700 Besucher beim Bürgermeister-Forum

Dietzenbach - Bei der Podiumsdiskussion der Offenbach-Post zur Direktwahl ist das Bürgerhaus-Capitol an die Grenzen seiner Kapazität gestoßen. Die Kandidaten schlugen sich tapfer. Von Katharina Platt

Was genau den größten Saal der Kreisstadt fast zum Bersten brachte, ist nicht sicher. Auf jeden Fall kann in Dietzenbach von Politik-Verdrossenheit keine Rede sein. Zumindest ein Zeichen hierfür setzten die Besucherströme beim Bürgermeister-Forum der Offenbach-Post.

Gekommen waren einige, um ihren Kandidaten zu unterstützen und andere, um fünf Tage vor der Wahl eine Entscheidung, wo das eigene Kreuzchen gemacht werden soll, treffen zu können. Am Dienstagabend saßen sie endlich auf der Bühne im Capitol des aus allen Nähten platzenden Bürgerhauses: die vier Bürgermeisterkandidaten der Kreisstadt.

Heiß diskutiert wurde beim Bürgermeister-Forum in Dietzenbach.

Bei der Podiumsdiskussion standen Kornelia Butterweck (CDU), Jürgen Rogg (parteilos), Rainer Engelhardt (SPD) und Lothar Niemann (unabhängig) den 700 interessierten Besuchern Rede und Antwort. Zwar geeint durch den Wunsch, die Geschicke der Stadt zu leiten, trennten die vier Kandidaten doch ganz unterschiedliche Ansätze, wie Dietzenbach am besten zu regieren sei. Zu den vier Themenbereichen „Sicherheit und Sauberkeit“, „Soziales, Kultur und Integration“, „Stadtplanung, Bauen und Verkehr“ und „Wirtschaft und Finanzen“ stellte Moderator und Redaktionsleiter  Christoph Zöllner Fragen an die Anwärter, unterstützt von den Offenbach Post- Mitarbeitern Nina Beck, Barbara Scholze und Sebastian Faerber.

Im schwarzen Hosenanzug und freundlich lächelnd, erklomm Kornelia Butterweck als erste die Bühne, auf die 700 Augenpaare gerichtet waren. Viel sagen wollte die Stadtverordnetenvorsteherin von Anfang an. „Politik ist eine viel zu ernste Sache, als dass man sie nur Männern überlassen sollte“, erklärte sie ihre Beweggründe, das Amt der Bürgermeisterin zu übernehmen. Rainer Engelhardt erklärte, an die erfolgreichen Jahre vergangener SPD-Bürgermeister anknüpfen zu wollen.

Viele Fragen hatten die Bürger Dietzenbachs an die Kandidaten.

Lothar Niemann räumte gleich zu Beginn ein, dass Dietzenbach vor schwierigen Aufgaben stehe und er sich zutraue, diese Aufgaben zu lösen. Der parteilose Kandidat Jürgen Rogg schließlich forderte die Zuhörer auf, ihr Kreuzchen am Sonntag neben seinem Namen zu machen, weil er „mit Kraft und Kompetenz“ in der Lage sei, die Stadtverwaltung zu leiten. Der Vorsitzende der Dietzenbacher Grünen, Lothar Niemann, der als unabhängiger Kandidat antritt, machte während der knapp dreieinhalbstündigen Veranstaltung keinen Hehl daraus, dass sich sein Wahlprogramm in vielen Punkten um den Teilabriss des östlichen Spessartviertels dreht.

Seine Ausführungen kamen nicht bei jedem Besucher gut an. Niemann sei „der schlechteste Stadtrat“ gewesen, den er je erlebt habe, wetterte etwa der ehemalige SPD-Stadtverordnete Manfred Teufel in das Mikrofon an der Mikro-Insel, an der jeder Bürger Fragen an die Kandidaten stellen konnte. Ohne die Umsetzung des Teilabrisses werde es für Dietzenbach schwer werden, prophezeite indes der Grünen-Chef, der sechs Jahre lang Erster Stadtrat in Dietzenbach war. Kornelia Butterweck sieht in dem Abriss der oberen Stockwerke der Hochhäuser keine Lösung.

Imageverbesserung der Stadt liegt allen Kandidaten am Herzen

Die Optik muss sich ändern“, sagte sie. Der Stadtverordnetenvorsteherin schweben außerdem Nutzungsänderungen in den ersten Stockwerken vor. Mit dem Vorschlag, Praxisräume dort anzusiedeln, erntete sie jedoch einige Lacher aus dem Publikum. Rainer Engelhardt und Jürgen Rogg waren indes der Meinung, dass die Wohnanlage mit einer soliden Hausverwaltung durchaus zu verwalten sei.

