Heinz Lewandowski blickt aus der Sicht eines Kabarettisten auf die Politik

Bissige Sprechblasen

Ein Teil des Kabarett-Duos „Die Sprechblasen“: der Dietzenbacher Heinz Lewandowski. Foto: WACHTER

Dietzenbach – Heinz Lewandowski arbeitet sich gerne an politischen Themen ab, besonders an der SPD. Bei dem Leserbrief, den er unserer Zeitung schickte, hätte jedenfalls wenn überhaupt die Einleitung ins gängige Format gepasst. VON CHRISTIAN WACHTER

Von der Agenda 2010 bis zum Erneuerbare-Energien-Gesetz und von Krankenversicherungsbeiträgen bis zur Mietpreisbremse bildet er die jüngere Geschichte der Sozialdemokratie aus seiner Sicht ab. Im Resümee schreibt er: „Die sozialdemokratische Haltung ist nahezu vollständig verloren gegangen. “ Wenn man den 62-Jährigen bei Kaffee und Kuchen am Esstisch erzählen hört, wirkt er aber mehr wie ein verletzter Idealist als jemand, der einfach nur draufhauen möchte, mehr wie der Schlichter als der Streitsuchende.

Sein Interesse für Politik trägt Lewandowski längst nach außen, zusammen mit Marion Diefenbach als ein Teil des Kabarett-Duos „Die Sprechblasen“. Angefangen hat alles im Bürgerhaus, bei einem Kabarett-Workshop vom heutigen Theater-Häuptling Reiner Wagner. Danach formierte sich die Kabarett-Gruppe „Löwenzahm“, von 2002 bis 2009 probte diese auf dem Wingertsberg. Als sich die Gruppe auflöste, wollten Lewandowski und Diefenbach weitermachen – und so gründeten sie die „Sprechblasen“. In ihren Programmen schlüpfen sie gerne in Rollen, verkörpern Engelchen und Teufelchen, Pflegekräfte oder Abgeordnete. „Das macht es einfacher, wenn man indirekt über die Dinge sprechen kann“, sagt Lewandowski.

Wer auf Schenkelklopfer und die eine Pointe zum schallend Lachen hofft allerdings, der könnte bei den Sprechblasen an der falschen Adresse sein – wenn die beiden einen Pflege-Marathon darstellen etwa, bei dem das Personal im Kampf gegen die Uhr versucht, 42 Patienten zu versorgen und Verstorbene letztlich aus Zeitgründen erst einmal in der Küche abmeldet, damit dort die Listen fürs Essen stimmen. „Das richtet sich natürlich nicht gegen die Leute, die pflegen, die reißen sich den Hintern auf.“ Seine Vorbilder überraschen da nicht, er zählt Volker Pispers, Max Uthoff und Dieter Hildebrandt auf. Wenn Hagen Rether die Neuauflage seines Programms „Liebe“ im Capitol präsentiert, ist Lewandowski immer unter den Zuschauern. Manchmal, erzählt er, kommen die Leute zu ihnen und sagen, dass sie auch schon mal lustiger gewesen seien.

Das erste Mal aus der SPD ausgetreten ist Lewandowski 1992. Im vergangenen Jahr trat er noch einmal ein. „Ich wollte nicht irgendwann ins Senkenberg-Museum gehen müssen, um den letzten SPDler zu sehen.“ Schnell habe er aber gemerkt, dass sich Parteimitgliedschaft und seine Kabarettauftritte nicht gut miteinander vertragen. Politik sagt er, werde heute nicht mehr von der Basis getrieben, sondern sei dem Lobbyismus ausgeliefert. „Die Beliebigkeit des politischen Handelns ist ein Problem, es gibt keinen Zusammenhang mehr zwischen dem, was ich wähle, und dem, was am Ende dabei raus kommt.“ Gerade auf einmal rund eine Million Mitglieder brächten es die Parteien in Deutschland insgesamt, „da lachen sich der ADAC oder der DFB doch schlapp“. Die AfD, kritisiert er, argumentiere oft „haarscharf unter der Strafbarkeitsgrenze – und das wird dann auch noch in den Medien wiederholt“.

Lewandowski ist inzwischen so etwas wie ein Teilzeit-Dietzenbacher, mehrere Tage in der Woche verbringt der gelernte Ingenieur in Gunzenhausen, wo er bei der Firma Bosch eine Trainingsakademie leitet. Den in Mittelfranken liegenden Ort kannte er nicht, bevor er seine Unterlagen losschickte. Zweimal wurde er schon in einem Alter arbeitslos, in dem man gerade bei Personalern nicht mehr als jung gilt. Zweimal hat er wieder einen Job gefunden – und dafür 450 Bewerbungen geschrieben. „Man darf nicht den Rhythmus verlieren, ich bin morgens um sieben Uhr aufgestanden und habe acht Stunden gearbeitet.“ Der Preis sei nun, dass er nicht mehr in der Umgebung arbeiten könne. Und auch was Auftritte angeht, wird man durch einen solchen Weg zur Arbeit natürlich nicht flexibler. Der gebürtige Kölner hat in Hamburg studiert und dort seine Frau kennengelernt. 1988 zogen sie nach Dietzenbach. Er habe sich immer wohlgefühlt in der Kreisstadt, noch ein Ortswechsel vor der Rente sei deshalb nicht für ihn infrage gekommen.

Als Gerhard Schröder die Agenda 2010 vorstellte, da habe er noch gedacht, das sei schon in Ordnung so. Heute bezeichnet er in seiner Abhandlung Hartz IV als „prominentesten Fehltritt der SPD“. Und ob Post, Bahn oder Krankenhäuser – durch Privatisierungen habe sich nichts verbessert.

Was die kommunale Ebene angeht, müsse man bei Fragen, ob es nun einen Kreisverkehr oder eine Kreuzung braucht, eher auf den Menschenverstand als auf die Gesinnung setzen, sagt er, ohne die Debatte um die L  3001 verfolgt zu haben. „Damals, beim Rattenkreisel zum Beispiel, da kann man sich drüber aufregen, muss es aber nicht.“

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