„Ich bin ein Hip-Hop-Gewächs“

Bundestagswahl 2021: Sozialdemokrat Tuna Firat verliert gegen seinen Konkurrenten

Im Gespräch mit einer Wählerin: Tuna Firat unterhält sich über niedrige Löhne und hohe Mieten.
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Im Gespräch mit einer Wählerin: Tuna Firat unterhält sich über niedrige Löhne und hohe Mieten.

Es sind die letzten Stunden vor der Wahl. Vertreter von CDU, SPD, Grünen und FDP buhlen vor dem Rathaus-Center um die Aufmerksamkeit der Wähler. Diese erscheinen bei strahlendem Sonnenschein aber nur vereinzelt auf dem Europaplatz, werfen einen skeptischen Blick auf die Stände und wenden sich meist desinteressiert ab. Nur wenige suchen das Gespräch und haben Fragen zu politischen Inhalten.

Dietzenbach - „In Mühlheim war deutlich mehr los“, sagt Sozialdemokrat Tuna Firat, der sich um ein Mandat im Bundestag bemüht. Allerdings sei der Tag vor der Wahl für das Ergebnis höchstwahrscheinlich nicht mehr entscheidend. Die Anwesenheit der Parteien auf dem Europlatz sei wohl eher eine Erinnerung daran, überhaupt wählen zu gehen. In ihm, so gesteht Firat, sei hingegen so kurz vor dem Ziel ein wahrer Nervenkrieg ausgebrochen. „Ich kann jetzt nichts mehr tun, um die Menschen von mir zu überzeugen“, erklärt der Dietzenbacher den Grund für seine angespannten Nerven. Ihm bliebe jetzt nur noch die Gewissheit, dass er alles getan habe, um ein gutes Resultat zu erzielen.

Seine Nervosität weiß der 40-Jährige jedoch gut zu verbergen. Korrekt gekleidet in ein schwarzes Sakko mit weißem Hemd und einer dunkelblauen Jeans sowie dem beständig breiten Lächeln wirkt Firat wie der Prototyp eines souveränen Politikers. Auch den Rechtsanwalt, der Beruf, den er seit zwölf Jahren ausübt, kauft man ihm sofort ab.

Dabei trifft Firats Aussage, „Ich bin ein Hip-Hop-Gewächs“, sein Gegenüber völlig unvorbereitet. Seine Leidenschaft für die Musik sowie den entsprechenden Lebensstil habe er bereits in seiner Kindheit entdeckt. Denn in der Nachbarschaft seiner Familie, die zu dieser Zeit in Rödermark lebte, wohnten amerikanische Offiziere. „Ihre Kinder sind schon damals mit Skateboards durch die Straße gefahren“, erzählt der Sohn türkischer Eltern. Es dauerte nicht lange, bis auch er die begehrten Sportschuhe „Nike Air Force 1“ hatte. „Ich habe so lange gebettelt, bis ich ein Paar davon besaß“, erinnert sich Firat.

Doch auch Graffitis weckten seine Begeisterung. Das erste habe er auf dem Zug entdeckt, der ihn jeden Morgen zur Schule gebracht hat. Anfangs zeichnete er die Schriftzüge nur nach. Später dann griff der heutige SPD-Kandidat dann selbst zur Spraydose. „Ich habe jedoch nur dort gesprüht, wo es erlaubt war“, betont er. Hip-Hop-Musik hört Tuna Firat heute noch gerne. Und so zählen etwa Azad und Kool Savas zu seinen Lieblingskünstlern. „Ich kann ohne Probleme ein Lied von Azad anmachen und es mitrappen“, sagt er.

Von diesem Talent ahnt das Tochter-Vater-Gespann, das ihn dann doch noch am Samstagnachmittag mit Fragen löchert, nichts. Während sich der Vater für die Rolle von Altkanzler Gerhard Schröder in Russland interessiert, stehen für die Tochter niedrige Löhne und zu hohe Mieten im Mittelpunkt des Interesses. Eine Lösung für Letzteres zu finden, sei ihm ein großes Anliegen, versichert Firat.

Denn entgegen dem, was manch einer über ihn in den Sozialen Medien schreibt, kann der SPDler trotz seines Berufes als Rechtsanwalt solcherlei Sorgen durchaus nachvollziehen. „Meine Eltern waren Facharbeiter und Mitglieder bei der IG Metall“, erzählt der Bundestagskandidat. So sei er selbst bereits als Kind mit zu Demos nach Bonn gefahren. In seinem Jurastudium sei er hingegen von seiner Herkunft her ein absoluter Exot gewesen.

Inwiefern er sich in Berlin jedoch tatsächlich für bezahlbaren Wohnraum und faire Löhne einsetzen kann, vermochte Firat am Samstag noch nicht vorherzusagen. „Ich muss erst einmal abwarten, wo genau ich eingesetzt werde, wenn sich die Wähler für mich entscheiden“, macht er deutlich.

Das vorläufige Ergebnis am Wahlabend zeigt: Tuna Firat liegt hinter Björn Simon (CDU). Während der Christdemokrat 27,83 Prozent der Stimmen für sich verbuchen konnte, haben sich für Firat nur 26,35 Prozent der Wähler entschieden. „Dieses knappe Resultat ist ein wenig schwer zu verdauen“, gesteht er. Immerhin: Der Kreisstädter hat durchaus noch die Chance, über die Liste seiner Partei in den Bundestag einzuziehen. Inwiefern dies eintrifft, wird sich jedoch erst in den kommenden Tagen zeigen. (Von Anna Scholze)

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