Ein Frühling ohne Eis

So muss das aussehen: Ein kleiner Junge lässt sich sein Eis schmecken.

„Wenn Sie uns wenigstens den Lieferservice gelassen hätten: Der hessische Sonderweg stößt auch bei Dieburger Eiscafés auf Unverständnis.

Dieburg – In der Corona-Krise samt seinem Bewirtungsverbot behelfen sich viele Gastronomen mit einem Abhol- und Lieferservice, um wenigstens ein bisschen Umsatz zu generieren. Ein Teil von ihnen ist seit dem 27. März auch von dieser Option ausgeschlossen: Eiscafés dürfen – unabhängig davon, wie akribisch ihre Sicherheitsvorkehrungen bei Herstellung und Zubereitung sind – ihre Produkte weder „to go“ anbieten, noch den Kunden nach Hause bringen. Während Letzteres in anderen Bundesländern weiter erlaubt ist, regelt Hessen das per Sonderweg strenger. Dies sorgt auch in Dieburg für Unverständnis.

So bei Anja Zanin, die mit ihrem Mann Francesco das „Eiscafé Venezia“ in der Zuckerstraße betreibt. Das Paar hat für das Krisenmanagement der Behörden grundsätzlich Verständnis und möchte weder jammern noch klagen. Es nachzuvollziehen, weshalb etwa Eisdielen in Rheinland-Pfalz Spaghetti-Eis und Co. auf die Hand geben oder ausliefern dürfen und in Hessen nicht, fällt beiden jedoch schwer. „Das müsste bundesweit einheitlich geregelt werden“, finden sie.

Das Hessische Wirtschaftsministerium begründet die Regelung, die in der „Vierten Verordnung zur Bekämpfung des Corona Virus“ festgelegt ist, vor allem unter einem Aspekt: Eis sei „kein Grundnahrungsmittel“ und sein Verkauf zur Versorgung der Bevölkerung deshalb momentan nicht nötig. Was auch Anja Zanin nicht bestreitet, zugleich aber die Frage stellt, ob das für manch anderes Produkt, das derzeit weiter geliefert werden darf (zum Beispiel Blumen), nicht ebenfalls gelte. Sie gönne diese Möglichkeit jedem Geschäft, betont die Unternehmerin. „Es geht uns aber um Gleichberechtigung.“

Zumal sie kaum verstehen könne, warum man sich gerade auf das Genussmittel Eis so eingeschossen habe: „Wir sind auch ein Handwerk, gehören der IHK an, stellen etwas her.“ Das zweite vom Ministerium ins Spiel gebrachte Argument gegen den Verkauf von Eis zum Mitnehmen ist, dass sich gerade bei schönem Wetter eine lange Schlange vor dem Café und damit einer Menschenansammlung bilden könne. Zanin meint: „Beim Bäcker funktioniert es doch auch, dass sich die Kunden ordentlich anstellen. Die Leute passen schon auf.“

Während etliche andere Eisdielen in der Region ähnlich argumentieren und auch viele Kunden mit den Café-Betreibern mitfühlen (und in der Phase, da Lieferungen noch erlaubt waren, tatkräftig mithalfen), trifft die Verordnung das „Venezia“ mit voller Härte. „Wir kommen aus dem Winter. Jetzt im April, Mai und Juni ist die Zeit, wo die Leute Eis essen wollen. Jetzt beginnt die Saison, jetzt arbeiten wir für den Winter vor.“ Im Hochsommer flache die Nachfrage schon wieder ab: „In den Sommerferien wird es bereits weniger.“

Kurz bevor die neue Verordnung in Kraft trat, hatten sich die Zanins im Rathaus noch einmal rückversichert, dass der Liefer- und Abholservice möglich ist. „Dann haben wir literweise Sahne und Milch gekauft und zwei Tage lang Eis produziert.“ Zwei Tage später war Schluss mit dem Verkauf. „Wenn sie uns wenigstens den Lieferservice gelassen hätten. Wir haben Abstand gehalten, aufgepasst, und die Leute waren damit alle zufrieden. Sie haben sich wie die Schneekönige über ihr Eis gefreut.“ Zu einem Zeitpunkt, als noch nicht mal das tolle Frühlingswetter dieser Tage herrschte.

Nun bleibt den Eiscafés erst mal nichts anderes, als die Ausgaben zu minimieren. Generell wolle man keine staatliche Unterstützung in Anspruch nehmen, sagt Anja Zanin. Zum Decken der Miete im Objekt in der Zuckerstraße befasse man sich gezwungenermaßen aber mit der Soforthilfe. Die freilich nur ein Beitrag zu den Fixkosten ist und keinen Cent des entgangenen Einkommens der Betreiber ersetzt.

Mimmo Bisignano, Betreiber des neuen „Eiscafé Don Camillo“ in der Steinstraße (inzwischen ein reines Eiscafé), ist ebenfalls verärgert: „Ich weiß nicht, was ich machen soll. Die Situation wird immer schlimmer. Ich mache gutes Eis und hatte mehr Kunden, hatte Arbeit. Jetzt muss ich das Eis wegschmeißen.“ Er äußert aber auch Verständnis, dass die Stadt die angeordnete Schließung auf lokaler Ebene weitergeben und kontrollieren muss. Er verspricht: „Das ,Don Camillo’ wird wieder öffnen.“

Auch die Zanins verfallen nicht ins Lamentieren und wollen den beliebten Anlaufpunkt in der Dieburger Fußgängerzone unbedingt erhalten. Zu beschönigen gibt es freilich auch nichts: „Das Land Hessen betreibt Existenzzerstörung. Wenn die Eiscafés noch drei Monate zumachen müssen, gibt es bald keine mehr.“

VON JENS DÖRR

Quelle: DA-imNetz.de

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