Jugendliche setzen sich mit den Sozialen Medien auseinander

Zwischen Likes und dem echten Leben

Einmal pro Woche waren die Schüler für zwei Stunden im Präsenzunterricht.
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Einmal pro Woche waren die Schüler für zwei Stunden im Präsenzunterricht.

Dieburg – Endlich! Die Infektionszahlen in Hessen fallen, und auch ältere Schüler, die nicht einem Abschlussjahrgang angehören, können zurück in den Präsenzunterricht. Für Lehrkräfte wie Tanja Mohrhardt, die an der Dieburger Alfred-Delp-Schule (ADS) das Fach Darstellendes Spiel unterrichtet, waren die vergangenen Monate abenteuerlich. Denn ihre Schüler der E- und jetzigen Q2-Phase saßen zu Hause.

Theaterspielen im Distanzunterricht von daheim? Schwierig. Dennoch meisterte es die Pädagogin des gymnasialen Oberstufengymnasiums, in ihrem kreativen Fach abwechslungsreichen und spannenden Unterricht zu bieten – trotz der physischen Ferne. „Die Kurse waren immer zugeschaltet, alle waren einmal pro Woche für zwei Stunden präsent“, lobt Mohrhardt die Disziplin ihrer Klassen nach Monaten des Online-Unterrichts. Fazit: „Ich hänge im Lehrplan nicht hinterher, aber was fehlt, ist die Praxis.“ Und für den Einstieg ins Theaterspiel gab es für die beiden E-Kurse zwei außergewöhnliche Schulstunden mit dem Quartett des Berliner Ensembles. Nach dem Motto „wenn wir nicht gemeinsam ins Theater gehen können, dann muss das Theater in die Zimmer der Schüler kommen“, so die Pädagogin, die in Dieburg auch die Theater AG leitet.

Nach langer Suche fand die Lehrkraft das digitale Theaterprojekt „Zeig Dich/Zeig dich nicht“ des Berliner Ensembles. Eine Punktlandung. Denn das interaktive Stück rückt ein Thema mit starkem Alltagsbezug in den Fokus: die Sozialen Medien. Im digitalen Theaterstück, das mit diversen Szenen ein Patchworkmuster modernen Theaterspiels bietet und seine Zuschauer „mitnimmt“, setzen sich die vier Darsteller kritisch mit der eigenen Präsenz in den Sozialen Medien auseinander. Hier, wo mit Kniffen und Effekten eine technikaffine junge Generation mühelos aus der eigenen Person ein perfektioniertes „Ich“ entwickeln kann. Cooler, attraktiver, interessanter. Die Berliner Theaterpädagogin Mona Wahba entwickelte gemeinsam mit dem freien Kollektiv Igrateka das multimediale Format „Zeig dich/Zeig dich nicht“, das sich mit der Selbstinszenierung im Netz auseinandersetzt. „Wie zeige ich mich online oder zeige ich mich nicht? Und was haben Selbstinszenierung, Likes und Influencer:innen mit mir zu tun?“ Im digitalen Theater entlarvten Manuel Kern, Daria Malygina, Bri Anne Schröder und Mona Wahba die Diskrepanz von Schein und Sein, die in der virtuellen Welt des Internets mühelos verwischt. Was ist fake, was ist echt? Die Zuschauer wurden zu kritischen Betrachtern, die hinterfragten und über den digitalen Messenger-Dienst in den Spielverlauf eingreifen konnten. Chancen und Gefahren der Kommunikation und des Erlebens im Internet lagen hautnah beieinander.

Zum Schluss waren sich die Schüler einig. „Social Media ist gut!“, fasste es Tanja Mohrhardt zusammen, aber der Übergang zur Fälschung ist fließend. Ihre Klasse entschied sich im Chat für die Wahrheit. Bei der Wahl zwischen echter und perfektionierter Kunstperson gab es ein klares Votum: „Wir wollen die Echte.“  zah

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