Philipp Wurm starb im Mai 1935 im Dieburger Zuchthaus

Der allerletzte Stolperstein

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Horst Schäfer, Mitglied der Initiative „Aktives Gedenken in Dietzenbach“ (links), und Künstler Gunter Demnig verlegen den Stolperstein für Philipp Wurm.  

Dietzenbach - In der Kreisstadt ist gestern der 23. sogenannte Stolperstein verlegt worden. Die Aktion erinnert an die Opfer des Nationalsozialismus in Dietzenbach. Mit dabei war der Künstler und Initiator der europaweiten Stolperstein-Initiative, Gunter Demnig. Von Barbara Scholze 

Horst Schäfer, Mitglied der Initiative „Aktives Gedenken in Dietzenbach“ (links), und Künstler Gunter Demnig verlegen den Stolperstein für Philipp Wurm.  

Es sah so aus, als sei der letzte Stolperstein lange verlegt und die Gedenkaktion zumindest in der Hinsicht abgeschlossen. Doch dank der akribischen Recherchen von Horst Schäfer, Mitglied der Initiative „Aktives Gedenken in Dietzenbach“, hat sich herausgestellt, dass es eines weiteren Schicksals zu gedenken gilt: Philipp Wurm, Mitglied der großen Familie um Heinrich Wurm II, starb im Alter von nur 22 Jahren als Opfer des nationalsozialistischen Systems im Zuchthaus Dieburg unter bis heute ungeklärten Umständen. Grund genug für den Gedenkkreis, einen Mahnstein den existierenden 22 hinzuzufügen. Genau vor dem ehemaligen Elternhaus des jungen Mannes am Platz der Republik Nummer 4. Extra angereist für die gestrige Aktion in Dietzenbach war der Künstler und Initiator der Stolperstein-Initiative, Gunter Demnig. In einem verbindenden Kunstprojekt bringt er seit dem Jahr 1992 europaweit kleine Messingtafeln in den Boden vor den Wohnhäusern von NS-Opfern ein.

„Die Steine geben den oft vergessenen Mitbürgern Namen und Würde zurück und halten den Betrachter zum Nachdenken an“, so Artus Rosenbusch vom Gedenkkreis. Das gebühre nun auch Philipp Wurm. Nach den Spuren des jungen Bewohners im damals kleinen Dorf Dietzenbach hatte Horst Schäfer ausgiebig geforscht. „Dabei hat mir Heinz Wurm, einer seiner Nachfahren, sehr geholfen“, bedankte er sich bei dem ebenfalls Anwesenden.

„Philipp Wurm wird am 26. Juli 1912 in Dietzenbach geboren“, erzählte der Heimatforscher. Er ist das zehnte von insgesamt 13 Kindern des Maurers Heinrich Wurm und seiner Ehefrau Maria, geborene Weilmünster. „An Ostern des Jahres 1918 wird der kleine Philipp dann in die damalige Volksschule eingeschult“, berichtete Schäfer weiter. Er sei ein braver und begabter Schüler gewesen. Ersichtlich ist das unter anderem in einem Zeugnis, das dem Buben durchgehend die Note 2 in Betragen, Befähigung, Deutsch und Schönschreiben sowie Turnen erteilt.

Leider sei über den späteren Beruf von Philipp Wurm nichts herauszufinden, bedauerte Schäfer. Angegeben sei bei seiner Hochzeit lediglich die Bezeichnung „Hilfsarbeiter“. Das sei eventuell zu bescheiden, meinte der Rechercheur. „Wir wissen etwa, dass Wurm bereits ab 1933 ein eigenes Auto hatte.“ Das habe ihn unter anderem zu einem regelrechten Mädchenschwarm gemacht. Sportlich begabt, spielt Wurm in der 1. Mannschaft des Fußball-Sportvereins Dudenhofen. Dort begegnet er auch Elisabethe Mahr, seiner großen Liebe. Wie seine Eltern auch, ist die Angebetete mit ihrer Familie politisch eher links ausgerichtet. Elisabethe gilt als aktiv in der „Sozialistischen Arbeiterjugend“ und hat Kontakt zu NS-Widerständlern.

Bilder aus Rodgau

Großes Interesse an ersten „Stolpersteinen“

Philipp und Elisabethe heiraten im Februar 1935 auf dem Standesamt und ziehen in das Elternhaus des jungen Mannes. Kurz zuvor hat das NS-Regime den Nazi-Bürgermeister Heinrich Fickel eingesetzt. „Er hat eine sehr radikale Art und agiert mit Faustrecht“, so Schäfer. Mindestens drei Fälle seien bekannt, in denen er jüdische Bürger die Rathaustreppe hinunter prügelte. Dem jungen Ehepaar ist unter diesen Umständen kein Glück vergönnt. Völlig unvermittelt wird Philipp Wurm aufgrund seiner anti-nationalsozialistischen Haltung im Mai festgenommen und ins Zuchthaus nach Dieburg gebracht. Dort stirbt er am 29. Mai 1935. Über die Umstände seines Todes ist nichts dokumentiert. Die NS-Machthaber verbreiten die Nachricht, Philipp Wurm habe sich erhängt. „Daran glaubt aber niemand“, stellt Schäfer fest.

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