Radermachers „Rotkäppchen“ bietet bei Grimm-Festspielen glänzende Familienunterhaltung

Stets den eigenen Weg gehen

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Rotkäppchen (Kristina Willmaser) überkommen leichte Zweifel, ob das da im Bett tatsächlich ihre Großmutter ist. Ist es natürlich nicht, sondern der böse Wolf (Benedikt Selzner), der aber am Ende natürlich das Nachsehen haben wird. Rotkäppchen (Kristina Willmaser) überkommen leichte Zweifel, ob das da im Bett tatsächlich ihre Großmutter ist. Ist es natürlich nicht, sondern der böse Wolf (Benedikt Selzner), der aber am Ende natürlich das Nachsehen haben wird.

Hanau - Als Plädoyer, seinen eigenen Weg zu gehen, hat Regisseur Jan Radermacher das Märchen vom „Rotkäppchen“ bei den Hanauer Brüder-Grimm-Festspielen inszeniert. Die Premiere im Amphitheater von Schloss Philippsruhe war in jeder Hinsicht gelungen. Von Dirk Iding 

Vor fast ausverkauften Haus gelang Radermacher und seinem durch die Bank überzeugenden Ensemble das Kunststück, Alt und Jung gleichermaßen zu unterhalten. Der junge Regisseur, der auch für das Drehbuch und die Musik verantwortlich zeichnet, entwickelte aus der Vorlage eines der berühmtesten Märchen der Brüder Grimm eine Geschichte, die viele bekannte Elemente aufgriff und in einen völlig neuen, auch für Kinder begreifbaren Zusammenhang stellte.

Radermachers Rotkäppchen, herrlich gespielt und gesungen vom Kristina Willmaser, ist eine kleine Außenseiterin, weil sie sich nicht einfach mit den Gegebenheiten abfinden möchte, sondern die Dinge hinterfragt und nach eigenen Antworten sucht. Das passt aber so gar nicht zur Fassade des perfekten Städtchens, das sich wegen einer von der Obrigkeit beschworenen Gefahr von außen hinter hohen Mauern verschanzt und sich selbst genügt. Am Ende stellt sich heraus, dass die von Detlev Nyga wunderbar diabolisch gespielte Oberbürgermeisterin Agatha Sabberbein das Bedrohungsszenario nur erfunden hat, um im Inneren die Kontrolle zu behalten.

Doch nicht nur daraus ergeben sich zahlreiche hochaktuelle Bezüge. So geht es in dem Stück auch um Angst. Und zwar um die diffuse Angst vor dem Fremden, das man aber gar nicht kennt, weil man es nie gesehen hat. In Radermachers Rotkäppchen ist das der „Unaussprechliche“, eine Erfindung von Bürgermeisterin Sabberbein, die fast allen Angst einjagt. Allen, außer denen, die den Dingen auf den Grund gehen und die sich ein eigenes Bild machen wollen, wie Rotkäppchens mutige Oma Babu (Catrin Omlohr) und schließlich das Rotkäppchen selbst.

Bilder: Rotkäppchen bei den Märchenfestspiele

Und die merken, dass selbst das vermeintlich Böse durchaus facettenreich sein kann. Denn neben dem bösen Wolf, eine Paraderolle für Benedikt Selzner, gibt es auch Philosophus, den kleinen, nachdenklichen Wolf (Marius Schneider), der Blumen liebt und noch dazu Vegetarier ist. Auch er muss gegen Vorurteile ankämpfen, ehe man bereit ist, auf seinen wahren Charakter zu schauen.

All das verpacken Radermacher und sein neunköpfiges Ensemble in eine höchst vergnügliche Inszenierung, bei der Musik und Gesang nicht zu kurz kommen. Mal gefühlvoll, mal mitreißend, auch hier trifft Radermacher genau den richtigen Ton. Diese „Rotkäppchen“-Fassung ist als Familienstück auf jeden Fall zu empfehlen. Die Jüngsten werden mitfiebern, die Älteren bekommen jede Menge Stoff zum Nachdenken – und alle gemeinsam werden wunderbar unterhalten. Noch 17 weitere Aufführungen sind in der aktuellen Spielzeit geplant. Sämtliche Termine und weitere Infos: www.festspiele-hanau.de.

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