Tilgungen, Investitionen, Gruppenliga: Blau-Weiße haben die Quadratur des Kreises geschafft

SC Hassia Dieburg ist bald schuldenfrei

Der SC Hassia hat in den vergangenen Jahren den Spagat zwischen Tilgungen und Investitionen gemeistert. Letztere fallen auf dem 3,5 Hektar großen Vereinsgelände – hier Tribüne und Hauptfeld beim coronakonformen Open-Air-Konzert im September – regelmäßig und in beträchtlicher Höhe an.
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Der SC Hassia hat in den vergangenen Jahren den Spagat zwischen Tilgungen und Investitionen gemeistert. Letztere fallen auf dem 3,5 Hektar großen Vereinsgelände – hier Tribüne und Hauptfeld beim coronakonformen Open-Air-Konzert im September – regelmäßig und in beträchtlicher Höhe an.

„Eigentlich ging’s nicht, aber wir mussten es machen“: Mit diesen Worten blickt Hubertus Euler mehr als ein Jahrzehnt zurück. 2008 war der diplomierte Kaufmann in den Vorstand des SC Hassia Dieburg eingestiegen, Fachbereich Finanzen. Es war die Phase, in der jahrelange steuerliche Verfehlungen des Sportclubs – konkret an den Vereinsbüchern vorbei gezahlte, aus Spenden finanzierte Löhne – aufgeflogen waren.

Den Verein drückten damals noch 175 000 Euro Bankverbindlichkeiten, die von anfänglich 300 000 Euro Steuerschulden herrührten. Der Ursprung dieser Nachzahlung lag in einer Betriebsprüfung der Jahre 1999 bis 2001, in deren Folge das Finanzamt die Steuerfahndung hinzugezogen und den Prüfungszeitraum auf zehn Jahre ausgedehnt hatte. Genau zu der Zeit, als 2008 die Konsolidierung fortschreiten sollte, war das Dach des Vereinsheims am Wolfgangshäuschen kaputt, erforderte dringend eine Investition in sechsstelliger Höhe. „Als ich angefangen habe, waren wir tot, konnten eigentlich nichts machen“, sagt Euler. Durch eine schlaue Sanierung samt Solaranlage, deren Stromertrag die Investition bis heute refinanziert, brachten die Blau-Weißen das Dach in klammster Lage wieder in Schuss.

Der Vorgang steht sinnbildlich für die vergangenen Jahre, in denen der SC Hassia erreicht hat, was ihm nach dem Steuerschock nur wenige zutrauten. Dem 500-Mitglieder-Verein ist die Quadratur des Kreises gelungen: Er hat getilgt und investiert und zugleich den sportlichen Niedergang verhindert. „In vier Jahren sind wir schuldenfrei“, prognostiziert Euler. Gemeint sind damit die Altschulden. Wie Dach und Solaranlage trägt sich auch die kreditfinanzierte, vor einiger Zeit installierte neue Heizung durch ihre Einsparungen praktisch selbst. Von den Altschulden sind noch 45 000 Euro abzutragen; doch wer die finanzielle Leistung des Sportclubs auf die Differenz zwischen der Anfangsbelastung und heute reduziert, wird dem Werk der Ex-Vorsitzenden Hans-Friedrich Busch, Detlev Struckmeier und Gerald Grohe sowie den heute wirkenden Kräften Oliver Rebel, Steffen Baumert und Hubertus Euler nicht gerecht. Denn der Verein zahlte nicht nur Verbindlichkeiten ab, er investierte dank klugem Finanzmanagement auch in seine Infrastruktur. „Das Credo der langjährigen Führungsmannschaft des Vereins war unter anderem vorrangig, wieder eine vereinseigene Anlage herzustellen, die sich in der Region sehen lassen kann“, so Euler. Und ergänzt: „Eine Anlage, wie wir sie selbst in unserer Schüler- und Jugendzeit beim SC Hassia nutzen durften.“

„Steine statt Beine“ also. Zu diesem von Euler formulierten Motto gibt es für einen mittelgroßen Fußball-Verein, der keinen Mäzen hat und bei begrenzten Mitteln Besitzer eines 3,5 Hektar großen Areals ist, auch gar keine Alternative. Die drei Naturrasen-Großfelder, der Parkplatz mit Mini-Spielfeld, der Immobilienkomplex aus Haupttribüne, Kabinen, Gesellschaftsraum „Kakadu“, die Säle der Tanzschule Wehrle (die sich längst in die einstige Gaststätte vergrößert hat) und die früher für den Platzwart gedachte Wohnung befinden sich vollständig im Vereinsbesitz. Der Hassia hilft hierbei die jüngst verbesserte städtische Betriebskosten-Förderung sehr. Auch bei investiven Maßnahmen ergänzen Zuschüsse von Stadt, Kreis und Land die aus Pacht, Sponsoring, Spenden, Mitgliedsbeiträgen und Veranstaltungen generierten Eigenmittel. Trotzdem treiben große und vor allem kurzfristige Ausgaben Euler immer wieder um.

Plastisch erinnert er sich beispielsweise an den Moment zurück, als vor einiger Zeit der Rasenmäher des Vereins irreparabel den Geist aufgab. „Als Fußball-Verein kann man das Gras nicht wachsen lassen“, erzählt er von der alternativlosen, binnen weniger Tage zu tätigenden 23 000-Euro-Investition in einen (gebrauchten) Aufsitz-Rasenmäher. Hätte es das alte Fahrzeug weiter getan, der SC Hassia wäre wohl schon Ende 2022 (alt)schuldenfrei geworden. Dennoch überwiegt bei Euler der Stolz, wenn er aufzeigt, was der Verein im vergangenen Jahrzehnt bei parallelem Schuldenabbau umgesetzt hat: neben der neuen Heizung etwa eine Kabinensanierung (92 000 Euro), eine neue Elektroverteilung (17 000 Euro), eine neue Theke (10 000 Euro), Flutlicht und Bewässerung für den dritten Rasenplatz (96 000 Euro).

Weil auch das schönste Sportgelände ohne Nutzer nichts wert ist, stehen all die Anstrengungen des SC Hassia im Licht des sozialen Vereinszwecks: Fußball spielen, Kinder, Jugendliche und Erwachsene buchstäblich bewegen, so gesellschaftliches Miteinander fördern und pflegen. Mit Blick auf die (extern) am stärksten beachtete erste Männer-Mannschaft darf dies selbstredend gern so erfolgreich wie möglich geschehen. In den Augen der heutigen Hassia-Verantwortlichen aber nicht um jeden Preis.

Die Sparsamkeit beim kickenden Personal hat am Wolfgangshäuschen seit Jahren Einzug gehalten. Sie hat aber überraschend nicht zum sportlichen Absturz geführt, auch wenn der SC Hassia zwischenzeitlich mal zwei Klassen nach unten in die Kreisliga A durchgereicht wurde. Obgleich im Falle einer Saisonfortsetzung im Frühjahr der Abstieg in die Kreisoberliga droht, spielen die Dieburger momentan doch in der Gruppenliga (früher Bezirksoberliga). „Höher hat die Hassia in den letzten Jahrzehnten auch nie gespielt“, betont Euler. Und ruft abschließend in Erinnerung, dass „Treue und Solidarität in der nunmehr 108-jährigen Vereinsgeschichte wohl selten so wichtig und wertvoll waren wie aktuell“. Der ganze Vorstand äußere deshalb seinen Dank an alle Mitglieder, Förderer, Trainer, Vorstandskollegen und Freunde des Vereins.

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