Wirklich wichtige Dinge

Tim Plegges Tanzstück „Fake“ macht am Staatstheater Station

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Welche Sozialprognose die beiden wohl aus dem Scanner erhalten haben? Enrique Lopez Flores und Aurélie Patriarca in „Fake“

Darmstadt - Tänzerische Nachwuchsförderung am Hessischen Staatsballett. In „Fake“, einem Stück für Jugendliche, geht es um Selbst- und Identitätsfindung – ums Erwachsenwerden. Von Stefan Michalzik

Das Stück erweckt den Eindruck vermeintlichen „Authentizität“. Weniger in der Betrachtung Szene um Szene als vielmehr ob der Ausstrahlung des Ensembles. Als ob die Tänzerinnen und Tänzer sich selber spielen und von ihrer eigenen Erfahrung künden. Und bis zu einem gewissen Maß tun sie das ja auch.
„Fake“ von Tim Plegge, dem Direktor des Hessischen Staatsballetts, ist ein Coming-of-Age-Stück. Das heißt, es handelt von einem Alter, dem die Tänzer entwachsen sind. Aber sie sind noch recht nah dran. Die eigene Erfahrung ist also sozusagen noch „warm“. Auf der anderen Seite sind die Bilder dieser Szenenfolge hochgradig stilisiert, wie in einem Musical.

Am Beginn dieses nicht ganz eineinviertelstündigen „Tanzstücks für Jugendliche und ihre Fans“, das nach der Uraufführung in Wiesbaden jetzt am Kleinen Haus des Darmstädter Staatstheaters gezeigt wird, steht eine Verbildlichung des Prozesses der adoleszenten Entpuppung. Die sieben Tänzerinnen und fünf Tänzer entwinden sich aus Schlafsäcken, in nichts als der Unterwäsche – Kostüme: Janine Werthmann – zunächst. Als Erstes müssen sie sich einem Scanning unterziehen: Auf einer Pixeltafel – Videografie: Thorsten Greiner – schlägt der Marker aus zwischen Male und Female. Unter Berücksichtigung der Faktoren Brain (Hirn) und Body (Körper) wird eine Prognose der sozialen Rolle errechnet. In einem Fall wandert der Marker unentschlossen zwischen männlich und weiblich hin und her. Zerknirschung zeichnet sich im Gesicht des Tänzers ab.

In einer sehr direkten Form handeln die Szenen von Selbsterkundung und einem Sich-Versuchen in Belangen des Körpers und der Erotik. Da geht es um Außenwirkung, um Akzeptanz in der Gruppe und um Freundschaft.

Zwei Frauen probieren in spielerischer Ausgelassenheit unterschiedliche Perücken auf. Bei den Männern dagegen kommt es zu einem rivalisierenden Kräftemessen. Eine fundamentale Rolle spielt der Soundtrack. Viel Gewaber von dem Komponisten Max Richter. Viele melancholische Indie-Folkpopballaden der Gruppe The Magnetic Fields. Und dann Technohouse-Wumms, Grundlage für beschwingte Szenen, die wirken, als stammten sie aus einer populären Tanzshow.

Mal treten die Männer mit stilisierten silberglänzenden Tiermasken in Erscheinung, dann die Frauen mit lametta-puscheligen Silberstolen. Viel Buntheit. Dann aber auch immer wieder Pas de deux’, in einer ziemlich ungetrübt romantischen Manier. Geradezu altmodisch. Tanzsprachlich ist nichts besonders spektakulär. Dieser Abend ist in einer ganz einfachen und konventionellen Art erzählerisch. Womöglich kommt das bei Jugendlichen gut an (im Darmstädter Premierenpublikum hat man allerdings kaum welche gesehen). Meint Tim Plegge, der für Anspruchsvolleres bekannt ist, einem jugendlichen Publikum nicht mehr „zumuten“ zu können? Das wäre fatal.

In einer Ansage vor Beginn der Vorstellung heißt es: „Gönnen Sie sich den Luxus der Unerreichbarkeit“. Hernach im Stück ist die zeitgenössische Hyperkommunikation kein großes Thema. Mal posieren fürs Selfie, das war’s schon. Es geht letztlich doch um die anderen, tatsächlich wichtigen Dinge des Lebens.

Nächste Aufführungen am 1., 15. und 23. September. Karten: 06151-2811600

Quelle: DA-imNetz.de

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