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Das Thema „Spessartviertel“ wurde innerhalb der Diskussion immer wieder angesprochen, egal, ob es um das Image der Stadt, Integration oder den Freiwilligen Polizeidienstes ging. Allen Kandidaten liegt die Imageverbesserung der Stadt am Herzen. Während Engelhardt, Butterweck und Rogg die positiven Seiten Dietzenbachs betonen wollen, um einkommensstarke Familien und Firmen anzulocken, sieht Niemann die größte Chance im Teilabriss der fünf über die Grenzen der Stadt hinaus bekannten Hochhäuser.

„Ali muss nicht neben Sabine wohnen.“

Auch die Diskussion um das Thema „Sicherheit und Ordnung“ kam nicht ohne die berüchtigte Wohnanlage aus. Ob es den freiwilligen Ordnungshütern überhaupt zumutbar sei, durch das Brennpunkt-Viertel Streife zu laufen, wollte ein Besucher wissen und erhielt von Niemann, Butterweck und Engelhardt recht ähnliche Antworten. Man könne ohne Angst durchs Viertel laufen, meinten die Politiker. Nur Jürgen Rogg bestätigte, dass viele Bürger bei einem Abstecher durchs Quartier ein mulmiges Gefühl hätten. „Mit diesem Thema sollte man ehrlich umgehen“, betonte er und hatte damit einige Zuschauer auf seiner Seite.

Der geborene Würzburger stieß jedoch mit seiner Forderung, dass von den Migranten eine Mitarbeit zur Integration eingefordert werden müsse, auch auf Kritik. In der von Rogg beschriebenen „Balance zwischen Integration und der Bereitschaft, sich zu integrieren“ sah Besucher Thomas Strittmatter Grund genug, an dessen Sozialkompetenz zu zweifeln. „Was machen Sie denn, wenn Menschen diese Bereitschaft nicht zeigen?“, wollte er von dem Unternehmensberater wissen. Keiner müsse seine Freiheiten und seine Religion aufgeben, so Rogg. Aber Ali müsse nicht unbedingt neben Sabine wohnen.

Einsparungen halten alle Anwärter auf das höchste städtische Amt hinsichtlich eines Defizits von 17 Millionen Euro im laufenden Haushalt für unumgänglich. „Wir haben keinen Raum für Abriss-Ideologien“, sagte Engelhardt. Butterweck und Rogg setzen auf interkommunale Zusammenarbeit, um Gelder einzusparen. Privatisierungen seien unter keinem von ihnen zu erwarten, betonten alle vier Bewerber. Annäherungen waren auch beim Thema Jugendzentrum zu erkennen. Die Bedeutung von Angeboten für Jugendliche stellte keiner der Kandidaten in Frage. Rogg betonte jedoch, dass sich nicht nur das Gebäude des Zentrums ändern müsse, sondern auch dessen Konzept. „Deutsche findet man dort nicht“, sagte das ehemalige CDU-Mitglied. Niemanns Antworten machten klar, dass er die Finanzen der Kreisstadt immer im Blick hat.

Bevor Maßnahmen wie etwa eine Reduzierung der Gruppengrößen in Kitas umgesetzt werden könnten, müsse erst das Haushaltsdefizit heruntergeschraubt werden. An seinen Erfahrungen im Politik- und Verwaltungsbereich ließ der Grüne keinen Zweifel. Auch Engelhardt gab zu erkennen, dass er durch seine Tätigkeit im Magistrat bereits Kenntnisse und Erfahrungen gesammelt hat. Rogg, der als einziger Bürgermeisterkandidat kein politisches Amt innehat, hatte sich indes gut über die Vorgänge in der Stadt informiert. Musste er bei einer Frage passen, verwies er dankbar auf die Antworten seiner Gegenkandidaten.

Raunen und Lachen aus dem Zuschauerraum

Butterweck demonstrierte, dass ihr das Thema Integration besonders am Herzen liegt. Die Leiterin des derzeit ruhenden „Arbeitskreises Integration“ machte deutlich, dass sie sich der Probleme bewusst ist. Trotz Kritik hält die CDU-Kandidatin an ihren Ideen wie etwa dem Umzug des Polizeireviers in den ehemaligen Starkenburgring fest. Die Besucher sorgten mit ihren Fragen und kritischen Anmerkungen für interessante und bürgernahe Diskussionen. Das Publikum bewertete einige Male die Antworten der Kandidaten mit einem Raunen oder lauten Lachern, die jedoch keinen der Politiker auf dem Podium aus der Ruhe brachten.

Jedem Kandidaten gelang es auf seine Weise, seine Kompetenzen darzustellen. Ließen sich auch kleine Fettnäpfchen nicht ganz vermeiden, so präsentierte die Kreisstadt doch vier Bürger, die sich nicht nur mutig den Fragen und der Kritik der Dietzenbacher stellten, sondern sich auch den Problemen der Stadt annehmen wollen.

Rubriklistenbild: © Towae

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