800 Jahre

Dietzenbach: Gemeinsam einen Lehmofen bauen

Handarbeit ist angesagt: Paul und seine Mutter Reni Scheeben arbeiten unter Anleitung des Prähistorikers Josef Engelmann am mittelalterlichen Lehmofen.
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Handarbeit ist angesagt: Paul und seine Mutter Reni Scheeben arbeiten unter Anleitung des Prähistorikers Josef Engelmann am mittelalterlichen Lehmofen.

Die Abdrücke kleiner, eifriger Kinderhände zeichnen sich auf dem leicht angetrockneten Mörtel ab. Mit großer Sorgfalt und noch größerem Spaß setzen die Baumeister auf dem Aktivspielplatz Wilde Wiese Stein auf Stein und schaffen gemeinsam einen Lehmofen.

Dietzenbach – Im Oktober, wenn der natürliche Baustoff ausgehärtet ist, soll der Neuzugang in der Outdoor-Küche an der Schilflache eingeweiht werden. Die Arbeiten auf der Kinder- und Jugendfarm sind klar verteilt: Ein Teil der kleinen Helfer setzt die Lehmziegel aufeinander, die sie vorher anfeuchten und mit einer Art Mörtel versehen. Für den Kit zermahlt die andere Gruppe Lehmbruch zu feinem Pulver, um dieses anschließend mit gröberem Sand und Stroh zu vermengen.

Das geht mit den Füßen am besten, wie die Archäologin Sayuri de Zilva demonstriert. Der sechsjährige Paul weiß: „Die Steine müssen wir gut verputzen, da dürfen keine Löcher bleiben.“ Seine Mutter Reni Scheeben packt unter der Anleitung des Prähistorikers Josef Engelmann auch mit an. Von dem Arbeitseinsatz ihres Sohnes ist sie selbst überrascht: „Ich hätte nicht erwartet, dass Paul so konzentriert bei der Sache bleibt.“ Die Geschwister Philip und Hannah gönnen sich indes eine Auszeit auf der Wilden Wiese. Der Junge baut an einem Häuschen weiter, während das Mädchen Schalen und Teller aus Lehm formt. „Es ist wirklich toll, dass wir hier die Möglichkeit haben“, findet die Mutter der beiden Kinder.

Das Projekt steht ganz im Zeichen der 800-Jahr-Feier. Es soll den kleinen und großen Besuchern verdeutlichen, wie im Jahr 1220 Brot gebacken wurde. Florian Fiedler-Streb, Vorsitzender des Trägervereins der Wilden Wiese, verrät: „Wir werden zwar auch mal Brot backen, aber 2020 geht es auch um Pizza.“ Für die Realisierung des mittelalterlichen Lehmofens hat sich das Team Unterstützung von Umweltpädagogen und Archäologen geholt. Sayuri de Zilva hat in Frankfurt studiert, ihr Schwerpunkt liegt, wie der ihres Mannes Josef Engelmann, eigentlich auf prähistorischer Archäologie. De Zilva hat schon auf vielen Jugendfarmen im Umkreis steinzeitliche Lehmofen gebaut – das Mittelaltermodell war auch für sie etwas Neues. „Die Öfen haben sich über die Jahre natürlich weiterentwickelt, aber die Menschen haben immer das Material genutzt, das ihnen gerade zur Verfügung stand“, sagt sie.

Florian Fiedler-Streb hat etwas Material aus der Nieder-Röder Kiesgrube besorgt, doch das hätte er sich „sparen können“. Neben dem Haufen ist eine Grube, die schon in einem Meter Tiefe bestes Lehmvorkommen aufweist. „Hier floss mal der Main entlang, vor Millionen von Jahren“, erläutert der Vorsitzende. Den Dietzenbacher Peter Hesse, ein ehemaliger Lehmbauer, begeistert das Projekt. Er selbst hat über die Restaurierung der „besetzten Häuser“ in Dietzenbach von 1981 bis 1992 die Liebe zum Lehm entdeckt. Vor Kurzem hat er sein Haus aus Lehm fertiggestellt und hatte noch ein paar Ziegel übrig, die er der Wilden Wiese gespendet hat. „Das daraus jetzt so ein tolles Projekt geworden ist, habe ich mir gar nicht vorstellen können“, schwärmt Hesse. Die Leidenschaft für den ökologischen und klimafreundlichen Baustoff teilt er mit Sayuri de Zilva. „Eigentlich unverständlich, dass die Menschen irgendwann davon abgerückt sind“, findet sie.

Der Lehmofen ist nicht die einzige Aktion auf dem Aktivspielplatz an der Schilflache, die sich thematisch am Jubiläumsjahr orientiert. Vom 12. September bis zum 24. Oktober ist dort immer samstags zu sehen, wie Handarbeit vor 800 Jahren aussah. An den jeweiligen Freitagen davor hat das „Wiesencafé“ geöffnet. Dort können Eltern Kaffeespezialitäten genießen, während die Kinder herumtollen oder in der Lehmgrube kreativ werden. Für die Handarbeitskurse ist eine Anmeldung per Mail an handarbeit-wildewiese@web.de erforderlich, im Café ist jeder zwischen 15 und 18 Uhr willkommen. (Von Lisa Schmedemann)

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