Albtraum vom Krieg der Rechte

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Der Maestro und sein Schatz: Sechs Minuten Filmmaterial sind Regisseur Bernd Kammermeier übrig geblieben.

Dietzenbach ‐ Es hätte Europas Antwort auf „Star Wars“ werden können: Anfang der 80er Jahre wollte der Dietzenbacher Filmproduzent Bernd Kammermeier mit seiner „Astro Saga“ Hollywood herausfordern. Von Sascha Reichelt

In die Kinos hat es das einstige Millionenprojekt jedoch nie geschafft. Abgehalten hat den Schöpfer ein ganz anderer Krieg: der um die Rechte... Ein Hauch von ganz großem Kino weht durch das kleine Café nahe dem Bahnhof, als Bernd Kammermeier über sein „Meisterwerk“ referiert. Kein Laptop sorgt für die visuelle Stimulation – die „Astro Saga“ spielt sich allein in Kammermeiers Erzählungen ab, der einen schlichten Kaffee bestellt und drei staubige Filmrollen umklammert, als wären sie „sein Schatz“ – was sie sicherlich auch sind.

„Es hätten drei Teile werden können“, sagt der 53-Jährige, räuspert sich und fügt hinzu: „Aber unter Umständen auch in einem Film gefasst“. Kammermeier hat Erfahrung in seinem Beruf; er gehört schon lange zu den Profis. Nach seinem Abschluss an der „Hochschule für Gestaltung“ in Offenbach hat er sich voll und ganz der Tricktechnik und dem Modellbau gewidmet. So stammt etwa die Freiheitsstatue aus einer bekannten UHU-Werbung von ihm. Auch für Hollywood hat er schon gebastelt: Sein „X-Wing“ in Originalgröße wurde für eine Promotiontour von „Star Wars – Episode Eins“ verwendet. Zahlreiche weitere Erfolge wie die Beteiligung an ZDF-Dokumentationen oder dem Kinofilm „Die unendliche Geschichte 3“ folgten. Erfolge, die sein junges Unternehmen „Panasensor“ aufblühen ließen, welches insbesondere für die spezielle frei bewegliche Kameraführung bekannt war. Doch trotz allen Fortschrittes hat es Kammermeiers eigentliches Findelkind, die „Astro-Saga“, nie auf die Leinwand geschafft, was er selbst bedauert.

Von den Urzeiten bis in die fernste Zukunft

Bereits im Alter von 25 Jahren keimten in dem Science-Fiction-Fan der Wille und die eventuell vorhandene „Macht“ auf, ein eigenes gigantisches Weltraum-Spektakel zu kreieren. „Alles fing mit einzelnen Bildern an“, sagt er. Teilweise aus Träumen entsprungen, welche zusammengesetzt die Geschichte erzählten. Abseits vom üblichen Film-Plot – dem ständigen Kampf zwischen Gut und Böse – wagte es Kammermeier, tiefer in die Geschichte aller Existenz hinab zu tauchen und plante bewusst keine 08/15-Raumschiff-Schlacht: „Es ist eine Sternensaga, die einen gewaltigen Zeit- und Lebensraum abdeckt, von den Urzeiten bis in die fernste Zukunft.“ Durch die Handlung würden gegensätzliche Charaktere führen, „die schicksalshaft in diesen kosmischen Strudel der Ereignisse geschleudert wurden“. Es sei eine Saga von, für und über Menschen.

Gleich der gewaltigen Faszination wurde schon damals ebenso kräftig die Werbetrommel gerührt. Die Bildzeitung titulierte im Jahr 1985: „Frankfurter macht Hollywood Konkurrenz“. Und auch Journalist Kai Mayer, mittlerweile selbst erfolgreicher Genre-Autor, befasste sich in der „Film-Illustrierten“ mit dem Phänomen „Astro Saga“. Lief anfänglich alles gut, hatte Kammermeier einen Investor sowie einen Vorvertrag mit den MGM-Studios, scheiterte das Projekt letztlich am Rechtsstreit. „Jemand schlich sich ein“, deutet er die Prozedur an, dürfe jedoch keine Namen nennen.

„Alles Kindergarten“

Übrig blieben ihm lediglich sechs Minuten Filmmaterial – der Anfang des Films. Die Geschichte beginnt mit dem seltsamen Fund eines urzeitlichen Reliktes in einer von Menschen belebten Asteroiden-Mine, die wiederum ein intergalaktisches Signal aussendet. Diese ersten Sequenzen wurden bereits Ministerpräsident Roland Koch sowie Comedy-Star „Bully“ Herbig vorgespielt – in der Hoffnung auf Unterstützung durch den deutschen Filmfonds. Indes fließe ein Großteil des deutschen Geldes „sowieso nach Hollywood“, meint Kammermeier.

Mit der simplen Frage „Was wurde eigentlich aus der Astro Saga?“ eröffnet fast 30 Jahre später ein unscheinbarer Blogger namens „Wortvogel“ eine Diskussion im Web, die ihr öffentliches Eigenleben entwickelt. In seinem fünfteiligen „Bestseller“ analysiert der Schreiber Kammermeiers Werk bis ins Detail. Sein Urteil ist ernüchternd: Es gelinge dem Regisseur nicht, über das technische Element hinaus zu gehen. Zudem habe er „ein limitiertes Verständnis“ für den Aufbau einer Geschichte.

Diese Kritik lässt sich Kammermeier jedoch nicht gefallen, weshalb sich der Blog überhaupt erst zum Wortgefecht und letztlich zum Dauerbrenner entwickelt. Kammermeier kontert: Jener Autor sei in gewisser Weise ein Neider und stütze sich auf eine veraltete Version seines Skriptes. „Alles Kindergarten“, ließe sich behaupten, wäre nicht „Wortvogel“ als „Writer & Director“ bei einer Münchner Firma bekannt, der bereits bei vielen ZDF- und Pro-Sieben-Produktionen mitwirkte, Kinokritiken für den Playboy schrieb und Romane zu amerikanischen Fernsehserien übersetzt.

„Bester nie vollendeter Film aller Zeiten“

Nichtsdestotrotz: für Kammermeier bleibt der Traum erhalten. Vielleicht ließe sich ein Roman veröffentlichen oder eine ganze Serie. So ganz ist er sich da noch nicht sicher. Falls sich doch eines Tages ein vertrauenswürdiger Investor fände, würde er die alten Aufnahmen auf jeden Fall verwenden. Denn tatsächlich gibt es auch inhaltlich einen beliebig setzbaren Zeitsprung. „Das wäre doch einmalig! Es würde dann tatsächlich auch die gleiche Schauspielerin auftreten – um echte Jahrzehnte gealtert.“

Doch bis es so weit ist, bleiben die sechs Minuten „Astro Saga“ auf ihren Filmrollen gebannt und für viele sehnsüchtig wartenden Science-Fiction-Fans der „beste nie vollendete Film aller Zeiten“. Leider gibt es für diese Kategorie keinen Oscar.

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