Brandbrief aus Dietzenbach

Personalrat kritisiert Kultusministerium scharf – „ein neuer Tiefpunkt“

Ein Lehrer unterrichtet im Lehrerzimmer am Laptop. Für den Fernunterricht nutzt er sowohl Laptop als auch Ipad.
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Der Digitalunterricht baut auf das Engagement und die technische Kompetenz der Lehrkräfte auf.

Ein Offener Brief offenbart die Wut des Personalrats der Ernst-Reuter-Schule über das Kultusministerium.

Dietzenbach – Es ist ein Offener Brief, der es in sich hat und der eine gehörige Portion Ärger und Wut offenbart: „Das Kultusministerium ist in vielerlei Hinsicht seiner Aufgabe nicht oder nur verspätet nachgekommen, Schulen mit Rahmenbedingungen auszustatten, die schülerorientierten Unterricht und pädagogische Arbeit auch bei physischer Distanz ermöglichen“, kritisiert der Personalrat der Dietzenbacher Ernst-Reuter-Schule (ERS) die Schulpolitik der Landesregierung in Pandemie-Zeiten.

„Mehr als einmal sahen sich Schulleitung und Kollegium fassungslos freitags nachmittags mit Anweisungen konfrontiert, die ab dem folgenden Montag gelten sollten“, lautet ein allgemeiner Kritikpunkt des ERS-Kollegiums. Bereits in der Vergangenheit hatte Schulleiter Georg Köhler Kritik an der Corona-Politik des Kultusministeriums geübt, Anlass für die geballte Empörung und letztendlich auch für den Offenen Brief aus Dietzenbach ist nun ein dreiseitiges Schreiben von Kultusminister Alexander Lorz aus Wiesbaden.

Dietzenbach: „Äußern Sie Freude, Ihre Schülerinnen und Schüler wiederzusehen“

Es trägt den Titel „Psychosozialer Wiedereinstieg in den Präsenzunterricht“ und ist als „schulpsychologische Empfehlungen für Lehrkräfte“ gedacht. Dort finden sich Tipps wie: „Äußern Sie Freude, Ihre Schülerinnen und Schüler wiederzusehen“. Schulische Alltagsstruktur stehe für Regelmäßigkeit, Routine, Rituale und Kontinuität. „Insbesondere Schülerinnen und Schüler, die monatelang im Distanzunterricht beschult wurden, haben diese Strukturen nicht mehr präsent oder ängstigen sich vielleicht sogar davor“, heißt es. „Seien Sie gelassen mit sich und Ihren Schülerinnen und Schülern, wenn nicht alle Strukturen sofort wieder abrufbar sein sollten“, empfiehlt das Ministerium.

Das Schreiben aus Wiesbaden stelle „einen neuen Tiefpunkt“ dar und sorge für „große Frustration“ im Kollegium kritisiert der ERS-Personalrat. „Nicht nur ist es wieder einmal deutlich zu spät, den Schulen solche Handlungsempfehlungen zukommen zu lassen; die Klassen 5 und 6 sind bereits seit Ende Februar, die restlichen Klassen seit der Vorwoche des Schreibens zurück im Präsenzunterricht.“ Die Tipps und Empfehlungen seien ein Zeichen „absoluter Unkenntnis der Verantwortlichen“, das Schreiben strotze nur so vor Plattitüden. Das Ministerium beschränke sich vor allem darauf, „sich gegen das Verhalten seiner Beschäftigten rechtlich abzusichern“.

Personalrat der Ernst-Reuter-Schule in Dietzenbach kritisiert Kultusministerium scharf

Ein Hinweis auf die Unterstützungssysteme erscheine wie Hohn, denn die Schule arbeite bereits lange mit den genannten Stellen zusammen. „Auch hier ist offenbar die Realität im Kultusministerium nicht bekannt: Alle genannten Unterstützungssysteme sind schon im Alltag vor Corona heillos überlastet gewesen und haben jetzt keine zusätzliche Ressourcen erhalten – weder finanziell noch personell.“

Das Kollegium der Kooperativen Gesamtschule nennt weitere Beispiele, wie sich die Lehrkräfte von der Politik während der Pandemie im Stich gelassen fühlten: Um über die „ständig neuen Regelungen“ zu informieren, habe man Kommunikationsmöglichkeiten wie Messengerdienste selbst etablieren und finanzieren müssen, da das Ministerium es „bis heute nicht geschafft hat, offizielle Strukturen zu schaffen, die auch alltagstauglich sind“.

Ernst-Reuter-Schule in Dietzenbach: Anerkennung gefordert

Den Lehrkräften fehlt die Wertschätzung aus Wiesbaden:. „Was wir bräuchten, wäre echte Anerkennung unserer Professionalität und das Gefühl, dass man uns Vertrauen entgegenbringt.“ Das ERS-Kollegium fordert eine Reduzierung der Pflichtstundenzahl, kleinere Klassen, und die Möglichkeit, „als Schule selbst pädagogisch sinnvolle Entscheidungen zu treffen, die auf die eigene Schülerschaft zugeschnitten sind.“

Man nehme „mit Bedauern“ zur Kenntnis, dass das Schreiben den Unmut des Personalrats der Ernst-Reuter-Schule erregt habe, heißt es aus dem Kultusministerium auf Nachfrage unserer Redaktion zu dem Brandbrief aus Dietzenbach. Ziel sei gewesen, den Lehrkräften einfache Empfehlungen zu geben, um den Fokus „auf die psychischen Befindlichkeiten“ der Kinder und Jugendlichen zu legen, was besonders für die Klassen 7 bis 10 gelte, die seit mehreren Monaten nicht mehr in der Schule waren. „Da es auch positive Rückmeldungen auf die Empfehlungen gab, ist davon auszugehen, dass sie inhaltlich nicht ganz unpassend waren“, rechtfertigt ein Sprecher das Schreiben. (Von Niels Britsch)

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