Aus Darmstadt gesteuerter Satellit soll Analyse von Winden verbessern

Esa-„Baby“ erreicht die Umlaufbahn

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Der Satellit Aeolus wird in die Vega-Raketenverkleidung eingekapselt.

Darmstadt - Am Ende herrschte in der Europäischen Raumfahrtagentur (Esa) in Darmstadt pure Erleichterung. Der nach dem griechischen Windgott Aeolus benannte Satellit zur Messung von Winden hob in der Nacht zu gestern sicher in Richtung niedriger Erdumlaufbahn ab. Von Axel Wölk

Fast trotzig war aus dem Darmstädter Kontrollraum der triumphierende Aufschrei zu hören: „Aeolus lebt.“ Um kurz vor halb eins empfingen die Weltraumexperten aus der Region das erlösende Signal des Satelliten aus dem All. Nur sehr selten wurde von Esa-Fachleuten der Ausdruck „unser Baby“ dermaßen häufig in den Mund genommen wie zum Abheben des seit 20 Jahren laufenden Aeolus-Satelliten. Kinder, die gehäuft Schwierigkeiten zu überwinden haben und sich besonders hart durchkämpfen müssen, sind eben meist die Lieblinge der Eltern.

Und das Projekt Aeolus hat seit 20 Jahren immer wieder Rückschläge verkraften müssen. Die Kosten für eins der Vorzeigevorhaben der Europäer schossen am Ende um 50 Prozent über die Eingangsprojektionen hinaus. Der Zeitplan lief gleich ums Dreifache aus dem Ruder. In Darmstadt und am Fertigungsort Toulouse wird von gravierenden technischen Hürden gesprochen, die es zu überwinden galt. Einfach hatten es die Europäer bei diesem Projekt eines bahnbrechenden Durchbruchs zur Messung von Winden nie.

Ein Grund dafür: Die verwendete Lasertechnologie hat es so noch nie gegeben. Mit ihr werden UV-Strahlen ausgesendet und die zurückkommenden Wellen dann gemessen. Zu schaffen machten der Esa und dem für den Bau verantwortlichen Konzern Airbus erst die Dioden für den Laser. Gegen Ende haperte es vor allem an Problemen mit der Beschichtung, um die äußerst empfindliche Apparatur vor den brutalen Zuständen im Weltall zu schützen.

„Wir sind äußerst froh, bis zu diesem Punkt gekommen zu sein“, jubelte Aeolus-Missionswissenschaftlerin Anne-Grete Straume-Lindner. Viele andere Raumfahrtnationen würden gespannt auf die Ergebnisse von Aeolus blicken und Ähnliches anstreben.

In der Tat ist die Lasertechnologie weltweit einmalig. Die Esa hofft, dass sie sich durchsetzt und global an ihr weitergearbeitet wird, um der schwierigen Messung von Winden aus dem All auf die Schliche zu kommen und sogenannte Windprofile anzufertigen. Das ist aus Sicht der Weltgemeinschaft in Zeiten des Klimawandels dringend geboten. Es gibt nämlich drei Faktoren, die für die Vorhersage des Wetters entscheidend sind: Luftdruck, Temperaturen und Winde.

Für die ersten beiden gibt es bereits umfassende Möglichkeiten zur Messung, doch bei den Winden sieht es düster aus. Über dem Nordatlantik etwa lässt sich ihre Geschwindigkeit so gut wie überhaupt nicht bestimmen. Das ist für Europa besonders schmerzlich, da gerade die Winde überm Nordatlantik das Wetter beeinflussen. Und aus dem Wetter entsteht eben langfristig das Klima, so dass sich Forscher dank Aeolus erhoffen, den Klimawandel besser zu verstehen.

Es sind nicht allein diese für die Forschung relevanten Chancen, die das Projekt so bedeutend machen, sondern gerade auch ganz praktische Hilfen auf dem Mutterplaneten. Verbessern sich die Wettermodelle der Meteorologen, lassen sich hochgefährliche Stürme besser prognostizieren. Das kann im Zweifelsfall sogar Menschenleben retten.

"Bilderbuchstart": Gerst auf dem Weg zur ISS

Doch auch kommerziell springe einiges heraus für den völlig zu Recht knausrigen Steuerzahler, betont der extra aus Paris nach Darmstadt angereiste Esa-Generaldirektor Jan Wörner. „Wind ist Geld“, bringt es Roland Potthast vom Deutschen Wetterdienst aus Offenbach auf den Punkt.

Bei Betreibern von Windparks an der Nordsee sind solche Daten beispielsweise zu Dauer und Intensität von Winden heiß begehrt. Auf der einen Seite können diese privaten Unternehmen damit ihre Gewinne verbessern. Doch auch die Allgemeinheit profitiert davon: Womöglich lässt sich eines nicht fernen Tages in Zeiten der Energiewende dank der Aeolus-Technologie die deutsche Stromversorgung mit Blick auf die Windkraft wetterfester machen.

Quelle: DA-imNetz.de

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