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Brüder-Grimm-Festspiele: Kostümbildnerin Ulla Röhrs feiert Abschied nach 36 Jahren

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Von: Yvonne Backhaus-Arnold

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Immer mit Spaß dabei: Kostümbildnerin Ulla Röhrs zaubert das Federkleid für Fabian Baecker, der 2019 den Hahn in den „Stadtmusikanten“ mimte.
Immer mit Spaß dabei: Kostümbildnerin Ulla Röhrs zaubert das Federkleid für Fabian Baecker, der 2019 den Hahn in den „Stadtmusikanten“ mimte. © Axel Häsler

Ulla Röhrs. Kein Name ist so sehr mit den Brüder-Grimm-Festspielen verbunden wie ihrer. Nach 36 Jahren und tausenden Kostümen, die sie erdacht und geschneidert hat, wird die 69-Jährige in dieser Saison zum ersten Mal nicht dabei sein. „Endlich mal den Frühling genießen, das konnte ich bisher nie“, sagt die Wahl-Büdingerin im Gespräch mit unserer Zeitung und lacht.

Hanau – Immer im Februar fing die Arbeit für Röhrs und ihre Kolleginnen an. Proben. Stress. Druck. Große Stücke. Alles Uraufführungen.

Ob sie die Festspiele vermissen wird? „Na klar! Die waren ja ein Teil meines Lebens“, so Röhrs, die das Rampenlicht immer eher gemieden und lieber hinter der Bühne und in der Werkstatt gezaubert hat. Und gezaubert, das hat sie. Keine Kritik ohne eine Lobeshymne auf ihre Kostüme. „Ein echter Hingucker sind wie immer die Kostüme“, hieß es da. Oder: „Vielseitig, ungewöhnlich, elegant und prunkvoll – hier kommt das Publikum aus dem Staunen kaum heraus.“

Für das Stück „Rapunzel“ bekam sie 2016 sogar den Deutschen Musicaltheater-Preis für das „Beste Kostüm- und Maskenbild“, für das Musical „Vom Fischer und seiner Frau“ waren Röhrs’ Kostüme nominiert. 2019 wurde sie mit dem Kulturpreis des Main-Kinzig-Kreises ausgezeichnet.

Seit dem zweiten Jahr der Festspiele dabei

Der Weg zu den Märchenfestspielen, wie sie früher hießen, führt die sympathische Frau mit dem herzlichen Lachen über verschiedene Stationen und Städte. Röhrs, gebürtige Bremerin, studiert Kostümdesign an der Fachhochschule für Visuelle Kommunikation in Hamburg und wird Assistentin am Bielefelder Theater. Dort lernt sie den Bühnenbildner Dieter Stegmann, ihren späteren Mann, kennen. Beide gehen nach Frankfurt und arbeiten an der Komödie und am Fritz-Rémond-Theater.

1985, der 200. Geburtstag der Hanauer Märchensammler Jacob und Wilhelm Grimm stand bevor. Aus diesem Anlass sollten „Rumpelstilzchen“ und „Rotkäppchen“ im Park von Schloss Philipsruhe aufgeführt werden. Als der Bühnenbildner absprang, kam Dieter Stegmann nach Hanau. Es war der Beginn einer Ära. Stegmann, Autor, Regisseur und später Intendant, machte die Festspiele zu dem, was sie heute sind. Ulla Röhrs kam im zweiten Jahr als Kostümbildnerin nach Hanau. Intendant Henrik Helge hatte sie verpflichtet.

Turbulente Anfangsjahre bei den Brüder-Grimm-Festspielen

„Wenn ich an die Anfänge zurückdenke, bekomme ich Zahnschmerzen“, sagt Röhrs. Sie arbeitete mit Schneiderinnen, die ihr im Rahmen einer Arbeitsbeschaffungsmaßnahme zugeteilt wurden und das Handwerk nicht immer verstanden. Einmal seien reihenweise Knöpfe auf der Bühne abgefallen, erinnert sich Röhrs. „In den ersten Jahren war am Ende der Saison nie klar, ob es weitere Aufführungen geben würde“, erzählt sie. Aber die Festspiele, die heute ein Markenzeichen der Stadt sind, blieben.

