ziegelruh, ab dem 1. September öffnete es schließlich für zwei Monate – und es kamen richtig viele Gäste: „Überwiegend aus der Umgebung. An den Wochenenden und auch unter der Woche – wir waren sehr überrascht.“

Geöffnet hat Tobias Metzler in Langstadt sein Landhotel „Zur Bretzel“. Anfang 2020 sei der Familienbetrieb noch mit einem Plus gestartet, um dann 30 Prozent Umsatzeinbußen zum Vorjahr aufzuweisen. Am Wochenende sei zurzeit tote Hose, unter der Woche könne er jedoch an die 35 Prozent seiner 20 Zimmer belegen. Gäste seien beispielsweise ein Trupp Arbeiter, die einen Windschutz auf einer Baustelle der Gegend errichten würden, und Monteure, die bei Continental in Babenhausen Maschinen warten. Dank November- und Dezemberhilfe hätte das Hotel aktuell keine Liquiditätsengpässe.

Als sie nach dem ersten Lockdown auch für Touristen aufmachen durften, kamen ein paar Heimaturlauber vorbei. Für Übernachtung inklusive Frühstück und Abendessen, so der Geschäftsführer: „Kein Riesengeschäft und am Wochenende eher unrentabel.“ Denn da das Bretzel-Restaurant Corona-unabhängig nur im November und Dezember samstags und sonntags geöffnet hat, mussten sie einmal lediglich für zwei Gäste die Küche betreiben. Apropos Restaurant: sämtliche Aushilfen für den Service können seit Corona nicht beschäftigt werden. Sie harren aus auf bessere Zeiten.

Gar nicht übel läuft es beim neuen Apartment-Hotel im Gewerbegebiet „Im Riemen“. Anfang Juli ging’s dort los. Zehn Apartments mit geräumiger Küche stehen zur Verfügung, jedes kann zur Office-Variante mit Computer, Drucker und Kopierer umgestaltet werden. Oktober bis Dezember waren sie gut belegt, überwiegend von Monteuren, berichtet Johann Cakici, einer von vier Gesellschaftern. Jetzt sei etwa die Hälfte der Räume ausgebucht. Der große Saal, der für Feierlichkeiten und Business-Treffen zu mieten ist, steht leer. Eine eigene Feier und eine Veranstaltung als Probelauf hätten bislang stattgefunden, danach: Stillstand. Obwohl berufliche Treffen unter Einhaltung der Hygieneregeln eigentlich erlaubt gewesen wären.

Davon kann man im alteingesessenen Hotel Residenz nur träumen. Die Eigentümerfamilie Todic und ihre Angestellten sind abhängig von ihren Gästen. Und die kommen zurzeit in geringen Mengen. Maximal zehn Zimmer von etwas über 100 sind vergeben, sagt die stellvertretende Geschäftsführerin Nadine Kläber: an Ingenieure und ITler, die Arbeitnehmer fürs Homeoffice fit machen würden. Das Haus lebe auch ohne Corona fast ausschließlich von Menschen, die beruflich in Firmen der Umgebung zu tun hätten – zum Beispiel bei Continental, dem VW-Schulungszentrum in Babenhausen oder Habasit in Eppertshausen. Aber nun stagniert das Kerngeschäft. Im Sommer schien es wieder langsam aufwärts zu gehen, ab dem Light-Lockdown im November war dann Schluss damit, berichtet Kläber. „Besonders die großen Firmen haben fast alle storniert.“

Das Resultat fürs Residenz-Personal: Kurzarbeit oder ganz daheim. Eine Frühstücksdame, ein bisschen Housekeeping – das war’s fast, meint Kläber bedauernd. Es würde versucht, die wenigen Posten zumindest abwechselnd zu besetzen. Trotzdem mussten Mitarbeiter, die über Jahrzehnte im Hotel seien, schon zur Wohngeldstelle gehen. „Sie sind verzweifelt“, sagt sie. Bislang warten die Betreiber noch auf die November- und die Dezemberhilfe. Es wurde renoviert, und die Fixkosten bleiben. Auch für den hoteleigenen Fuhrpark – vorhanden, um Gäste von Flughafen oder Bahnhof abzuholen. „Die Kosten summieren sich“, so Kläber. Sie schätzt, dass sich vor Ostern nichts an der Situation ändern werde. „Wir hoffen, wir halten bis dahin durch.“  (zkn)

Yilmaz Cakici in der geräumigen Küche einer seiner Räumlichkeiten im Apartment-Hotel im Gewerbegebiet „Im Riemen“.

DAS KÖNNTE SIE AUCH INTERESSIEREN

Mehr zum Thema

Kommentare