Michael Grunewald hat sich mit MG Optik auf den Umgang mit Alten und Kranken spezialisiert

Dieburg: Unterwegs im „Brillenmobil“

Auch eine Gesetzesänderung kann Startschuss für eine Idee sein: Als Personen mit Pflegestufe I vor zehn Jahren die Fahrt zum Arzt nicht mehr bezahlt bekamen, schuf Michael Grunewald sein neues Geschäftsmodell. Heute hat sein Unternehmen 14 Mitarbeiter und 7 500 Kundenkontakte pro Jahr.

Michael Grunewald hat in seinem Spezialkoffer mit diagnostischem Equipment auch 150 Brillenmodelle. Den Koffer haben seine Augenoptiker-Meister und er immer dabei, wenn sie im „Brillenmobil“ auf Tour gehen.

Dieburg – „Ich habe jeden Tag unversorgte Menschen gesehen“, blickt der Augenoptiker-Meister zurück. Menschen etwa mit Demenz, Alzheimer und Parkinson, meist schon im Senioren- und Pflegeheim, oft vielfach beeinträchtigt in ihrer Sehfähigkeit. Der simple wie geniale Einfall: „Wenn die Leute nicht mehr zum Arzt fahren können, dann fahre ich zu ihnen.“ Im „Brillenmobil“, dem Kernstück der Dieburger MG Optik GmbH. Die sitzt seit 2015 im Ärztehaus am „Gottwald-Kreisel“, zunächst mit Büro, dann mit Werkstatt. Längst verkehren dort auch Kunden; um ein klassisches Optiker-Geschäft mit Schaufenster handelt es sich jedoch nicht. Grunewald und sein Team arbeiten eher im Verborgenen – die meisten Kunden kommen nicht in die Groß-Zimmerner Straße, sondern MG Optik zu ihnen. Die Konkurrenz fahre in der Regel nicht oder nur sporadisch zum Kunden, erläutert der 60-Jährige, der nur 500 Meter vom Geschäft entfernt wohnt und am Standort Dieburg vor allem die zentrale Lage und die Nähe zum Frankfurter Flughafen schätzt. Auch die Augenärzte kämen nur selten zu Hausbesuchen. Eine Lücke, die der Geschäftsmann erkannt und geschlossen hat. „Mit unserem Brillenmobil sind wir deutschlandweit einzigartig“, sagt Grunewald.

Seine Firma beschäftigt 14 Mitarbeiter, darunter acht Meister der Augenoptik. Und die schrubben ordentlich Kilometer, besonders im Rhein-Main-Gebiet: „Hier sind wir besonders stark, besuchen mittlerweile 60 Prozent aller Senioren- und Pflegeheime.“ Dorthin kommen die Fachleute aus Dieburg nach vorheriger Anmeldung und einem Aushang im Heim. Auch in den Großräumen München, Hannover und Stuttgart hat man Dependancen und Außendienste für Brillenmobile gegründet. „Wir sind in 420 Heimen unterwegs“, quantifiziert Grunewald die Geschäftstätigkeit. „Pro Jahr sehen wir an 800 Einsatztagen 7 500 Menschen.“ Coronabedingt summierten sich die Besuche der Augenoptik-Meister in diesem Jahr nur auf 500 Tage. Auch MG Optik als Grundversorger durfte zeitweise keine Heime besuchen, will möglichst rasch aber wieder das Vorkrisen-Niveau erreichen. Dies ist Michael Grunewald nicht nur unter dem betrieblichen Gesichtspunkt wichtig. „80 Prozent unserer Sinneswahrnehmungen gehen übers Sehen. Die Einschränkungen, die unsere Kunden haben, beeinträchtigen oft massiv ihre Lebensqualität.“ Dabei gehe es um ganz einfache Dinge: „Die Leute wollen ihr Mittagessen sehen oder Karten spielen können.“ Oft sei dies ohne Hilfe in Form von Brille, Kontaktlinse oder Augenschule nicht mehr möglich. Zudem teilten beispielsweise viele demente Personen ihr Sehleiden nicht mehr mit. „Die von uns betreuten Menschen entscheiden in 80 Prozent der Fälle nicht mehr für sich selbst“, sagt Grunewald. Stattdessen täten dies Angehörige oder ein gerichtlich bestellter Betreuer.

Was aber tun, wenn moderne Methoden der Augen- und Sehkraft-Analyse schon deshalb nicht mehr angewendet werden können, weil zum Beispiel der Kopf des Kunden nicht fixiert werden kann oder ein klassischer Sehtest mangels verwertbarer Rückmeldungen wenig Sinn ergibt? „Wir leben vom qualifizierten Dialog“, betont Grunewald. Das heißt, dass sich seine Optiker (nur der Meister hat die Zulassung, eine Brille zu verordnen; Gesellen dürfen dies nur unter Aufsicht tun) kommunikativ besonders einfühlsam auf ihre Gegenüber einlassen müssten. „Manchmal tut es weh, mit diesen Kunden zu arbeiten – da müssen sie auch ein bisschen altruistisch eingestellt sein.“ Neben der fachlichen Komponente sei diese Eigenschaft daher auch ein wichtiges Einstellungskriterium. Nicht nur ihr Wissen und soziale Kompetenz haben Grunewald und Kollegen im Gepäck, wenn sie ins Brillenmobil steigen. Beim Kunden ziehen sie aus einem Spezialkoffer neben diagnostischem Equipment auch 150 Brillenmodelle von sieben Marken. Die Gläser werden in eigenen Produktionsstätten gefertigt. Weitere Geschäftsbereiche decken spezielle Bedürfnisse von Firmen und Behörden ab. Auch Privatleute, die dann meist ins Dieburger Ärztehaus kommen, wo MG Optik gerade vom ersten Stock ins Erdgeschoss umgezogen ist, werden auf der Suche nach Bildschirm-, Lese-, Gleitsicht-, Sport- oder Sonnenbrille fündig. Zentral bleibt aber der Außer-Haus-Service mit dem Brillenmobil. Auch ein Jahrzehnt nach der eingangs erwähnten, für den Dieburger Augenoptik-Meister Michael Grunewald unternehmerisch folgenreichen Gesetzesänderung. (Jens Dörr)

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