„Sie stürzen sich auf alles, was sie sehen“

Aggressive Rabenkrähen sammeln sich täglich vor Hochhaus

+

Dietzenbach - Einer Anwohnerin an der Dreieichstraße machen aggressive Rabenkrähen zu schaffen, die sich täglich auf der Grünfläche vor dem Hochhaus versammeln, ihr den Schlaf rauben und Autos verdrecken. Für Dietzenbachs Vogelschutzexperten Rudolf Keil ein erklärbares Phänomen. Von Ronny Paul 

Jeden Abend gegen 18 Uhr erlebt Margarita Wiah das gleiche unheimliche Schauspiel auf der Grünfläche vor dem Hochhaus an der Dreieichstraße 21. Wenn es dämmert, hören kleine Singvögel in den Bäumen auf zu zwitschern. Kurze Zeit später verlassen auch Tauben die Bäume vor dem Hochhaus und flüchten, wohlwissend, was sich bald anbahnt. Es dauert nicht lange, dann nähert sich am Himmel ein Schwarm Rabenkrähen. Erst kreisen etwa fünf bis zehn schwarze Vögel um die Bäume und das Hochhaus. Doch mit jeder Flugrunde werden es mehr. 20, 30, 40 – nach etwa 20 Minuten sind es schätzungsweise 50 bis 60 Tiere, die hör- und sehbar die Bäume auf der Grünfläche für sich einnehmen und ihre Kreise ziehen.

„Ich fühle mich wie in Alfred Hitchcocks Film ,Die Vögel’“ , sagt Wiah. „Seit einem Jahr sind die Raben sehr aggressiv und angriffslustig“, schildert die Anwohnerin. „Die Hemmschwelle der Vögel scheint komplett verschwunden, sie halten keinen Abstand mehr und stürzen sich auf alles, was sie sehen.“ Wiah, die mit ihrer Tochter in einer Wohnung im ersten Stock wohnt, wirkt verzweifelt wegen der schwarzen Vögel. „Selbst wenn ich brülle oder Krach mache, verschwinden die Raben nicht.“ Am nervtötendsten ist für die Anwohnerin und ihre Tochter der permanente Krach, den die Vögel von sich geben, vor allem über die Nacht hinweg. „Am meisten leidet meine Tochter darunter, weil die Vögel sich auf den Fenstersims ihres Zimmers setzen und die ganze Nacht durch Randale machen“, sagt Wiah, die sich als sehr tierlieb bezeichnet, selbst einen Hund und eine Katze hat. Doch das Fass zum Überlaufen gebracht habe ein totes Eichhörnchen: „Als ich das Eichhörnchen tot aufgefunden habe, das zu mir über gewisse Zeit zutraulich geworden war, hat es mir den Rest gegeben.“ Wiah vermutet: Das war das Werk der Rabenkrähen.

„Ich kann nicht sagen, ob das Eichhörnchen direkt attackiert wurde“, sagt Rudolf Keil, Dietzenbachs Vogelschutzexperte, schließt es aber auch nicht ganz aus: „Eichhörnchen sind Nesträuber und das wissen die Rabenkrähen.“ Generell sagt Keil: „Rabenkrähen attackieren, wo es nur geht.“ Er schildert ein Beispiel von den Turmfalken, die im Turm der katholischen Kirche St. Martin eine Kinderstube haben. „Vor dem Nistplatz warten etwa 20 bis 30 Rabenkrähen und jagen jedem Turmfalken nach, der zum Brutkasten hin oder davon wegfliegt.“ Aber auch andere Vögel wie Fischadler oder Mäusebussarde werden von den Rabenkrähen attackiert: „Sie verteidigen ihr Revier“, erklärt der Vogelschutzexperte. Generell hätten Rabenkrähen nur zwei Feinde: den Uhu und den Menschen. Aber Rabenkrähen attackieren nur in der Gemeinschaft, sagt Keil: „Ein einzelner Rabe würde nie etwas machen.“ Die Aggressivität nehme somit in der Masse zu. Dabei gebe es immer einen Anführer, der den Schwarm dirigiert und etwa wie an der Dreieichstraße zum Schlafen zusammenruft. „Nach Rabenkrähen kann man die Uhr stellen“, sagt Keil.

Genau das beschreibt auch die Anwohnerin: „Erst schreit ein Rabe laut, die anderen antworten und fliegen dann im Sturzflug ihre Runden“, sagt Wiah und ergänzt: „Dann geht’s wieder von vorne los.“ Auch stört die gelernte Altenpflegerin, dass der Vogelkot sich über die nahe der Bäume parkenden Autos und auf den Gehwegen verteilt: „Die scheißen Haufen über die ganzen Fahrzeuge, das ist nur noch ekelig.“ Zum anderen lassen die Rabenkrähen bei ihren Flugrunden auch viel aus der Luft fallen: „Nüsse, Eier – alles was sie fressen, fliegt runter“, sagt Wiah, die an ihrem neuen Auto schon zwei Dellen auf dem Dach entdeckt hat. „Sie schmeißen alles auf Autos, auch während der Fahrt.“

Für Keil ein Zeichen, dass sie Nahrung im Überfluss haben. „Man darf sich nicht wundern, wenn die Population zunimmt: Sie haben genug zu essen.“ Er erklärt: „Rabenkrähen sind Allesfresser und fressen besonders gerne Abfälle aller Art.“ Daher sei es ungemein wichtig, die Vögel weder zu füttern, noch Essensreste in offene Mülltonnen oder -container zu werfen. Daher dürfe man nicht auf die Vögel schimpfen, die nach Nahrung suchen. Man müsse vielmehr schon an Kinder appellieren, nichts Essbares einfach so wegzuschmeißen. „Am besten man sensibilisiert die Kinder schon in der Grundschule, Essensreste nur in Mülltonnen zu werfen, die verschlossen sind“, sagt Keil, der nun mit Wiah bezüglich der Rabenkrähen Kontakt aufnehmen will.

Auch das Ordnungsamt hat Wiah bereits kontaktiert, erzählt sie und habe die Antwort bekommen, die Bewohner der Dreieichstraße seien selbst schuld, weil sie die Raben anfüttern würden.

Die Anwohnerin weiß nicht weiter: Ihre Schwester komme nicht mehr zu Besuch, weil sie Angst vor den aggressiven Vögeln habe. Ebenso gehe ihre Katze nicht mehr vor die Tür. Sie wünscht sich, dass die Rabenkrähen verschwinden, schließlich sei sie schon von der Dreieichstraße 34 umgezogen, weil die Vögel dort ihre Fenster ständig „zugeschissen“ hätten. „Wir sind vom Regen in die Traufe gekommen: Da hätten wir nicht umziehen brauchen.“

Keil: In der Schweiz gebe es etwa an Bahnhöfen Geräte, die hochfrequente Signale aussenden, die den Vögeln unangenehm sind und sie so von Gebäuden fernhalten. J Foto: Tettenborn/Wiki. (p)

DAS KÖNNTE SIE AUCH INTERESSIEREN

Kommentare