Anlage in Dieburg ist wieder vom Splitt befreit

Kehraus im Skatepark

„Für die Kinder“, so die offizielle Begründung, haben etwa 30 Leute aus dem Dunstkreis der „Querdenker“ die Anlage wieder vom Splitt befreit.

Die Dieburger Polizei machte sich am Feiertag mehrmals ein Bild von der Aktion.

Dieburg – Es dürfte der Schlussakt eines denkwürdigen Dieburger Schauspiels gewesen sein, das längst überregionale Kreise gezogen hat: Am Donnerstag (Christi Himmelfahrt) haben etwa 30 Personen aus dem ganzen Rhein-Main-Gebiet und aus dem Dunstkreis der „Querdenker“-Bewegung den Skatepark am Kaufland-Kreisel vom Rollsplitt befreit. Die meist männlichen „Einsatzkräfte“ kehrten dabei zentnerweise jenes Material beiseite, das die Stadt knapp zwei Wochen zuvor absichtlich auf dem Boden zwischen den Halfpipes und Rampen verteilt hatte, um diesen Teil der „Multisportanlage“ temporär unbrauchbar zu machen. Vorausgegangen war aus Sicht des Rathauses zu viel Trubel auf der Anlage, dem man – nach mehrfach ignorierter Absperrung – mit dieser Radikalmaßnahme begegnet war (wir berichteten). Nachdem der Dieburger Anzeiger bereits am 2. Mai auf seiner Facebook-Seite und am 3. Mai auf der Titelseite der Printausgabe über die Rollsplitt-Aktion berichtet hatte, griffen sie einige Tage später auch weitere regionale sowie landes- und bundesweite Medien auf – Bild, Spiegel, FAZ oder die Deutsche Presseagentur.

Aber wer kehrte denn da am Feiertag im Dieburger Süden schon in aller Frühe und bis 13.30 Uhr, als die letzten Anpacker abzogen? Und warum? Die zweite Frage ist schnell geklärt: „Um den Kindern den Platz zurückzugeben“, sagen mehrere Männer, die dem Dieburger Anzeiger vor Ort Rede und Antwort stehen. Sie hätten von der äußerst umstrittenen Anordnung des Dieburger Bürgermeisters gelesen. „Da der Bauhof den Splitt wohl frühestens nächsten Montag wieder entfernt hätte, haben wir das selbst in die Hand genommen. Denn so haben die Kinder schon am langen Wochenende was davon.“ Dem Dieburger Verwaltungschef Frank Haus (parteilos) attestieren die Personen, die sich am Donnerstagvormittag in mehreren Schichten ans Werk machten, eine „Übererfüllung“ seiner Pflicht, die Corona-Maßnahmen auf städtischem Grund durchzusetzen. „Die Dienst-erfüllung ist nur die eine Seite“, kritisieren sie. „Die andere Seite sind die Kinder.“ Fast alle der Beteiligten hätten selbst welche, einige brachten sie zum Toben auf der allmählich vom Splitt befreiten Anlage gleich mit. „Was wir hier machen, ist keine Straftat, sondern ehrenamtliche Arbeit“, sagten sie überzeugt. Und in jedweder Hinsicht ein gutes Werk: „Wir haben der Stadt Geld und Arbeit gespart.“

Der Bürgermeister wusste vorab von der Aktion, kam aber nicht selbst auf die Anlage. Dafür mehrmals die Polizei, die die gut gelaunte Gruppe gewähren ließ. Von einigen nahm sie die Personalien auf, weil sie auf dem Asphalt „Grüße an den Bürgermeister“ geschrieben hatten und der Anfangsverdacht einer Sachbeschädigung vorlag. Die „Grüße“ waren aber nur per Kreide notiert und von der Gruppe gegen Mittag schon wieder entfernt worden. Schwieriger nachzuvollziehen – zumindest offiziell – war, was die Leute neben dem guten Werk für die Dieburger Jugend womöglich noch antrieb. „Wir sind nicht links und nichts rechts, und wir sind friedlich“, betonten sie mehrfach. Man sei unter anderem aus Frankfurt, Mainz, Wiesbaden, Hanau, Neu-Isenburg und Langen gekommen, auch Dieburger seien am Vormittag dabei gewesen. Über ihre Aussage, man habe sich rein „zufällig“ zum Kehren in Dieburg getroffen, mussten sie dann selbst schmunzeln.

Angesichts zahlreicher Aufkleber der Darmstädter „Querdenken“-Gruppe auf der Multisportanlage und vereinzelter Aussagen etwa über den vermeintlichen „Impfzwang“ hierzulande lag die Frage nahe, ob die Aktion dieser Bewegung zuzuordnen sei. Das bestritten die Beteiligten, gleichwohl der eine oder andere sagte, bereits an „Querdenker“-Demos – etwa jener kürzlich an der Darmstädter Böllenfalltor-Halle – teilgenommen zu haben. Auch Chris Barth, einer der führenden Köpfe der Darmstädter „Querdenker“-Bewegung, war in Dieburg beim Splitträumen dabei. Die Aufkleber wollte niemand von ihnen an- und mitgebracht haben. Auch von einem entsprechenden Aufruf der „Querdenker“-Gruppe „615 Darmstadt“ auf dem Messengerdienst Telegram wollten sie nichts gewusst haben. „Wir sind normale Bürger“, betonten sie mehrfach. Einer berichtete von seinem Engagement in der Bürgerinitiative „Hanau steht auf“. Laut Auskunft auf der Website setzt sich die Initiative „für den Erhalt unserer Grundrechte sowie unser Recht auf ein selbstbestimmtes und eigenverantwortliches Leben ohne Bevormundungen von oben“ ein und betrachtet „in diesem Zusammenhang alle Corona-Maßnahmen sehr kritisch“. Zu Corona gab einer zu Protokoll: „Die Krankheit gibt es.“ Einigkeit herrschte vor Ort aber darüber, „dass die Maßnahmen der Regierung nicht verhältnismäßig sind“.

Die Verhältnismäßigkeit der staatlichen Reaktion auf das geplante „Gruppenkehren“ war Richtung Feiertag derweil jener Punkt gewesen, der den Bürgermeister und die Dieburger Polizei beschäftigt hatte. Der Aufruf, zum Skatepark zu kommen, sei der Stadt vorab bekannt gewesen, sagte Frank Haus am Donnerstagnachmittag. „Seitens der Polizei war klar, dass wir das begleiten. Es war nur die Frage, ob das von unserer Seite als Hausfriedensbruch betrachtet und von der Polizei weiter verfolgt werden soll.“ Die Antwort war ein Nein. Haus: „Wir waren uns einig, dass wir der Szene nicht noch mehr Aufmerksamkeit zukommen lassen wollten, als sie sowieso schon gewonnen hat. Insofern haben wir sie gewähren lassen. Was das für Motivationen sind und wo die Leute herkommen, ist uns schon vollkommen klar.“ Dass der Platz nun gereinigt sei, habe „den angenehmen Nebeneffekt, dass wir es am Montag nicht mehr tun müssen“, meinte er augenzwinkernd. Darum allerdings gehe es nicht, ergänzte er, nun wieder ernsthaft: „Scheinbar hat es gut funktioniert und sie waren friedlich. Es ist nicht zur Eskalation gekommen. Deshalb sind wir mit dem Tag zufrieden.“

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