Nur in gute Hände abzugeben

Bahnhof steht nach zwölf Jahren wieder zum Verkauf

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Der alte Bahnhof

Dietzenbach - Es war ein Hin und Her damals mit dem alten Bahnhof an der Eisenbahnstraße. Erst wollte ihn die Stadt der Bahn AG abkaufen, dann doch nicht mehr. 1898 erbaut und eingeweiht, ging das über 100 Jahre alte Backsteingebäude letztendlich im Jahr 2005 an Angel Lacruz. Doch der möchte den Bahnhof nach zwölf Jahren wieder freigeben. Von Carolin Henneberg 

Es ist wie ein Schritt in die Vergangenheit, wenn man die Schwelle des drei mal drei Meter großen Eingangstores am alten Dietzenbacher Bahnhof überschreitet. Ein Hauch Nostalgie weht durch den Eingangsbereich, wo einst Angestellte am Fahrkartenschalter die Bahnreisenden begrüßten. Im Juni 1982 um 18.21 Uhr – mit zwei Minuten Verspätung – verließ schließlich der letzte Zug den Bahnhof. Über 20 Jahre stand das Gebäude danach leer. Auch die Gleise lagen still – bis die S-Bahn kam. Ein kleines Seitenfenster gibt auch jetzt noch den Blick auf die Bahnschienen frei. „Von dort aus beobachtete der Bahnhofswärter den einfahrenden Verkehr“, sagt Angel Lacruz, derzeitiger Besitzer des teilweise denkmalgeschützten Gebäudes.

Historisch und doch modern: Die Wohnung im zweiten Stock des alten Bahnhofs, wo einst der Eisenbahnwärter lebte.

Seit zwölf Jahren lebt der gebürtige Nieder-Rodener im alten Bahnhof. Viel Zeit, Liebe und auch Geld hat er investiert, um dort wieder alles auf Vordermann zu bringen. 2004, um Weihnachten herum, haben Vandalen im Gebäude-Inneren gewütet, Heizkörper zerschlagen und sogar ein Feuer gelegt. Der Schwelbrand im Dachstuhl habe damals erheblichen Schaden angerichtet, sagt Lacruz. „Es klaffte ein Riesenloch im Dach, durch das es hineinregnete.“ Doch er kaufte den Bahnhof trotzdem, das Schmuckstück war es ihm wert: „Ich wollte immer ein kleines Café eröffnen und aus der großen alten Gepäckhalle, die sich dem Wohnhaus anschließt, eine Motorradwerkstatt machen.“ Doch geworden ist daraus leider nie etwas: „Den Traum hatte ich, als ich noch ohne Familie war.“ Dann habe einfach die Zeit gefehlt.

Gemeinsam mit Freunden trug er während der Renovierungsarbeiten rund 20 Tonnen Schutt aus dem Gebäude. „Und das alles Eimer für Eimer, weil wir keine Schuttrutsche oder Sonstiges anbringen konnten.“ Zwei Wohnungen mit einer Gesamtfläche von etwa 150 Quadratmetern gibt es in dem über 100 Jahre alten Haus. In einer wohnt der 50-Jährige noch mit seiner Tochter. Die andere steht bereits leer. „Früher haben die Eisenbahnaufseher hier gelebt“, erzählt Angel Lacruz, der das Liebhaber-Objekt nun wieder verkaufen möchte.

Damals als Gepäckhalle hochgezogen, dient der Bau momentan lediglich als Abstellraum. Noch-Eigentümer Angel Lacruz (rechts) und Makler Heinz Stöcklein wünschen sich, dass sie wieder belebt wird.

„Für mich ist es Zeit, was Neues anzugehen“, sagt der Familienvater. „Hier muss wieder was passieren, der Halle sollte zu altem Glanz verholfen werden, hier muss Leben rein.“ Aber dafür sei er der Falsche: „Ich will den Bahnhof nicht länger blockieren.“ Er gehe mit einem lachenden und einem weinenden Auge: „Wir haben tolle Sachen hier erlebt.“ So habe einmal ein Italiener morgens um 2 Uhr auf dem Bahnsteig Arien gesungen: „Der hatte eine super Stimme“, erinnert sich Lacruz und schmunzelt. Doch gebe es nicht nur schöne Geschichten zu erzählen: „Die S-Bahn stört zwar gar nicht, die hört man kaum. Was aber nerven kann, sind die Fahrgäste.“ Außerdem wünscht er sich, dass die Menschen den Wert eines historischen Gebäudes mehr schätzen und sich Schmierereien an den Wänden oder das Einwerfen von Fensterscheiben sparen.

Dass Lacruz’ Herz für Historisches schlägt, hat er mit dem Kauf des alten Bahnhofs bewiesen. Das denkmalgeschützte Eingangstor sowie die Empfangshalle hat er im Stil von damals restaurieren lassen. „Für die große hölzerne Tür und den passenden Rahmen ist der Wert eines Kleinwagens draufgegangen“, verrät er. Eine Besonderheit ist auch das kleine Badezimmer im Flur des ersten Stocks: „Hier hängt das älteste Pissoir der Stadt“, sagt der 50-Jährige und zeigt in die Ecke des kleinen Raumes. „Das habe ich extra so gelassen.“ Auch das Fenster dort ist noch original, „alle anderen sind modernisiert und ausgetauscht“.

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Dietzenbachs älteste Toilette

Für seinen Bahnhof wünscht er sich: „Dass er in gute Hände kommt und ihn jemand kauft, der gut hierher passt.“ Außerdem hat Lacruz noch eine Bitte an den zukünftigen Eigentümer: Einmal in der Woche, immer donnerstags von 15.30 bis 17 Uhr, komme ein Obst- und Gemüsehändler, der seinen Stand vor dem Gebäude aufbaue. „Er hatte damals schon die Genehmigung der Bahn, und ich habe es ihm auch gerne erlaubt, seine Waren dort weiter anzubieten.“ Er hoffe, dass auch der neue Besitzer nichts dagegen hat, „denn er hat einfach die weltbesten Äpfel“.

385.000 Euro soll der Bahnhof kosten. Wer sich für das Schmuckstück interessiert, meldet sich beim Makler unter 0171/6206381 oder heinz.stoecklein@postbank.de.

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