1. Startseite
  2. Region
  3. Dietzenbach

Auf den Spuren vertriebener Vorfahren

Erstellt:

Von: Barbara Scholze

Kommentare

Im Eckhaus an der Kreuzung Bahnhofstraße/Wilhelm-Leuschner-Straße wohnte die jüdische Familie Wolf.
Im Eckhaus an der Kreuzung Bahnhofstraße/Wilhelm-Leuschner-Straße wohnte die jüdische Familie Wolf. © scho

Eine für alle Beteiligten aufwühlende Begegnung hat sich kürzlich in der Dietzenbacher Altstadt abgespielt. Die Nachkommen vertriebener Juden schauten sich die Heimat ihrer Vorfahren an.

Dietzenbach – Vor dem Eckhaus an der Kreuzung Bahnhofstraße und Wilhelm-Leuschner-Straße begrüßt der ehemalige Richter Horst Schäfer, bekannt für seine Aufarbeitung der jüdischen Geschichte der heutigen Kreisstadt, Besucher aus der Schweiz. Staunend stehen Matthew Wolf und seine Familie vor dem ehemaligen Haus seiner Urgroßeltern, Hermann und Emma Wolf, in dem Matthews Großvater Alfred aufgewachsen ist.

Die junge Familie stammt aus Amerika und lebt seit einem knappen Jahr in Genf. Nun hat sie sich auf die Spuren der Vorfahren begeben. Im Gespräch mit Schäfer, der das Buch „... und tilg nicht unser Angedenken“ geschrieben hat, stellt sich heraus, dass die Besucher kaum etwas von den furchtbaren Tragödien wissen, die sich während des Naziregimes vor und in dem Wolfschen Gebäude abgespielt haben. „Mein Großvater hat nie über die Ereignisse in seiner Heimat reden wollen“, erzählt Matthew Wolf.

Gemeinsam mit sechs Geschwistern wächst Alfred Wolf lange Zeit behütet in dem kleinen Dorf Dietzenbach auf. Sein Vater arbeitet als Viehhändler und steht der örtlichen jüdischen Gemeinde vor. Die Familie hat ihren festen Platz im Dorf, ist wohlhabend und gilt als großzügig. Das ändert sich radikal mit der Herrschaft der Nationalsozialisten. Hermann Wolf muss sein Geschäft aufgeben und wird zu Ostern 1937 Opfer eines Pogroms, angezettelt durch den damaligen Nazi-Bürgermeister Heinrich Fickel. Eine Auswanderung nach Amerika überlebt Hermann Wolf nicht. Er stirbt während der Überfahrt. „Den Überfall durch die Nazis auf sein Elternhaus und all die furchtbaren Dinge, die vorhergegangen sind, hat Alfred Wolf natürlich auch erlebt“, erzählt Horst Schäfer den sichtlich ergriffenen Nachfahren. „Jetzt verstehe ich viel mehr, etwa warum mein Großvater sich immer geweigert hat, Deutsch zu sprechen“, sagt Matthew Wolf.

Alfred Wolf wird am 25. Januar 1918 in Dietzenbach als viertes Kind der Viehhändlerfamilie geboren. Er besucht die örtliche Volksschule und später die Höhere Schule in Offenbach. Als die antisemitischen Pöbeleien überhand nehmen, muss er die Schule vorzeitig verlassen. Da das Geschäft seines Vaters, in das er gerne eingestiegen wäre, bereits vom Zwangsverkauf bedroht ist, sucht er eine Lehrstelle. Aber die Lehrherren nehmen ihn nicht auf, sodass er schließlich bei einem jüdischen Bäckermeister in Frankfurt landet. In einer späteren Biografie für die Entschädigungsbehörde schreibt er: „Ich konnte mich natürlich nicht so ausbilden, wie das bei einem arischen Bäcker der Fall gewesen wäre. Diese traurige Tatsache blieb für mich ein dauerndes Hindernis.“

Auch diesen Bericht, den Schäfer im Rahmen seiner Recherchen gefunden hat, muss Matthew Wolf bei seinem Besuch in Dietzenbach erst einmal einordnen. „Eigentlich war die Familie immer sehr stolz auf den Bäckerberuf des Großvaters und ich dachte, er selbst war das ebenfalls“, sagt er. Wie seine Eltern wandert Alfred Wolf schließlich nach Amerika aus. Anfangs verdient er in dem fremden Land kaum etwas und muss mit rund 20 Dollar in der Woche auskommen. Erst als in späteren Jahren auch in der neuen Heimat USA Bäcker verstärkt gesucht werden, kann Alfred eine Familie gründen. Er heiratet im Jahr 1941, einige Jahre später werden seine beiden Kinder Ellen und Harvey geboren. Harvey ist der Vater von Matthew Wolf.

Im April 1999 ist Alfred Wolf im Alter von 81 Jahren in Amerika gestorben. Sichtlich gerührt betrachten seine Nachfahren bei ihrem Besuch am Dietzenbacher Stammhaus die Stolpersteine, die in den Boden eingelassen an die Wolfs erinnern. Der Kontakt in der Familie sei gut, erzählt Matthew, unter anderem zu Jakim Notea, dem Sohn von Alfreds Schwester Irene, der in Köln lebt und enge Kontakte nach Israel pflegt. „Ich habe jetzt viele neue Informationen bekommen, die ich erst einmal verarbeiten muss“, stellt er fest.

Hilfreich werde ihm dabei sicher das Buch von Horst Schäfer sein, der mehr als 600 Seiten dem Schicksal der Dietzenbacher Juden gewidmet hat. Aber auch Autor Schäfer profitiert nachhaltig von der Begegnung: Mit manchem neuen Wissen aus dem Austausch kann er nun seine Aufzeichnungen der einzelnen Biografien ergänzen.

Auch interessant

Kommentare