Röhrs’ Geschichten aus fast vier Jahrzehnten sind so bunt und abwechslungsreich wie die Kostüme, die sie geschneidert und entworfen hat. Zehn oder zwölf Mal musste die Kostümwerkstatt in all den Jahren umziehen. Remise. Weißer Saal. Das Dachgeschoss über dem Standesamt. Wieder die Remise. Röhrs kämpfte (mit Erfolg) dafür, dass die Garderoben ins Teehaus kamen, damit die Schauspieler in ihren Kostümen nicht von der Remise zur Spielstätte laufen mussten, was bei Regen und Matsch alles andere als ein Vergnügen gewesen sei.

Die Kostüme der Fabelwesen, Claudia Brunnert als Elfe „Fuffy“ Fufelfy zum Beispiel, habe sie immer besonders gern gehabt. „Einmal haben wir uns im Park im Dreck gesuhlt, damit das Kostüm auch wirklich authentisch aussah“, erzählt sie und lacht bei der Erinnerung daran. Jedes Stück eine Uraufführung, bis heute. Jedes Kostüm ein Unikat. Da könne man nicht einfach ins Internet gehen, da müsse man selbst erkunden, kreativ sein. Bis zu 60 Kostüme entstanden so pro Stück. „Dass sich die Festspiele am Ende auch durch sie ausgezeichnet haben, war mein Bestreben“, erklärt die 69-Jährige.

Stoffe aus Indien eingekauft

Um besonders schöne Stoffe für die Inszenierung von „Ali Baba und die vierzig Räuber“ zu erstehen, reiste Ulla Röhrs 2009 nach Indien. Gesponsert vom Förderverein kaufte sie für die Festspiele ein. „Traumhafte Stoffe“, wie sie rückblickend sagt. „In Delhi gab es ein ganzes Viertel nur mit Bordüren.“ Auch Ketten und Colliers, die bis heute zum Einsatz kommen, brachte Röhrs damals mit. Und auch in Übersee war sie im Einsatz, als die „Bremer Stadtmusikanten“ in Hanaus japanischer Partnerstadt Tottori aufgeführt wurden oder das „Schneewittchen“ im russischen Jaroslawl.

36 Jahre. Wenn man die Anfänge kenne, sei es, schon toll, zu sehen, was daraus entstanden ist. An was sie sich besonders gern erinnert? „Dieses gemeinsame Bemühen, etwas Tolles auf die Beine zu stellen.“

Offizielle Verabschiedung im Rahmen der Open Stage

An Ruhestand war bisher nicht so recht zu denken. Für drei Stücke hat sie bis Ende 2021 noch in Frankfurt gearbeitet. Hier lebt der gemeinsame Sohn von Ulla Röhrs und Dieter Stegmann. Als ihr Mann im November 2019 starb, kam kurze Zeit später die Enkeltochter zur Welt. Mit ihr will die 69-Jährige Zeit verbringen, Unternehmungen machen.

In der Kostümwerkstatt haben jetzt mit Kerstin Laackmann und Anke Küper zwei langjährige Mitarbeiterinnen von Ulla Röhrs das Sagen. Offiziell verabschiedet wird die Grande Dame der Haute Couture in diesem Jahr im Rahmen der Open Stage. Auch bei der Premiere des „Sommernachtstraums“ wird Ulla Röhrs Gast im Amphitheater sein. Überhaupt, sagt sie, wolle sie alle Stücke sehen, das sei doch klar! Aber erst nach dem ersten freien Frühling und der gemeinsamen Spanien-Reise mit Freunden. Vier Wochen haben sie geplant. Und danach geht’s ins Amphitheater. Ganz privat. Und ohne Nadel und Faden. (Yvonne Backhaus-Arnold)

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