Alarm bringt Zecher nicht aus der Ruhe

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Dagobert Dobrowolski (rechts) erinnert an Vergangenes – und gibt Auskunft zur geplanten „ Arbeitsgemeinschaft Dietzenbacher Geschichte“ des Heimatvereins unter Telefon: (06074) 2 73 51.

Dietzenbach - Auch wenn 70 Jahre vergangen sind: Die Ereignisse der so genannten Dietzenbacher Bombennacht mit einem Luftangriff der Engländer haben sich in das kollektive Ortsgedächtnis eingebrannt. Von Barbara Scholze

Vom 20. auf den 21. September 1941 kam der Krieg in das damals kleine Dorf im Wiesengrund. Den schlimmen Stunden widmete der Historiker Dagobert Dobrowolski vom Heimat- und Geschichtsverein nun einen Vortrag. Dabei versammelte er im Museum für Heimatkunde und Geschichte mehr als 80 Zuhörer, darunter auch viele Zeitzeugen.

„In dem damaligen 3000-Seelen-Dorf herrscht eigentlich gute Stimmung an diesem Samstagabend, eine arbeitsreiche Woche ist vorbei, die Dietzenbacher freuen sich auf ihr Wochenende“, erzählte Dobrowolski. Angesagt ist ein buntes Konzert des Harmonika-Clubs „Ahoi“ im „Neuen Löwen“ an der Rathenaustraße. Die Aufführung ist gut besucht, gegen 22 Uhr verlassen die Gäste unter heiterem Geplänkel das Gasthaus. „Dann kommt der Alarm“, so der Historiker. Ein Alarm, der die Dietzenbacher erst einmal nicht aus der Fassung bringt. „Lass uns in Ruhe austrinken“, heißt es, dann krachen die ersten Bomben. „Die Katastrophe bahnt sich an“, sagt Dobrowolski; mancher im Publikum erinnert sich, nickt.

Eine Verkettung unglücklicher Umstände

Vier Flugzeuge haben das Dorf im Wiesengrund ins Visier genommen. Sie werfen Sprengbomben, Stabbrandbomben im Bündel und so genannte Phosphorkanister, die erst kurz im Einsatz sind und Verheerendes anrichten. Der Angriff trifft vor allem den alten Ortskern. Als nach zehn Minuten der Spuk vorbei ist, können die Rettungsarbeiten beginnen. „Die Feuerwehr tut, was sie kann“, erzählt der Historiker. Aber: „Dietzenbach ist ein armes Dorf und hat keine gute Ausrüstung.“ Während Offenbach über einen Entgiftungswagen verfügt, müssen die Dietzenbacher mit zwei Motorspritzen auskommen. Es folgt eine Verkettung unglücklicher Umstände. Der Feuerwehrchef kommt mit seinem Fahrrad aus Steinberg angeradelt. Als er merkt, dass seine Wehr überfordert ist, ruft er die Kreisfeuerwehr per Motorrad-Boten zu Hilfe. Die umliegenden Gemeinden organisieren Unterstützung, aber dass Wasser reicht nicht aus. Erst gegen halb zwei in der Nacht rückt der erste Löschzug aus Offenbach an. Seit Stunden kämpfen die Dietzenbacher um ihr gesamtes Hab und Gut.

Erst gegen elf Uhr am nächsten Morgen ist das Feuer gelöscht, die Wehren rücken ab. Und hinterlassen eine schreckliche Bilanz: In der Frankfurter Straße ist ein 13-Jähriger zu Tode gekommen, kurze Zeit später stirbt auch seine Mutter. Drei Häuser sind völlig zerstört, 30 weitere schwer beschädigt, 20 Scheunen vernichtet. Lapidar gibt das Oberkommando der Wehrmacht bekannt, der Angriff habe „unerhebliche Schäden“ verursacht.

„Wo Licht ist, ist auch der Feind“

Weder in Frankfurt noch in Offenbach fällt in dieser Nacht eine einzige Bombe, die Engländer vermelden jedoch Angriffe auf Frankfurt. Warum es Dietzenbach getroffen hat, ist bis heute nicht geklärt. Hartnäckig hält sich eine Theorie nach dem Motto „Wo Licht ist, ist auch der Feind.“ Vermutlich sei die Verdunklung nicht eingehalten worden, sagt Dobrowolski: „Als die Leute vom Löwensaal nachhause gegangen sind, ist ständig Licht auf die Straße gefallen.“ So dass die Engländer, die mit Kompass flogen, womöglich dachten, sie seien über Frankfurt.

Mit diesem Angriff und seinen Folgen haben die Dietzenbacher den Krieg plötzlich vor der Haustür. „Die Heimatfront hat alles bedroht, und die Menschen haben den Kampf um ihr Leben aufgenommen.“ Als erste Maßnahme bauen sie Stollen und Bunker. Die Zuhausegebliebenen, alte Männer, Frauen und Kinder, buddeln sich tief in die Erde, ein Stollen entsteht etwa auf dem Wingertsberg, mehrere Bunker an der Rathenaustraße. Fortan steht ein gepackter Koffer griffbereit neben dem Bett. Die Zeit im Bunker überbrückt manches Gespräch, dabei versuchen die Erwachsenen, den Schrecken für die Kinder abzumildern. „Natürlich hatten wir Angst, wenn die Sirenen gingen, aber da unten haben wir gesungen und gespielt und uns sicher gefühlt“, erinnert sich Ilse Altmannsberger.

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