„Freunde Kameruns“ beunruhigt

Bürger verhaftet oder verschwunden

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Horst Peter Jäger vom Verein „Freunde Kameruns“, sorgt sich um die Zukunft im zentralafrikanischen Land.

Dietzenbach - Rund 10.000 Euro nehmen die „Freunde Kameruns“ jährlich in die Hand, um vor allem Kinder in den ländlichen Gegenden des zentralafrikanischen Landes zu unterstützen. Doch aufgrund der angespannten Lage stockt die Hilfe aus der Kreisstadt. Von Barbara Scholze 

Horst Peter Jäger, Vorsitzender des Vereins „Freunde Kameruns“ mit Sitz in Dietzenbach, macht sich große Sorgen. Einmal mehr gibt es in den zwei englischsprachigen Provinzen des zentralafrikanischen Landes, das zwischen Nigeria und Gabun gelegen ist, Unabhängigkeitsbestrebungen, verbunden mit Demonstrationen, die von der Staatsmacht mit großer Brutalität niedergeschlagen werden. Medienberichten zufolge sollen in den vergangenen Tagen acht Menschen ums Leben gekommen sein, Amnesty International spricht gar von 17 Opfern. „Ich gehe davon aus, dass es wesentlich mehr sind“, befürchtet Jäger. Dabei muss sich der profunde Kenner der Verhältnisse vor Ort mit einer eingeschränkten Informationslage abfinden. Neben einer Ausgangssperre hat die kamerunische Zentralregierung vor einigen Tagen das Internet wieder abgeschaltet.

Es sind die beiden englischsprachigen Provinzen in Westkamerun, die seit langer Zeit versuchen, ihre Identität zu wahren. Über soziale Netzwerke haben sie zum 1. Oktober ein eigenes Land ausgerufen, mit dem Namen Ambasonien. Etwa ein Viertel der insgesamt rund 21 Millionen Einwohner Kameruns lebt in den anglofonen Westprovinzen, frustriert sind sie von der Entwicklung des Staates, in dem ihnen per Verfassung unter anderem eine englische Amtssprache zusteht, was die Zentralregierung aber meist nicht gewährt.

„Ich habe in der vergangenen Woche von den neuen Unruhen gehört“, berichtet Jäger. Gemeinsam mit seiner Frau hat er in den 70er-Jahren eine Zeit lang in Kamerun als Entwicklungshelfer und für ein Energieversorgungsunternehmen gearbeitet. „Wir haben die damalige Vereinigung von Ost- und Westkamerun hautnah miterlebt“, sagt er. Als ehemalige deutsche Kolonie fiel Kamerun nach dem Ersten Weltkrieg an England und Frankreich. Beide Teile erklärten sich schließlich unabhängig und im Jahr 1972 kam es zur Gründung der Vereinigten Republik Kamerun. „Aber von der englischen Seite her gab es von Anfang an Proteste“, weiß Jäger. Die Westkameruner fühlten sich von der frankofonen Zentralregierung diskriminiert, sprachlich und in der Beteiligung am Staat. So ist etwa von 39 Ministerien nur eines englischsprachig besetzt. Lehrer, Richter oder Polizisten, die in den Westen kommen, sprechen meist nur wenig, oder überhaupt kein Englisch. Gut im Blick hat der 84-jährige Präsident Paul Biya, der sein Amt wohl eines Tages seinem Sohn vererben wird, dagegen die wertvollen Rohstoffe im anglofonen Westkamerun: Erdöl, Gold und Holz.

Was die Dietzenbacher nun besonders umtreibt, ist neben der Sorge um die Menschen, die ungewisse Zukunft der Projekte. Rund 10 000 Euro nehmen die „Freunde Kameruns“ jährlich in die Hand, um in den ländlichen Gegenden vor allem den Kindern zu helfen. Aktuell sollen davon rund 50 Waisenkinder profitieren, denen eine Schulausbildung ermöglicht wird. Seit einem Jahr allerdings ruht das Projekt, weil der Schulbetrieb im vergangenen November eingestellt wurde. „Zwar sind seit September einige Schulen wieder geöffnet, aber der Alltag ist noch nicht eingekehrt“, berichtet Jäger. Dazu kommt, dass in den vergangenen Monaten verstärkt Bewohner plötzlich verhaftet worden oder einfach verschwunden seien.

Die Nachrichten sind also sehr beunruhigend, zumal inzwischen befürchtet wird, dass es zu einem regelrechten Genozid kommen könnte, sagt der Vorsitzende der „Freunde Kameruns“. Dennoch hofft Jäger auf eine friedliche Einigung. „Allerdings wurden im August nach Verhandlungen mit der Regierung die Vertreter der westlichen Provinzen verhaftet, die Aggression steigt also, fürchte ich.“ Auf weitere Informationen warten Jäger und seine Mitstreiter nun anlässlich der Mitgliederversammlung der „Freunde Kameruns“ am Samstag, 14. Oktober, um 11 Uhr im Gemeindesaal der evangelischen Christus-Gemeinde (Pfarrgasse 3). Anwesend sein soll dann ein Vertreter der Partnerorganisation in Kamerun, der aktuell berichtet. „Unsere Versammlung ist öffentlich und wir freuen uns über jeden Interessierten“, kündigt Jäger an.

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