„Wir kämpfen hier“

Warnstreiks bei Continental in Babenhausen

Hunderte Continental-Beschäftigte legte gestern Nachmittag die Arbeit nieder und versammelten sich mit dem gebotenen Corona-Abstand und Mund-Nasen-Masken auf der VDO-Straße.
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Hunderte Continental-Beschäftigte legte gestern Nachmittag die Arbeit nieder und versammelten sich mit dem gebotenen Corona-Abstand und Mund-Nasen-Masken auf der VDO-Straße.

Babenhausen – Es ist der Beginn der von Gewerkschaftsseite angekündigten „heißen Dezembers“ bei Continental. Und das machte sich gestern auch im neuen Arbeitskampf-Schlachtruf bemerkbar. Statt auf die Frage „Was machen wir?“ im Chor „Wir bleiben hier!“ zu antworten, schallte IG-Metall-Jugendsekretär Max Zeiher gestern auf der VDO-Straße ein „Wir kämpfen hier!“ aus hunderten Kehlen entgegen.

Dort hatten sich am Nachmittag die vielen Continental-Mitarbeiter versammelt, die dem Warnstreik-Aufruf der Gewerkschaft gefolgt waren und zum zweiten Mal an diesem Tag – der erste Warnstreik fand in der Nachtschicht am frühen Morgen statt – die Arbeit niederlegten. Die IG Metall begründete die Streiks damit, dass am Donnerstag die Gespräche zum geforderten Sozialtarifvertrag (siehe Infokasten) ergebnislos geblieben waren.

Dass die Fronten verhärtet sind, machte Gewerkschaftler Zieher auch mit seiner Aussage von dem „respektlosem Management“ in Babenhausen deutlich. Dieses habe den IG Metall-Sekretären gestern den Zutritt zum Gelände verweigert, auf dem sie den Betriebsrat unterstützen wollten. Da die Gewerkschaftler nach eigener Aussage ein Recht darauf haben, rief Streikleiter Uwe Zabel sogar die Polizei. Er werde nun prüfen lassen, ob Strafanzeige gestellt wird. „So etwas habe ich noch nicht erlebt“, sagte Zieher schließlich zu der Menge. Er kritisierte die Continental-Unternehmensführung in Hannover, die für ein ein bisschen mehr Rendite tausende Arbeitsplätze zerstöre.

„Wir haben die Beschäftigten zu Warnstreiks aufgerufen, um dem Management deutlich zu machen, dass sie ihre Blockadehaltung aufgeben und zu ernsthaften Verhandlungen über einen Sozialtarifvertrag übergehen müssen“, bekräftigte Daniel Bremm, Zweiter Bevollmächtigter der IG Metall Darmstadt: „Wer keine Zukunft für die Beschäftigten schaffen will, braucht harten Widerstand, um die Maßnahme so teuer wie möglich zu machen. Wer Arbeitslosigkeit verursacht, muss sie auch bezahlen.“

Das sind die Forderungen

Die IG Metall möchte einen Sozialtarifvertrag für ihre Mitglieder bei Continental am Standort Babenhausen erreichen. Zu den Forderungen gehören: Eine tarifliche Mindestabfindung: Sockelabfindung von 25 000 Euro plus 2,5 Bruttomonatsentgelte pro Beschäftigungsjahr inklusive Härteregelungen. Zusätzliche Abfindungen für Schwerbehinderte und Beschäftigte mit Kindern sowie einen zusätzlichen Mitgliederbonus für IG Metall-Mitglieder.Transfermaßnahmen plus tarifliche Abfindungen zum Hinausschieben von Arbeitslosigkeit und Hartz IV um ein Jahr nach Ende der Kündigungsfristen durch Finanzierung von Transfermaßnahmen für zwölf Monate.

Auch die neue Betriebsratsvorsitzende Anne Nothing – sie ist auch Mitglied der Verhandlungskommission der IG Metall – bezog eindeutig Stellung zum bisherigen Verhandlungsverlauf. „Für uns war nicht erkennbar, dass die Arbeitgeberseite Bewegungsspielraum oder -bereitschaft mitgebracht hätte. Continental zwingt uns damit in eine Notwehrhaltung, die sich in unserer Forderung nach einem Sozialtarifvertrag widerspiegelt“, sagte sie: „Wir wollen nichts geschenkt haben, aber wir sind davon überzeugt, dass wir Konzepte zur Fortführung eines zukunftsfähigen Standortes mit Werk, Entwicklung und Zentralbereichen haben. Diese wollen wir mit der Arbeitgeberseite erörtern. Hannover muss uns eine Zukunftsperspektive ermöglichen.“

Wie geht’s nun weiter? Am kommenden Donnerstag wird erst einmal in Sachen Interessensausgleich und Sozialplan vor der Einigungsstelle weiterverhandelt. Die Gespräche dafür waren von Unternehmensseite Mitte November abgebrochen worden. Continental und der Betriebsrat haben sich auf den ehemaligen Arbeitsrichter Lothar Jordan geeinigt, der zwischen den beiden Parteien vermitteln soll, berichtet Betriebsratsvorsitzende Nothing. Eine Woche später werde dann weiter über einen Sozialtarifvertrag verhandelt. Parallel dazu hat die IG Metall mit den Vorbereitungen für eine Urabstimmung und einen unbefristeten Streik begonnen.

In Babenhausen sollen knapp 2 600 Stellen gestrichen werden. Etwa 3 600 Mitarbeiter zählt der Standort. Im September vergangenen Jahres hatte die Unternehmensführung angekündigt, die Serienproduktion bis 2025 einzustellen und das Engineering, also die Forschungs- und Entwicklungsabteilung, zu verlagern. (Von Norman Körtge)

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