Vertretung für Ahnungslose

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„Wortreich“ heißt die Talk-Show, in die „ Hubert Unwirsch“ geladen wurde, um zum Thema Korruption zu sprechen. Und äußerst wort- wie geistreich gestaltet Bruno Jonas sein Bühnenprogramm.

Dietzenbach - Auf der einen Seite ist er der große Kommunikationsmacher. Der Mann, der die Verständigung zwischen einem Dritte-Welt-Land und einem Konsortium deutscher Unternehmen einfädelt. „Wissen Sie, es ging dabei um Entwicklungsgelder. . .“ Von Enrico Sauda

 Deshalb soll Hubert Unwirsch alias Bruno Jonas eine neue Identität erhalten und untertauchen. Auf der anderen Seite ist er aber auch ein Mann, der nicht mit seiner Frau sprechen will, der ihr die Kommunikation verweigert. Er ist aber auch ist in einer Zwickmühle – zwischen Zwetschge, der Freundin und Richterin, die ihm durch ihr Urteil zu einem neuen Leben verhilft, und Noch-Ehefrau Traudel, die mit seinem ehemaligen Geschäftspartner nach Brasilien durchgebrannt ist. Ganz prekär wird die Situation, als Traudel überraschend nach München kommt.

Das ist der Rahmen, den der aus Fernsehen und Radio bekannte Kabarettist Bruno Jonas in seinem gut zwei Stunden währenden Programm „es geht weiter...“ im ausverkauften großen Saal des Bürgerhauses aufbaut, in dem er eine unheimliche Bandbreite an Themen abdeckt. Mit atemberaubendem Tempo kommt er von einem aufs andere zu sprechen. Aber nicht im Plauderton. Dabei dominiert beim Niederbayern sein Markenzeichen: Die Anspielung.

Es ist schon eine Höchstleistung für ihn, dort auf der Bühne im Rampenlicht zu stehen und Fachtermini zu schmettern, dass es nur so kracht. Aber auch seinen Fans im Parkett verlangt der gute Jonas so manches an Konzentrationsvermögen ab. Es ist zwar vor allen Dingen, was er sagt, das die Zuhörer in seinen Bann zieht, aber auch wie er es sagt, trägt einen guten Teil zur Begeisterung bei.

Klar, darf bei einem solchen Themenpotpourri auch ein Hieb auf Bundespräsident Wulff – „ist der noch im Amt?“ – nicht fehlen. Wulff, der mit seiner gebutterten Stimme, die so klingt, als sei sie von Otto Waalkes synchronisiert, Sternsinger empfängt. Wulff, der sich die Integration auf die Fahnen geschrieben und geäußert hatte, dass der Islam zu Deutschland gehört, kommt bei Jonas nicht gut weg.

Zwei Stunden gute Laune

Dies gibt dem Kabarettisten Gelegenheit zu einem Exkurs in die Geschichte. Die Integration habe bereits vor mehr als 1000 Jahren bei Karl Martell begonnen. Der schlug 732 die Araber. Weiter ging’s mit der Integration im 16. und 17. Jahrhundert, als die Türken vor Wien standen, wo sich Kaffeehausbesucher eher genervt als bedroht fühlen.

Überhaupt: Die Wissenschaft hat es Hubert Unwirsch angetan. Nicht nur die Historie, nein, auch die Physik. Größten Respekt zollt er Physikern, denn die wollen herausgefunden haben, dass sich das Universum schneller ausdehnt als bisher angenommen. „Das hätte ich nicht gedacht.“ Außerdem hätten Wissenschaftler in der Schweiz kürzlich festgestellt, dass es Teilchen gebe, die schneller seien als das Licht. Gut, dass Unwirsch die Relativitätstheorie nie ganz verstanden habe, das Wissen wäre jetzt nutzlos gewesen.

Die Politik nimmt er in seinem Programm so en passant aufs Korn. Die CDU sei eine neue SPD. „Ich warte auf den Tag, an dem sie fusionieren. Und die Grünen kümmern sich um die Schöpfung.“ Das habe der Streit und die Niederlage bei der Volksbefragung in Sachen Stuttgart 21 bewiesen. Er selbst allerdings sei heimlich Anhänger der Piratenpartei. „Endlich haben auch die Ahnungslosen eine Vertretung!“, ruft Jonas. „Würde man deren Potenzial voll ausschöpfen, wären ganz andere Mehrheiten möglich.“

Klar, dass sich der Kabarettist auch mit der Wirtschaftskrise auseinandersetzt, als deren Auslöser die Gier identifiziert worden ist. Und auch hier greift er wieder auf die Wissenschaft zurück, auf Evolutionstheorie, und malt etwa das Bild von Nomaden, die im Rollator auf Jagd gehen. Gier, „das ist eine ganz gesunde Sache“.

Im zweiten Teil der Show ist Bruno Jonas richtig warm gelaufen, er amüsiert nicht nur sein Publikum, sondern, so scheint’s zumindest, auch sich selbst prächtig. Da stört es auch nicht, dass Techniker Andi zweimal auf die Bühne muss, um das knackende Mikrofon in Ordnung zu bringen. „Gehört das zum Programm?“, fragt eine Frau. „Nein“, antwortet Jonas, aber so ganz abnehmen will man es ihm nicht. Fazit: Zwei Stunden gute Laune von einem mit Köpfchen.

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